15.07.2014

Prof. Dr. Schmidt-Bleek: Grüne Lügen

Von: Ulf Dietze
Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek: Grüne Lügen
Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek: Grüne Lügen

Wer sich einen energiesparenden Kühlschrank mit A+++-Aufkleber zulegt, tut das häufig auch in dem Glauben, damit der Umwelt etwas Gutes zu tun. Die Firma, die Hybrid-Autos oder E-Autos baut, wird als ökologisch fortschrittliche Fahrzeugschmiede gelobt. Und wer mit Solartechnik dem Klimawandel entgegenwirkt, macht sowieso alles richtig. – So ungefähr funktioniert »Umweltschutz« weltweit. Dieses Fokussieren auf die Energieefizienz beim Gebrauch des Produkts kritisiert Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek.

Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek ist Chemiker, entwickelte Ende der 70er-Jahre im Bundesministerium für Umwelt das Chemikaliengesetz mit, ist Gründungsvizepräsident des Wuppertal-Instituts und arbeitete als Abteilungsleiter bei der OECD.

Schon vor zwanzig Jahren entwickelte er ein Konzept, das den Ressourcenverbrauch bei der Herstellung eines Produkts mit einbezieht. Bei dieser Betrachtung des Materialeinsatzes geht es weniger um die reinen Stoffmengen, die man fürs Produkt benötigt, als um die Flächenvernichtung für die Beschaffung der Materialien, die Menge des Bodenaushubs beim Gewinnen der Rohstoffe, den Energiebedarf dabei und beim Transport, die Denaturierung, den im Produktionsprozess anfallenden Abfall, den Energieaufwand für den Weg zum Händler usw.

Es ergibt sich je nach Material und Herkunft ein unterschiedlich großer »ökologischer Rucksack«, so dass sich z. B. Klarsichtfolie und Aluminiumfolie im Hinblick auf ihre Ökobilanz vergleichen lassen. Auch wenn die Werte dabei nur Annäherungen sein können und sich durch veränderte Beschaffungs- und Herstellungsprozesse im Laufe der Zeit ändern können oder durch erst später gewonnene Erkenntnisse über schädliche Nebenwirkungen eines Stoffes für die Umwelt, so ergeben sich doch bemerkenswerte Größen: In einem Kilogramm eines Produktes der Informationstechnologie stecken z. B. 600 kg »verbrauchter« Natur. Flächenverbrauch und Wasserverbrauch kommen bei dieser Rechnung noch hinzu. Noch detaillierter wird das Konzept, wenn man es »von der Wiege bis zur Wiege« betrachtet, also inklusive jenem Aufwand, der nötig ist, das Produkt soweit zurückzuführen, dass daraus neue Produkte entstehen können.

Letztlich verbraucht jeder Deutsche nach dieser Rechnung rund 60 t Natur pro Jahr, der US-Amerikaner 130 t und der Inder auf dem Land 3 t. Verträglich für den Planeten wären etwa 8 Tonnen pro Mensch und Jahr, rechnet der Autor vor.

Schmidt-Bleek nennt zahlreiche Beispiele dafür, dass dieser »Rucksack« an denaturierter Umwelt bei Kaufentscheidungen kaum eine Rolle spielt – denn der Einzelne hat ihn nicht zu bezahlen. Die Folgen für die Umwelt tragen nicht die Nutzer des Produkts. Augenfällig ist der Zusammenhang u. a. beim Elektroauto, wo die Produktion (vor allem des Kupfers), die Entsorgung und die ganzen damit verbundenen Folgen für die Umwelt hinter dem vermeintlich sauberen Fahren völlig verschwinden. Kurz zusammengefasst: Unsere E-Mobile hier sind mit erhöhter Luftverschmutzung in China erkauft.

Die Zukunft gehöre der Idee von »Dienstleistungsmaschinen«. Wir sollten also nicht das Produkt anstreben, sondern das, was es leistet. Und das sollte mit einem Zehntel des heutigen Ressourcenverbrauchs gelingen, damit Nachhaltigkeit gegeben ist.

Das Buch liest sich flott, enthält einige Wiederholungen und manche Rechnung erscheint auch etwas verkürzt. Aber der Grundgedanke bleibt interessant. Das Konzept ist auf diversen Konferenzen und in einigen Gremien in den letzten zwanzig Jahren aufgenommen und erörtert oder erweitert worden. In die Politik hat es nach Meinung des Autors bislang praktisch keinen Eingang gefunden.

Schmidt-Bleek strebt an, Maßnahmen, die für die Umwelt ergriffen werden sollen, von der Wiege bis zur Wiege zu betrachten. Unter diesem Aspekt sind Aktionen wie die Abwrackprämie oder die angedachte Preisgestaltung bei der Maut-Vignette völlig verfehlte »Umwelt-Politik«. Wenn bestraft wird, wer ein Produkt länger nutzt, ohne dass tatsächlich geguckt wird, ob die Umweltfolgen einer Neuanschaffung nicht viel größer wären, der macht in Wahrheit keine Politik zu Gunsten der Umwelt.

Friedrich Schmidt-Bleek: Grüne Lügen. Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft - wie Politik und Wirtschaft dieWelt zugrunde richten.
Ludwig, München
304 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-453-28057-1
19,99 Euro

Links

Umweltbundesamt: Das Faktor X-Konzept (mit Film)

Wuppertalinstitut: Projekte und Tabellen zum ökologischen Rucksack