22.05.2012

Wolfang Schmidtbauer: Das Floß der Medusa

Von: Ulf Dietze

Dr. Wolfang Schmidbauer arbeitet als Lehrtherapeut und Paartherapeut und ist als Autor von Sachbüchern bekannt (»Die hilflosen Helfer«). Bereits seit vierzig Jahren äußert er seine Kritik an der Konsumgesellschaft. Im »Floß der Medusa« führt er aus, wie wir uns von Technik abhängig machen. Das Streben nach Konsum und dem Versprechen von Bequemlichkeit erinnere an Drogensucht. In diesem Zusammenhang zieht der Autor auch Verbindungen zum Auto als technischem Gerät und dem Autofahren als einer nicht unbedingt rational begründeten Tätigkeit.

Buch-Cover: Das Floß der Medusa
Wolfgang Schmidbauer: Das Floß der Medusa (Foto: Verlag)

Er kritisiert Technologien, die wir nicht beherrschen können, die nicht berücksichtigen, dass sie scheitern können. Sobald ein Fehler in dieser Technik auftritt, sind wir nicht mehr in der Lage, sie zu beherrschen. Schnell werde dann ein Detail als Ursache der Schwierigkeiten benannt, damit bloß nicht die Gesamttechnik in Frage gestellt wird. Man könnte hier als Beispiele die Atomenergie nennen oder die elektronisch aufgemotzte Autotechnik, die kein Autofahrer durchschauen kann, wenn mal eine Kleinigkeit nicht funktioniert.

Es ergibt sich aus »überlegener Technik« ein Machtproblem: Wer diese Möglichkeiten nutzt, »muss über das vom durchschnittlichen Menschen erwartete Maß hinaus gut sein, um die verführerische Macht seines Werkzeugs auszugleichen.« Und dieser Machtzunahme durch überlegene Technik sei der Mensch eben nicht gewachsen.

Um seine Thesen zu belegen, führt Schmidbauer zahlreiche Beispiele an. In der Konsumgesellschaft werde Technik systematisch benutzt, um süchtig zu machen. Ein Jugendlicher im Fiat Panda sei eigentlich besser vor dem Geschwindigkeitsrausch geschützt als ein Fahrer eines modernen, hochgezüchteten Wagens. Doch es gäbe da die »Fabel von der Aktiven Sicherheit« durch hohe Motorisierung: »Solche tröstenden Illusionen gehen davon aus, dass es ein konstantes, rational kontrolliertes Bedürfnis gibt zu überholen. Unter solchen Voraussetzungen wäre der Überholvorgang mit einem übermotorisierten Fahrzeug tatsächlich sicherer. Aber das Bedürfnis, schnell zu fahren und andere Fahrer hinter sich zu lassen, ist irrational und mit Fantasien der Macht und Überlegenheit verknüpft. Daher verführt der starke Motor zu Manövern, die er eben nicht absichern kann.« Wir haben es danach mit einer Technik zu tun, der wir psychisch nicht voll gewachsen sind: »Wer ein modernes Auto fährt, verliert jedes Gefühl, dass er in einem Geschoss aus dünnem Blech sitzt.«

»Solange die Automobile immer besser werden, sind wir davon abgelenkt, darüber nachzudenken, ob sie nicht prinzipiell unbekömmlich für den Menschen sind.«

Schmidbauer, der sich in früheren Büchern mit dem Drogengebrauch beschäftigt hat, sieht Parallelen zum Umgang der Gesellschaft mit dem Konsum. »Die Konsumgesellschaft ist das erste Experiment in der Geschichte, in dem jedem Individuum versprochen wird, es habe das Recht, über seine Verhältnisse zu leben. Luxus gab es schon, seit die ständischen Ordnungen der traditionellen Gesellschaften existieren. Er war ein Mittel, durch das sich die Oberschicht von den Habenichtsen unterschied. Aber noch nie hat eine weltweite Bewegung Luxus als Dauerzustand akzeptiert.«

Die Vertreter einer Gegenposition, die z. B. wegen Umweltbelastung oder zur Unfallvermeidung dazu aufrufen, das Auto einmal stehen zu lassen, haben es deshalb so schwer. Denn der Autofahrer hat das Gefühl: Die anderen fahren schließlich auch Auto und ich muss dann ja auf einen Teil meiner Bequemlichkeit verzichten. Die anderen im Luxus und ich übe Verzicht? Ich wäre ja schön blöd.

Diese Zusammenhänge machen die Arbeit der Umweltverbände nicht leichter ... »Besser als Gesundheitsappelle wären Verkehrssysteme, in denen Hand- und Beinarbeit wieder ihren Platz haben, Humanomobile bzw. Anthromobile statt motorbetriebener Fahrzeuge, Grünbahnen, um auf angenehme Weise von einem Ort zum anderen zu kommen. Die Beweislast muss umgedreht werden: Nicht der Radweg muss der Autostraße abgetrotzt werden, sondern die Autostraße braucht eine Zulassung, die so streng gehandhabt wird wie die von Maschinenpistolen.«

Auch auf weiteren Gebieten spricht der Autor sich für die Rückkehr zu Handlungsformen aus, die auf soziale Kontrolle setzen, wie z. B. bei der gemeinsamen Nutzung von Flächen oder Gegenständen. Der Appell lautet: Weniger Abhängigkeit vom Konsum und mehr Gebrauch von Technik, die ein Einzelner – und sei es ein Fachmann – noch durchschauen und ggf. reparieren kann.

Ulf Dietze in RadCity 3/2012

Dr. Wolfgang Schmidbauer
Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen
Murmann Verlag 2012, 212 Seiten, 19,90 Euro