30.05.2015

Radsporttraining mit der Methode Obree

Von: Dirk Lau

Wer sportlich Rad fährt, will besser werden, will schneller sein. Kaum etwas verschafft Radsportlern eine solche innere Befriedigung – neudeutsch »Kick« –, wie bei einem kleinen Anstieg mit ein paar kräftigen Tritten an anderen vorbeizuziehen – und sei es auch nur bis zum nächsten Anstieg, an dem einem dann schon wieder die Puste fehlt. Ziel jeden Trainings, und das gilt ganz besonders für die so genannten Jedermänner, ist es also, die paar »Extra-Körner« zu erlangen, die uns vor den Konkurrenten schieben. Natürlich mag es auch die geben, die sich durch Training einfach nur fit halten wollen und schon zufrieden sind, wenn sie schwitzen, oder die mehr Wert auf ihr Outfit auf dem Rad legen, als auf die Wattzahl, die sie treten können. Diese Radsportler brauchen keine Tipps, leben glücklich und zufrieden und müssen hier nicht weiterlesen.

Dem weit verbreiteten Bedürfnis der meisten Kollegen aber, schneller zu sein als der andere, entspricht das unüberschaubare Angebot an Trainingsratgebern, Kaufberatern, Experten-Blogs im Internet usw. Die Vielzahl der »Wege zum Erfolg« macht ratlos: Der eine trainiert nur bei Vollmond, bei dem anderen ist alles aus Carbon, der dritte schraubt jedes überflüssige Teil von seinem Rad ab, um mit dem Gewichtsvorteil zu punkten, der vierte ernährt sich nur von Kartoffeln …

»Keep it simple«, lautet dagegen der Rat des einstigen Bahnrad-Stundenweltrekordlers Graeme Obree, 1965 in Schottland geboren. Statt uferloser Materialschlachten und anderen Irrwegen setzt der »Flying Scotsman«, so der Titel von Obrees Film-Biographie (2006), auf eine systematische Steigerung des individuellen Leistungsvermögens.

Seine Methode stellt er jetzt in seinem neuen Buch detailliert vor*. Ihr größter Vorteil: Sie soll dem Radsportler zusätzliche, womöglich überflüssige Geldausgaben, etwa für einen neuen Radcomputer oder eine Pulsuhr, neumodischen Schnickschnack wie Leistungsdiagnostik, Pülverchen oder superleichte Carbonrahmen ersparen. Ein präzise eingestellter Rollentrainer, ein zuverlässiges Rennrad, und eine Portion »gesunder Menschenverstand« sei alles, was Radsportler brauchen, um »ohne kostspieligen Aufwand ein paar Prozent mehr aus sich herauszukitzeln«, verspricht Obree.

Das Wichtigste aber: Obree atmet unrhythmisch beim Radsporttraininig. Seine legendäre Drei-Zug-Atemtechnik, angeblich »eines der bestgehüteten Geheimnisse der Radsportwelt«, ist wesentlicher Teil der nach ihm benannten Trainingsmethode und wird hier enthüllt.

Dank dieser Methode könne der Radsportler mit weniger Anstrengung mehr Sauerstoff ins Blut befördern – und so seine Leistungsfähigkeit auf einfache Weise erhöhen. Aber Obree gibt auch Tipps für die Gestaltung von Trainingseinheiten, die Materialwahl, die richtigen Stretching-Übungen, Umstellung der Ernährung und Tritttechnik. Insoweit ist sein Buch auch ein konventioneller Ratgeber.

Obrees nur auf den ersten Blick verrückte Methode passt zu seiner sympathisch-spleenigen Erscheinung und Biographie. Nach seinen Stundenweltrekorden im Bahnradfahren 1993/94 nahm er an internationalen Straßenrennen und Zeitfahrrennen teil. Außerdem hielt er den Weltrekord in der Einerverfolgung und war 1993 und 1995 Weltmeister in dieser Disziplin. Im September 2013 stellte Obree dann mit 91 km/h bei den World Human Speed Championships in Battle Mountain (Nevada) auf seinem selbstgebauten Beastie Bike einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord mit einem »Human Powered Vehicle« in Bauchlage auf.

Aufsehen erregte Obrees spezielle Sitzposition auch auf dem Rennrad, bei der die Arme komplett an der Brust anlagen und der gesamte Oberkörper vornüber ragte. Der Umstand, dass er das Rad selbst gebaut hatte und dabei Lagerschalen einer alten Waschmaschine verwendet haben soll, brachte ihm die Sympathien der Radsportwelt. Obree soll keinen Auto-Führerschein besitzen, sondern stattdessen bei jedem Wetter alle Arbeits- und Besorgungswege mit einem voll ausgestatteten Trainingsrad absolvieren. Vielleicht ist dieses Detail aus seinem Leben insgeheim Obrees bester Tipp für Radsportler, um bessere Beine zu bekommen.

*Radsporttraining mit der Methode Obree. Ganz einfach besser Rad fahren
Covadonga, 2015
164 S., ISBN-13: 978-3936973983, 16,80 €