01.06.2014

App aufs Rad

Von: Michael Link

Bei größeren Touren oder Ausflügen nutzen immer mehr Menschen ihr Smartphone als Navi. Was Sie dabei beachten müssen.

Fürs Auto gibt’s Navis schon länger, und kaum jemand lässt sich noch allein von Karten und Schildern den Weg weisen. Radfahrerinnen und Radfahrer sieht man dagegen selten mit einem Navi. Beim Alltagsradeln ist das verständlich: Schließlich sind die nähere Umgebung und der Weg zur Arbeit vertraut – da braucht es keinen Vorsager für den Weg mehr. Anders ist es bei Touren ins Unbekannte. Dafür nutzen einige eine Papierkarte oder deren wetterfest plastifizierte Version. Das will aber geübt sein, weil die Karte nicht von allein verrät, wo man sich gerade befindet. Eine Navi-App im Smartphone aber schon: Sie zeigt dank Satellitenortung den momentanen Standort auf wenige Meter genau an. Einige Miniprogramme (Apps) fürs Smartphone versprechen mehr und übernehmen sogar die gesamte Navigation beim Radfahren.

Warum Navi-Apps fürs Rad nicht perfekt sind

Navis fürs Fahrrad müssen zur Wegberechnung erst mal eine Menge vorher wissen; zum Beispiel, ob Sie mit dem Rennrad unterwegs sind, mit einem Trekkingrad oder einem echten Mountainbike. Danach richten sich die Wege, die Sie höchstwahrscheinlich benutzen wollen. Ein Rennrad ist schließlich auf einer Downhill-Piste deplatziert, so wie ein Trekking­rad, das aber auf unbefestigte Feldwege »darf«. Bei guten Navi-Apps können Sie also einstellen, mit welchem Gefährt Sie unterwegs sind. Doch woher weiß das Navi, welche Wege geeignet sind? Normale Navi-Karten unterscheiden gerade mal nach Autobahn, mehr- und einstreifigen Straßen und unbefes­tigten, für Autos befahrbaren oder nicht befahrbaren Wegen. Eine feinere Unterscheidung bieten im Prinzip Karten des Kartenprojektes Open Streetmap. Das basiert auf den von Freiwilligen gesammelten Daten, ist teilweise super, manchmal aber auch noch lückenhaft. Rundum perfekte Navi-Karten für Radfahrer gibt es derzeit leider nicht. Jedem Wegevorschlag einer App sollten Sie also mit einem gesunden Misstrauen entgegensehen. Selbst die guten Navi-Apps leisten sich des öfteren Totalausfälle in Sachen Routenqualität.

Was ist wichtig, was nicht?

Navi-Apps sind sehr verschieden: Die einen nehmen durch heruntergeladene Karten viel Platz auf dem Smartphone weg, die anderen sind zwar genügsamer, laden aber mit jeder Navigation den benötigten Kartenabschnitt erneut. Fernab der von Mobilfunkmasten mit mobilem Internet versorgten Zivilisation sind manche Apps so nützlich wie ein Brikett, weil sie sich ohne Netz nicht benutzen lassen. Andere brauchen zwar keinen Internetzugang, errechnen aber miese Routen. Wer – wie die meisten – das Smartphone mit einer Internet-Pauschale nutzt, braucht keine Angst davor zu haben, dass der Datenhunger von Navi-Apps die Flat bis an den Anschlag ausreizt. In der Regel brauchen Sie nie mehr als 25 Megabyte für einen langen Tagestrip. Einige Apps brauchen zur Zieleingabe unbedingt eine Internetverbindung, selbst wenn die Karten schon im Handy gespeichert sind. Dazu gehört beispielsweise Google Maps. Ob Ihre App auch so ein Kandidat ist, probieren Sie am besten aus, indem Sie vor der Zieleingabe mal kurz den Flugmodus einschalten. Funktioniert die App dann auch noch, ist sie »wildnistauglich«.

Welche App ist die richtige?

Die RadCity hat sich einige gängige Apps einmal angesehen. Die Kurzbeschreibungen finden Sie in den jeweiligen Kästen dazu. Solche Apps sind zwar nicht so wahnsinnig kostspielig, aber wer Reinfälle vermeiden möchte, sollte sich vor dem Herunterladen zusätzlich noch die jeweiligen Beschreibungen und Bewertungen der Apps im App-Store durchlesen. Sie geben manche Hinweise, ob irgendetwas Bestimmtes vielleicht besonders gut oder schlecht funktioniert.

