12.08.2012

"Alternative mit kleinem Fußabdruck"

Von: Vincenz Busch

Till Wolfer ist Absolvent der Hamburger Hochschule für bildende Künste Design, Architektur und Theorie. Seit zwei Jahren interessiert der 29-jährige sich intensiv für soziale und ökologisch nachhaltige Stadtentwicklung und kam so zu der Fahrrad-Eigenbauszene. In Kopenhagen entwickelte er mit der Künstlergruppe N55 das XYZ SPACEFRAME VEHICLE Konzept. Seit Juni betreibt er im Hamburger Gängeviertel/ClubMeta eine offene Werkstatt als gemeinsame Forschungsplattform für die XYZ SPACEFRAME VEHICLES.

Rad vom anderen Stern: XYZ Spaceframe Vehicle © Fotos: Till Wolfer

Till, du hast an der Hamburger Kunsthochschule studiert. Wie kam bei dir das Interesse für Fahrzeugdesign zustande?
Der Begriff Fahrzeugdesign klingt immer sehr nach überstylten Oberflächen und Sportwagen-Messen, das interessiert mich nicht wirklich. Bei mir lief der Prozess eher umgekehrt ab: eine gesellschaftliche Fragestellung stand am Anfang. Wenn unsere Städte Orte des gemeinsamen Zusammenlebens sein sollen, wie ermöglicht man einer möglichst breiten Schicht erschwingliche Transportmöglichkeiten zu nutzen ohne unsere Städte weiter durch den Autoverkehr zu zerschneiden? Da lag das Lastenrad als Alternative »mit kleinem Fußabdruck« natürlich auf der Hand.

Wie hast du mit dem Fahrrad-Eigenbau begonnen und wie kam der Kontakt mit N55 zustande?
Ion Sorvin von N55 habe ich bereits zu meiner Zeit an der Hochschule kennen gelernt, er hatte dort eine Gastprofessur inne. Wir haben dann begonnen, in Kopenhagen miteinander zu arbeiten und waren beide an Fragen alternativer Transportmöglichkeiten interessiert. Ganz im Gegensatz zu Hamburg gehören gewöhnliche Lastenräder dort ja zum Alltag. Allerdings sind diese teuer und kaum auf individuelle Bedürfnisse zuschneidbar. Ein erschwingliches Lastenrad zu entwerfen, das jeder mit einfachsten Mitteln selbst bauen und modular auf die jeweiligen Bedürfnisse abstimmen kann, das musste der next step sein.

Wie verlief der Designprozess für die XYZ Spaceframe Vehicles und worauf habt ihr beim Entwerfen besonders geachtet?
Den Designprozess würde ich als gestalterisches Ping-Pong bis produktive Auseinandersetzung bezeichnen. Wir sind doch beide sehr unterschiedliche Personen, aber mit einer gemeinsamen Motivation. Beim Entwerfen haben wir darauf geachtet, nur Bauteile zu verwenden, die überall erhältlich und mit Standard-Werkzeugen zu verarbeiten sind. Die Kugellager sind zum Beispiel durch selbstschmierende Kunststoffscheiben ersetzt.

Für mehr Stabilität werden die Rahmenrohe rechtwinklig verschraubt.

Was sind für dich die wichtigsten Vorteile des XYZ Spaceframe Vehicles Designs?
Der wichtigste Vorteil ist, dass es Menschen ermöglicht wird, die Dinge, die sie in ihrem eigenen Lebensumfeld benötigen, wieder selbst herzustellen. Das meint hier: eine Transportmöglichkeit für mehrere Personen oder Lasten bis 150 kg. Ebenfalls von Vorteil ist die auch nachträglich noch vorhandene einfache Anpassbarkeit. Und nicht zuletzt: man kann alle Teile ohne Mühe wieder recyceln, weil man die Werkstoffe wieder einfach trennen kann.

Seit Juni betreibst du im ClubMeta in Hamburg eine offene Werkstatt und gemeinsame Forschungsplattform für XYZ Spaceframe Vehicles. Wie kamst du zu der Idee, eine solche Werkstatt zu gründen und was erwartest du für eine Resonanz?
Die Idee der XYZ SPACEFRAME VEHICLES ist ja erst gut eineinhalb Jahre alt und noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. Sie nun mit einer offenen Werkstatt von Kopenhagen nach Hamburg zu erweitern und auch hier im Dialog mit interessierten Menschen weiterzuentwickeln schien sehr sinnvoll.

Wie nehmen die Menschen die Werkstatt und das Design bis jetzt an?
Die XYZ Spaceframe Vehicles sind natürlich ein Hingucker, weil sie sich von der Optik und auch vom Konzept von anderen Rädern unterscheiden. Da findet man auf der Straße meist schnell viele Gesprächspartner. Und auch wenn das Fahren mit dem Lastenrad in Hamburg ja leider noch keine altbekannte Gewohnheit ist, sind die meisten Menschen nach einer ersten Testfahrt begeistert, was damit doch alles möglich ist.

Das betrifft auch die XYZ-Werkstatt: wir haben sie ja überspitzt XYZ FACTORY genannt, da sind die meisten Menschen schon erstaunt, dass dort eben nur eine Standbohrmaschine und eine Bandsäge stehen und keine ganze Fahrrad-Fabrik notwendig ist. Zur mittwochs zwischen 16 und 18 Uhr stattfindenden Sprechstunde sind alle Interessierten natürlich immer gerne eingeladen vorbeizuschauen.

Vincenz Busch in RadCity 3/2012

Bericht über Till Wolfers offene Werkstatt

Weitere Infos zum Lastenrad-Selbstbau:

www.werkstatt-lastenrad.de