01.06.2014

Codename Fahrrad-Clown

Von: Michael Link

Das Fahrrad ist weg, ausgerechnet jetzt! Vielleicht hätten Sie es ja besser abschließen und codieren sollen. Doch was bringt das? Die RadCity widmet sich dem Thema mit krimineller Energie.

Fahrrad-Codierung mit Gravur
Seit zwanzig Jahren gravieren Codierer mit einer Fräsmaschine den Code in Fahrradrahmen.
Uwe Jancke vom ADFC beim Vorbereiten einer Klebecodierung.
Nur eine sportliche Fingerübung: Lockpicking ist ein Sport, keine Brutstätte für Fahrraddiebe.
Rahmennummer unter dem Tretlager. Die Rahmennummer guckt sich kaum jemand an. Meist ist sie auch – wie hier – verdreckt oder durch Kabel oder dicke Farbschichten schwer sichtbar.
Registrierungs-Aufkleber: Die Merkmale des Fahrrads werden in einem Fahrradpass notiert, der beim Radbesitzer verbleibt. Die Registrierung eines Rades ist daher nicht das gleiche wie die Codierung. Denn der Aufkleber enthält keinen einheitlichen Code, mit dem sich das Rad beim Auffinden dem Fahrer direkt zuordnen ließe.
Eingravierter EIN-Code (Eigentümer-Identifikations-Nummer), der in verschlüsselter Form Ort, Straße, Hausnummer und Initialen des Besitzers zeigt. Diese Methode gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre.
Aufgeklebter EIN-Code – dieses Verfahren wird seit wenigen Jahren verwendet.

In der warmen Jahreszeit tummeln sich in Hamburg wieder die Fahrraddiebe. Mehr als 15.000 Räder stahlen die bösen Racker allein 2013 in Hamburg, Tendenz steigend (siehe Kasten unten). Auch der Fahrradhandel ist darüber nicht glücklich, senkt die hohe Klau-Rate doch die Bereitschaft, sich ein hochwertiges Rad zu gönnen. So manche haben aufgegeben, fahren lieber mit dem Auto, als ihre Fahrräder in ständiger Gefahr zu wissen. Doch was tun?

Sicher ist: Das Codieren der Räder, gute Schlösser und schlaues Abstellen können helfen. Damit sind Sie vor dem Gelegenheitsdieb ohne einschlägige »Ausbildung« meist gefeit – siehe Kasten Seite 8).

Knacken geht zu leicht

Wer einmal auf der Videoplattform Youtube nach »Fahrradschloss knacken« sucht, würde vielleicht den Google-Videodienst sofort sperren. Darin, aber auch anderswo, findet sich alles für den wissensdurstigen und zukünftigen Fahrraddieb. Leider. Hebelschere, Bohrmaschine und geschicktes Lockpicking (so nennt man die normalerweise nur sportlich betriebene Schlösseröffnung) überwinden jedes Schloss innerhalb weniger Minuten, manche Schlösser sogar in Sekunden. Der typische Fahrraddieb ist laut Kriminalstatistik jung und männlich. Und klaut billige oder teure Räder einfach aus Gelegenheit oder um schnell ein paar Euro zu machen. Einige Räder werden auch nur wegen ihrer hochwertigen Komponenten gestohlen: Schaltungen, Bremsen, Nabendynamos und Leuchten verkauft der Dieb dann einzeln, der Rest landet als Fahrradleiche im See oder auf gro­ßen Plätzen.

Fundbüros ratlos

Für viele der gestohlenen Räder endet die Fahrt auch ohne Verkauf schon nach ein paar Kilometern. Das Rad wird irgendwo im Nirgendwo abgestellt und irgendwann – zumeist mit roten Klebezetteln garniert – beim Fundbüro abgeliefert (siehe Online-Suche des Fundbüros Hamburg auf www.hamburg.de/altona/fundsuche-online/).

Können Sie dann nachweisen, dass ein Fahrrad Ihnen gehört, können Sie es dort auslösen. In der Regel suchen die Mitarbeiter im Fundbüro nicht selbst nach den Eigentümern, und sie hätten auch kaum eine Chance: Rahmennummern sind je nach Hersteller unterschiedlich angebracht, meist muss das Rad dazu umgedreht werden – so viel antikriminelle Energie bringt kaum jemand auf. Wozu auch: Der zur Rahmennummer gehörige Besitzer ist nirgends verzeichnet. So landen viele Fundbüro-Räder nach sechs Monaten in der Versteigerung.