Michael Link in RadCity 3/2014

Fünf Navi-Apps im Überblick

Komoot

Mit Komoot navigieren Sie direkt per App. Oder Sie planen Touren im Internetbrowser des Computers, speichern sie und rufen Sie per App am Handy ab. Pfiffig: Für spontane Ausflüge geben Sie Tourstrecke oder -dauer ein, und die App wirft passende »fertige« Touren in der Nähe aus. Dabei hat Komoot viele Fortschritte gemacht. Früher schlug die App Komoot bei einer Vorgabe »2 Stunden« auch schon mal eine Tagestour vor. Bei der Navigation berücksichtigt Komoot unterschiedliche Straßenbeläge und Radtypen. Wahlweise gibt es Abbiegehinweise auch per Sprachansage. Aufgebläht wird die App durch sinnfreie Highlights der Tour: Das sind wahllos aus Panoramio zusammengewürfelte Fotos der Gegend, in der Sie fahren.
Gut: Qualität der Routen, Sprachansagen (abschaltbar), Streckenaufzeichnung
Schlecht: Ohne Internetverbindung keine Zielsuche möglich, Vergrößerung der Karte etwas gering, nur im Hochformat, 
hoher Preis
Für: Android (ab 2.2), iOS (ab 7)
Kosten: App mit einer Region gratis, Karten für Deutschland 29,99 Euro (In-App-Kauf), keine Karten fürs Ausland

Naviki

Auch bei Naviki lassen sich Routen am PC-Browser planen und per App nutzen. Die App berechnet Routen nicht selbst: Das übernimmt ein Naviki-Server im Internet. Das geht so: Sie tippen am Smartphone Start und Ziel ein. Beides sendet die App an den Server, der dafür eine »kürzere Route« oder eine »Alltagsroute« auswürfelt. Der fertige Routenvorschlag wird wiederum samt Karte übers Internet an die Smartphone-App gefunkt. Die App zeigt die Strecke im Hoch- und Querformat an. Ohne Internetverbindung läuft also nichts. Im Test fiel zeitweise der Naviki-Server aus. Ob Sie schnell, gemütlich oder querfeldein fahren wollen, lässt sich nicht einstellen. Dennoch: Die App liefert für Trekkingräder praktische Vorschläge. Ansagen und Abbiegehinweise fehlen aber ganz.
Gut: Höhenmeter-Anzeige, Routen speicherbar, Hoch- und Querformat, Streckenaufzeichnung, gute Routenqualität
Schlecht: nur mit Internet-Verbindung nutzbar (für Zielsuche und Karte), gelegentlich Abstürze, Routenfarbe schlecht lesbar
Für: Android (ab 2.2), iOS (ab 4.3)
Kosten: gratis

ADAC Fahrrad-Touren-Navigator

Der ADAC-Touren-Navigator ist eigentlich ein Ausschnitt aus dem Programm des Portals outdooractive.com. So gibt es einige redaktionell betreute vorgefertigte Touren, die man nachfahren kann, aber auch einen Routenplaner. Der lässt sich mit einigen Angaben füttern. Etwa Start, Ziel, der Fahrradart und dem Tempo und ob die Route schnell, kurz oder flach sein oder vielleicht vorwiegend das Radwegenetz nutzen soll. Es lohnt sich, wegen der Vielzahl der einstellbaren Parameter, ein wenig mit dem Routing zu experimentieren, denn nicht immer kamen im Test Routen zustande, die zu den Voreinstellungen passten. Umständlich: Die Routenplanung muss erst als Favorit gespeichert werden, bevor die App per Navigationsanweisungen (Pfeile auf der Karte) zum Ziel leitet. Negativ fiel auf, dass die App ab und zu »hing«.
Gut: Viele Touren aus dem Outdooractive-Programm, Fahrrad und Fahrweise gut anpassbar
Schlecht: Karten nur mit Internet-Verbindung nutzbar, Routenqualität sehr unterschiedlich, Start- und Zielsuche umständlich, Abstürze (unter iOS 7)
Für: Android (ab 2.3.3), iOS (ab 6.0)
Kosten: gratis

