29.11.2015

BikeCitizens

Von: Ulf Dietze
Bike-Citizens-Heatmap von Hamburg
Bike-Citizens-Heatmap von Hamburg

Die App BikeCitizens (ehemals BikeCityGuide) ist vielen RadfahrerInnen als Navi-App bekannt. Andreas Stückl, Gründer der Bike Citizens Germany GmbH, hat weitere Ideen. Eine davon ist ein Forschungsprojekt, das auch durch die europäische Raumfahrt­agentur ESA gefördert wird. Aus GPS-Tracks, die mit der App gespeichert werden, sollen Anhaltspunkte für städtische Verkehrsplanung gewonnen werden.

RadCity: Was sind das für Leute, die Ihnen die Tracks liefern?

Andreas Stückl: Eigentlich eine sehr bunte Mischung von BikeCitizens-NutzerInnen, die die App zur Orientierung nutzen, aber auch erfahrene RadfahrerInnen, die gern gefahrene Wege aufzeichnen, persönliche Statistiken einsehen und Teil der Community sein möchten. In der Community macht die Wortneuschöpfung »Wegschatz« die Runde. In Anlehnung an den »Wortschatz« ist damit der Umfang des Wissens über Wegstrecken gemeint, die einem Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt bekannt sind. Dieses Wissen können wir dann auch in persönlichen Heatmaps visualisieren (zurzeit für Android schon möglich) und die gefahrenen Wege in ein Punktesystem bringen. Dieses zeigt dann auch den positiven Impact, den ich als RadfahrerIn auf die Stadt habe und soll so weiter motivieren.

Ist das nicht doch eine etwas eingeschränkte Nutzergruppe: Einerseits GPS- und Smartphone-affin, andererseits auch noch Nutzer der BikeCitizens-App? Fallen da nicht wichtige Nutzergruppen fast komplett heraus?

Ich denke, dass wir über Apps Möglichkeiten haben, die mittlerweile größtmögliche Anzahl an RadfahrerInnen zu erreichen. Weiters ist der typische App-Nutzer nicht mehr nur männlich, zwischen 25-35 Jahre alt und ausschließlich technikbegeistert. Sie können davon ausgehen, dass in Hamburg mittlerweile mehr als 50 % aller Personen ein Smartphone besitzen, jung wie alt, männlich wie weiblich, GPS-Spezialisten wie Menschen mit weniger technischem Verständnis. Weiters fokussieren wir mit BikeCitizens generell auf »daily rides«, d. h. wollen das Rad an sich als tägliches Mobilitätsmittel hervorheben. So ist unser Nutzerspektrum relativ heterogen, im Gegensatz zu Anbietern, deren Nutzer sich beispielsweise im sportiven Bereich finden. 

Die Heatmap zeigt, welche Strecken die RadlerInnen fahren. Sie zeigt aber nicht, wo die Leute fahren würden, wenn es woanders noch besser ginge. Wie sind dementsprechend Ihre Überlegungen, aus den erfassten Daten Handlungsansätze für zukünftige Radverkehrsplanung abzuleiten?

Wir können hier sehr wohl qualitativ differenzieren. Wege, die online oder per App geplant werden, wo sich aber die tatsächliche Wegführung im Laufe der Fahrt unterscheidet. Wege, die mit unserer Navigation zurückgelegt werden und Wege, welche nur aufgezeichnet werden. Dementsprechend lässt sich ableiten, ob eine Radinfrastruktur optimal genutzt wird bzw. wo anscheinend Lücken im System zu lokalisieren sind. So können wir den Status Quo der Fahrradmobilität übers gesamte Stadtgebiet abbilden. Durchschnittliche Weg- und Stehzeiten und eine Start-Ziel -Matrix (z. B. zwischen welchen Stadtteilen findet besonders viel Bewegung statt) ergänzen hier wesentlich bisherige quantitative Messmethoden, bei denen mittels Zählstationen lediglich punktuell in der Stadt gemessen wird, wie viele Radfahrer Brücke XY passieren. Beide Messmethoden vereint bilden sicherlich das Optimum an Radverkehrsanalyse. Mit Partnerstädten wie Wien und Bremen erarbeiten wir im Zuge des ESA-Projekts momentan die Anforderungen an solch eine Analyse-Software, welche den Datensatz an GPS-Tracks auswertet, und hoffen, hiermit vielen Stadtplanern Erkenntnisgewinne zu verschaffen, was sich sicherlich in effi­zienterer und kostengünstigerer Planung niederschlagen wird.

Sagen Sie uns noch etwas zum Datenschutz!

Alle User bei BikeCitizens wählen selber, ob sie GPS-Tracks gar nicht, pseudonymisiert oder komplett uploaden. Bei der Erstellung einer Heatmap werden dann Tracks personenungebunden zusammenfügt. 100 m vom Anfang und Ende der Tracks werden abgeschnitten, sodass keine individuelle Verfolgbarkeit möglich ist. Weiters geben wir lediglich anonymisiert Daten für kommunale Zwecke weiter, d.h. wir verkaufen keine Daten an privatwirtschaftliche Unternehmen. Wir wissen, dass der Datenschutz den NutzerInnen sehr wichtig ist.

Fragen: Ulf Dietze für RadCity 6/2015