Hat ihr Velo hingegen eine Fahrrad­codierung, sehen die Chancen schon besser aus: Diese Codierung nach dem so genannten EIN-System erleichtert den Nachweis, wem das Rad gehört, erheblich. Wie das EIN-System angewendet wird, unterscheidet sich örtlich, doch die Grundzüge sind ähnlich. Der Code wird rechts oben an der Sattelstütze [Korrektur: »Sattelrohr« ist gemeint] angebracht, entweder per Gravur oder – nicht ganz so widerstandsfähig – per Klebung. Er enthält verschlüsselte Angaben über den Eigentümer des Rades. Im Detail ist die Codierung so aufgebaut: Stadt- bzw. Kreis-Kennzeichen, Gemeindeschlüssel (fehlt mangels Gemeinden in Hamburg), Straßenschlüssel, Hausnummer und Initialen. Manchmal kommt noch eine Jahreszahl ans Ende. Die Straße lässt sich mit Hilfe amtlicher Schlüsselzahlen leicht entschlüsseln: O212 steht beispielsweise für die Otto-Grot-Straße. Die Verzeichnisse sind öffentlich zugänglich, sodass im Grunde jedermann aufgrund meiner Initialen und dem Adresscode herausfinden könnte, wie ich heiße und wo ich wohne. Das ließe sich aber auch deutlich einfacher bewerkstelligen. Für Datenschutz-Besorgte interessant: Der Code eines Fahrrads landet in keiner Datenbank. Niemand erfährt also, welches Rad wem gehört und welche Personalien dazu passen.

Der Code bei einer Kontrolle

So sieht der Code in Aktion aus: Eine Polizistin hält einen Radfahrer an. Dass er ein Fahrraddieb ist, ist ihm natürlich nicht auf die Stirn tätowiert. Die Gesetzeshüterin wirft einen Blick auf die Codierung des Rades und lässt sich den Ausweis des möglichen Kaufvermeiders zeigen. Es reicht der Vergleich der Initialen auf der Codierung mit dem Namen im Pass. Es müsste schon ein großer Zufall sein, wenn ein Dieb die gleichen Initialen hätte. Beim Bösewicht nun weichen sie aber ab, und das legitimiert einen Anfangsverdacht. Die Polizistin gleicht daher noch den Adresscode mit dem Ausweis ab. Stimmt der auch nicht überein, kommt der Geschnappte schon in arge Erklärungsnot. Die Polizei kann das Rad sicherstellen und durch die Initialen sowie die codierte Adresse leichter den Eigentümer oder die Eigentümerin des Rads ermitteln. Den Eigentumsnachweis können Sie sicher durch die Quittung oder den Beleg der Codierungsaktion erbringen. Das Fahrrad kann somit wieder in die Arme des glücklichen Eigentümers springen.

Derzeit haben derart penible Fahrradkontrollen allerdings allenfalls Seltenheitswert. Dennoch haben die Codierungen eine abschreckende Wirkung entfalten können: Ein codiertes Fahrrad kann an seriöse Käufer kaum ohne Eigentumsnachweis weiterverkauft werden. Und wer sein Fahrrad versichern will, bekommt in der Regel einen Rabatt, wenn das Rad codiert ist.

So bekommen Sie den Code

Schauen Sie nach einer Codieraktion (http://www.hamburg.adfc.de/infos-a-z/abisz/15/letter/C/). Viele Fahrradhändler, die Polizei und der ADFC bieten regelmäßig Aktionen an, manche Fahrradhändler lassen beim Neukauf über eine vergünstigte Codierung mit sich reden. Eine Klebecodierung lässt sich leider wieder vom Rad lösen, allerdings ist dazu etwas Aufwand nötig. Dennoch ist sie das Mittel der Wahl, wenn Sie einen Carbonrahmen haben oder eine Beschädigung des Rahmens durch die 0,1 bis 0,2 Millimeter tiefe Gravur befürchten. Laut Untersuchungen der TU Aachen ist die Sorge unbegründet. Zum Schutz vor Korrosion kleben die Codierer aber ein robustes Band mit Warnhinweis für Diebe und Klarsichthülle auf die Gravur. Bringen Sie zum Codier-Termin die Rechnung des Rades mit oder Ihren Ausweis. Kostenpunkt: 8 bis 15,75 Euro, abhängig vom Anbieter. Je nach Andrang dauert die Codieraktion 15 bis 30 Minuten.