ADFC-Karten

Die App der Bielefelder Verlagsanstalt ist keine Navi-App, sondern eine Karten-App. Navigieren damit ist Handarbeit – Routen berechnet die App nämlich nicht. So beschränkt sich der Nutzen auf die GPS-Ortung. Die App eignet sich primär als »Guckfenster« für die große Papierkarte. Auch lässt sich die Luftlinienentfernung vom Standort zu einem Punkt in der Karte damit schnell bestimmen. Ebenfalls möglich ist das Aufzeichnen einer Route und der Import von Routen im gängigen GPX-Format. Unschön ist, dass man beim Verschieben der Karte sehr leicht ungewollt einen so genannten Marker setzt, den man nur umständlich wieder loswerden kann. Happig sind die Kosten für Karten: Für alle 60 Karten-Teile sind 161 Euro fällig – hallo?
Gut: Kartenqualität der ADFC-Karte (meist 1:75.000), Offline-Karte auf dem Gerät
Schlecht: Sehr teure Einzelkarten, kein Routing, ungewolltes Marker-Setzen
Für: Android: keine App, iOS (ab 6.1)
Kosten: gratis, Karten: je Kachel 2,69 Euro (Deutschland: 
60 Kacheln)

Google Maps

Die App bietet seit einiger Zeit auch einen Fahrrad-Navi-Modus.
Dabei geht Google aber davon aus, dass alle Fahrräder gleich sind und jede Radlerin und jeder Radler die gleichen Wege mit dem gleichen Tempo fährt. Schon allein daraus ergibt sich die teils unterirdische Routen-Qualität von Google-Karten, die sich irgendwo zwischen Auto-Route und Fußgänger-Route bewegt. Und das, obwohl der ADFC dem Suchmaschinengiganten rund 250.000 Kilometer Radstrecken zugänglich gemacht hat. Ärgerlich: Das Speichern von Offline-Karten ist nur noch mit Google-Konto möglich.
Gut: Sprachansagen, viele Sonderziele in der Karte, Integration öffentlicher Verkehrsmittel
Schlecht: Routenqualität sehr unterschiedlich, Fahrrad und Fahrweise nicht anpassbar, einige Funktionen nur mit Google-Konto nutzbar
Für: Android (auf dem Gerät installiert), iOS (ab 6.0), Windows Phone (8 und 8.1)
Kosten: gratis

Handy-Hüllen spiegeln sehr stark. Experimentieren Sie mit der Neigung des Halters, bevor Sie ihn festschrauben.
Handy-Hüllen spiegeln sehr stark. Experimentieren Sie mit der Neigung des Halters, bevor Sie ihn festschrauben.

Tipps zum Navigieren per Smartphone

1. Akkus im Smartphone entleeren sich schnell beim Navigieren. Ersatzakkus oder eine Lademöglichkeit sind bei längeren Touren wichtig.

2. Als Lademöglichkeiten bieten sich externe Akkus an (ab 2800 mAh, reichen für eine Ladung). Solche Geräte sind etwa fingergroß und leicht. Achtung: Kabel nicht vergessen!

3. Vielfahrer sollten über eine USB-Spannungsversorgung nachdenken (Kostenpunkt: 80 bis 120 Euro).

4. Nehmen Sie das Smartphone nicht während der Fahrt in die Hand. Das ist aus gutem Grund verboten, weil es Ihre Sicherheit und die anderer gefährdet.

5. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Umgebung, nicht auf Ihr Smartphone. Gerade wenn Tante Elli eine Mail schickt, läuft Ihnen ein Karnickel vors Rad.

6. Verwenden Sie einen Halter mit einer abnehmbaren Hülle. So wird das Gerät vor Nässe und Kratzern geschützt. Achten Sie darauf, dass die Hülle wirklich geschlossen ist.

7. Wer holprige Strecken fährt, sollte zu einem gedämpften Modell greifen – hier federn etwa platte Gummiringe Stöße ab.

8. Handy-Displays und Hüllen spiegeln. Für die beste Ablesbarkeit sollten Sie daher ein wenig mit der Neigung der Hülle experimentieren, bevor Sie die Schrauben festziehen.

9. Lassen Sie beim Navigieren immer Ihren eigenen Kopf eingeschaltet. Gerade Fahrradnavigation ist von der Wegeführung oft schlecht.

10. Für die große Übersicht ist eine Papierkarte nach wie vor das Mittel der Wahl. Nehmen Sie eine mit.

Michael Link in RadCity 3/2014