16.01.2015

G. Krüger, G. Kähler: Hamburg aus der Luft 1954 – 1969

Von: Ulf Dietze, Michael Link
29.08.1966: Stau in der Ost-West-Straße; Foto: Günther Krüger, © Alexander Kirchheim
29.08.1966: Stau in der Ost-West-Straße; Foto: Günther Krüger, © Alexander Kirchheim
Günther Krüger (Fotos), Gert Kähler (Text): Hamburg aus der Luft 1954–1969. Eine Stadt erfindet sich neu
Günther Krüger (Fotos), Gert Kähler (Text): Hamburg aus der Luft 1954–1969. Eine Stadt erfindet sich neu

Eine Stadt erfindet sich neu.

Das großformatige Buch zeigt 110 Luftbilder von Hamburg. Wir sehen Stadtteile mit Kriegszerstörung, Neubauten und Straßenzüge, die gerade entstehen. Fotografiert hat das alles Günther Krüger.

Krüger war der erste festangestellte Fotograf des Hamburger Abendblatts. Ab 1953 machte er regelmäßig Luftaufnahmen der Stadt, von denen aber viele nie veröffentlicht wurden.

Die Texte im Buch stammen von Gert Kähler. Er hat Architektur studiert, promoviert und habilitiert und ist seit 1988 freiberuflich als Journalist und Wissenschaftler tätig. Seine Schwerpunkte sind Stadtplanung und Architektur.

Kähler umreißt faktenreich die jeweiligen stadtplanerischen Überlegungen hinter den Motiven. Das ist in etwas das Rezept für das Buch: Erklären, was war und was daraus gelernt wurde. So muss man also viele neue Bauten auch aus der Geschichte begreifen. Drei Beispiele dafür sind besonders markant: Fakt 1: Im 19. Jahrhundert hatten enge Gassen und schlecht ausgestattete Wohnungen die Ausbreitung von Krankheiten beschleunigt. Fakt 2: In den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts war die geschlossene Blockrandbebauung eine der Ursachen für die schnelle Ausbreitung der Feuer im Bombenkrieg. Fakt 3: Noch im Jahre 1960 waren zigtausende Menschen in Notunterkünften untergebracht, weil der Nachkriegswohnungsbau den Bedarf nicht decken konnte. Schon diese drei Erfahrungen der Städtebauer machen „den neuen Geist“ verständlich etwa der Grindelhochhäuser oder in der Bebauung Lohbrügges: offenes Gelände, mit Abstand zueinander errichtete hohe Gebäude, die Blicke von der Straße ins Gelände erlaubten.

Damit all das deutlich wird, enthält der Band auf der rechten Seite jeweils ein formatfüllendes Foto. Auf der linken Seite erläutert der Autor Hintergründe: Zeitgenössische Diskussionen um die Gebäude oder die Straßenraumgestaltung, politische und wirtschaftliche Entwicklungen mit Einfluss auf den Stadtraum, und was sich die Architekten zu ihren Bauten so gedacht hatten.

Die Texte, die Hamburgs Geschichte seit etwa 1880 nachzeichnen, sind durchaus kritisch, was die Stadtplanung angeht und den Raum, der dem Autoverkehr eingeräumt wird. Jedoch enthält sich der Autor einer abschließenden Wertung.

So schreibt er an mehreren Stellen über das Paradebeispiel Ost-West-Straße. Zu einem Foto vom 26. Juni 1959 von der Straße im Bau: „(...) der geschwungene Verlauf der Trasse zwischen den Kirchen hindurch zeigt auch: Man wollte keine gerade Achse, nichts, was auch nur entfernt an den Marschtritt der Nazis erinnerte. Im Gegenteil, man wollte in eleganter Fahrt die Hauptkrichen erlebbar machen, und wenn man mit seinem Volkswagen die damals nur selten verstopfte Straße hinunterfuhr, sollte die sich während der Fahrt schwingend verändernde Perspektive ein Gefühl von Freiheit und Aufbruch vermitteln. Tat sie auch, solange man nicht im Stau stand.

(...) Was hier gemacht wurde, war nicht – entgegen der heute weitverbreiteten Meinung über die Straße – die Opferung innerstädtischen Wohnraums zugunsten des Verkehrs. Was hier entstand, war ein Stück neuen Städtebaus, mit großzügigen, offenen Räumen, wie er einer Demokratie angemessen schien (...).

Die Anschauung darüber, ob das richtig war, veränderte sich allerdings im Laufe der Zeit. Die Autos wurden vom Inbegriff einer neuen Freiheit zur Belastung durch Auspuffgase und Stau, die Verbindung zwischen Innenstadt und Hafen wurde wieder wichtiger. Seitdem wird heftig darüber diskutiert, welche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation getroffen werden können.“

Auf vielen Seiten befindet sich neben dem Kommentar noch eine Skizze, auf der wesentliche Straßen, Gebäude und Standorte später dort gebauter Häuser benannt sind. Das erleichtert die Orientierung beim Betrachten der Fotos.

Zu jedem Foto ist außerdem das exakte Aufnahmedatum angegeben. Das erlaubt interessante Blicke auf Straßenzüge mit vereinzelten Autos, bei denen man sich gut vorstellen kann, dass es da relativ verträglich zuging. Aufnahmen, die nur fünf oder zehn Jahre später entstanden, zeigen jedoch volle Straßen und viele, viele geparkte Autos.

Nochmal der Autor zur Ost-West-Straße, nun zum Foto vom 29.08.1966: „Die angestrebte schnelle Verbindung von den Elbbrücken nach Altona hatte sich als ebenso richtig wie falsch herausgestellt und bewies im Paradoxon einen der großen Irrtümer der Verkehrsplaner: richtig, weil sich zeigte, dass der Bedarf nach der Querverbindung vorhanden war. Falsch, weil sich herausstellte, dass die Schaffung neuer Verkehrstrassen auch neuen Verkehr erzeugt. Wenn die Planer seinerzeit die Ost-West-Straße mit fünf Spuren in jeder Richtung oder sogar kreuzungsfrei mit Tunneln geplant hätten, wäre sie vermutlich immer noch überfüllt.“

Viele der Fotos bieten jüngeren Lesern noch nie gesehene Ansichten. So beeindruckt ein Foto mit der Baustelle der S-Bahnstrecke quer durch die Binnenalster. Aber auch die vielen Gebäude, die auf den Fotos gerade neu gebaut zu sehen sind – und heute schon nicht mehr stehen, bieten Anlass, über Stadtentwicklung nachzudenken.

Ulf Dietze, Michael Link

eine Kurzversion dieser Rezension erschien in RadCity 1/2015

Günther Krüger (Fotos), Gert Kähler (Text: Hamburg aus der Luft 1954–1969. Eine Stadt erfindet sich neu
180 Seiten
110 Duotonabbildungen, 40 Lagepläne
Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen
Folioformat, 29,4 x 31,2 cm
ISBN 10: 3-86218-068-9
ISBN 13: 978-3-86218-068-4
49,90 Euro