20.05.2011

Christoph Twickel: Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle

Von: Ulf Dietze

In der RadCity 3/2010 diskutierten Dirk Lau und Dirk Pfaue über die »Bündnisfähigkeit des ADFC«. Dirk Lau regte an, mit Gruppen zusammen zu arbeiten, die sich ebenfalls für eine ökologische, nachhaltige Stadtentwicklung einsetzen, wie zum Beispiel die Recht-auf-Stadt-Bewegung.

Welche Strategien, Mechanismen und Entwicklungen gibt es in der Quartiersentwicklung? Dieser Frage geht der Journalist Christoph Twickel in einem neuen Buch nach.

»Die Botschaft ist klar: Man will wirtschaftlich potente Einwohner anlocken und ärmere Bevölkerungsgruppen fernhalten. Nicht die real existierende Stadtbevölkerung und ihr Bedarf sind der Maßstab politischen Handelns, sondern das Ziel, den Stadtraum attraktiv für Investitions- und Wohnortentscheidungen der anvisierten Klientel zu machen«.

Twickel sieht eine Umverteilung aus Mitteln des Gemeinwesens in Richtung privater Kapitalanleger: Die Stadt bürgt mit Mietpreisgarantien – das Risiko der privaten Investition wird verstaatlicht.

Der Autor zeigt, warum auch die Große Bergstraße ihren Wert hat, warum nicht für jeden der gentrifizierte »Branchenmix aus Feinkostläden, Biosupermärkten, Kinderboutiqen, Friseuren und kleinen, feinen Bistros« geeignet ist.

Heute sind viele Akteure aus dem Kultur- und Szene-Bereich selbst zu weichen Standortfaktoren geworden. Sie schaffen das bunte Flair, das jene anzieht, die erstere nicht wollen. Einige nutzen das für ihre eigene Lobbypolitik und andere setzen sich mit dieser unfreiwilligen Rolle kritisch auseinander. Ein Aktivist der Komm-in-die-Gänge-Initiative: »Wir wollten unter anderem Strategien entwickeln, wie wir es schaffen, als Künstler oder Kreative nicht immer nur Pioniere für einen Aufwertungsprozess oder eine Imageverbesserung von Orten zu sein«.

Die Unterschiedlichkeit von Menschen und Lebensweisen ist die Keimzelle einer lebendigen Stadt. Das haben auch Politik und Investoren begriffen. Mit Hilfe von Eventagenturen werden scheinbar kreative Nutzungen öffentlicher Räume (Hafencity, Frappant-Gebäude) inszeniert, um für ansonsten eben sterile Bauprojekte zu werben.

Die Bürgerbeteiligung an der Quartiersentwicklung bietet nur wenige Möglichkeiten. Die öffentliche Hand zieht sich zurück. So verkommt ein Gebiet oder ein Gebäudekomplex so weit, dass irgendwann der Investor Ikea als »Heilsbringer« daherkommt. Und der Wert von Grundstücken und Gebäuden bemisst sich irgendwann nicht mehr am heutigen Wert sondern an dem in der Zukunft erzielbaren. Alles um den »Ankermieter« herum muss homogenisiert werden. Unerwünschte Personengruppen, Einrichtungen der Subkultur usw. gilt es dann zu vertreiben.

Kein Buch ganz direkt zu den ureigensten ADFC-Themen. Aber interessante Lektüre für den Blick darüber hinaus.

Ulf Dietze in RadCity 3/2011 (korrigiert)

Christoph Twickel: Gentrifidingsbums – oder eine Stadt für alle.
Nautilus, 2. Auflage 2011, Broschur, 128 Seiten, € (D) 9,90