Fazit

Eine Kombination aus einem guten Schloss, dem Anschließen an einen festen Gegenstand sowie einer standardkonformen Codierung kann helfen, die Gefahr eines ungeplanten Besitzerwechsels für Ihr Fahrrad zu verringern. Wünschenswert wäre, wenn die Polizei mehr als bisher die Codierung der Räder überprüfte.

Michael Link in RadCity 3/2014

Fahrradklau in Hamburg: Zahlen und Fakten

In Hamburg wurde im vergangenen Jahr laut Kriminalstatistik 15.184 Fahrradbesitzern und -besitzerinnen übel mitgespielt. Raddiebstähle sind 2013 mit 6,5 Prozent aller Delikte die am drittstärksten wachsende Straftat überhaupt gewesen. Dabei werden längst nicht alle Fahrraddiebstähle mehr angezeigt, denn es hat sich herumgesprochen, dass die Aufklärungsquote mit 4,4 Prozent nicht gerade vielversprechend hoch liegt. Nur in 674 Fällen konnte die Polizei Erfolg vermelden. Durch Fahrraddiebstähle ist laut Polizei ein Vermögensschaden von 492.624 Euro entstanden. Wer jetzt fix nachrechnet, kommt darauf, dass das durchschnittliche Klau-Bike 32,44 Euro wert war. Sprich: Ob Edel-Bike mit Rohloff-Nabe oder bedingt fahrfähige Rostlaube, das ist den Dieben egal. Das belegt auch die Verteilung der Schadenshöhen in der Statistik.

Fotos: Michael Link, Heidrun Jancke, Ulf Dietze, Torsten Willner , Archiv Linder

10 Tipps gegen Fahrradklau

1. Gehen Sie davon aus, dass jemand nur darauf wartet, Ihr Rad zu klauen – seien Sie ruhig ein bisschen paranoid.

2. 80 Prozent der Räder werden gestohlen, wenn sie gar nicht oder kaum gesichert sind. Also: Gutes Schloss kaufen und (!) benutzen. Ein gutes Schloss hat eine möglichst hohe Schutzklasse, eventuell sogar eine VdS-Zertifizierung.

3. Fahrrad immer an einem fest stehenden Gegenstand sichern, so dass es nicht durch Drüberheben entfernt werden kann. Nein, ein Poller ist nicht geeignet.

4. Bügelschlösser sind schwer, widerstehen aber länger Knackversuchen. Ja, mehr als ein Kilo. Mist.

5. Zahlenschlösser sind schlecht. Immer. Alle. Leider. Es sei denn Sie lassen Ihr Rad weniger als 20 Sekunden unüberwacht.

6. Laufräder vorn möglichst mit Kabelschloss um den Rahmen und einen feststehenden Gegenstand herum zusätzlich sichern. Ja, das ist umständlich. Hilft aber.

7. Wenn Sie Ihr Rad in der Öffentlichkeit abstellen müssen: Suchen Sie einen nicht zu großen, gut einsehbaren Stellplatz. Laut Polizei bevorzugen die meisten Fahrraddiebe schlecht einsehbare Ecken. Schwarze Lackierung ist keine wirksame Tarnung.

8. Markieren Sie Ihr Rad. Vielleicht verhindert es den Diebstahl nicht, aber es erhöht prinzipiell die Chance, dass Sie Ihr Fahrrad wiederbekommen können. Natürlich nur, wenn die Finder die Codierung checken.

9. Zeigen Sie jeden Diebstahl an. Nur so helfen Sie, den Druck auf die Politik zu erhöhen, endlich mehr für die Vorbeugung und Aufklärung zu tun.

10. Sprechen Sie Fahrraddiebe mit langen Hebelscheren lieber nicht direkt an – rufen Sie die Polizei. Hebelscheren tun in jeder Darreichungsform weh.

zertifizierte Schlösser

  • ABUS Granit Xplus 54/160HB
  • ABUS Granit CityChain X-Plus 1060
  • Inter Union TY328/65863
  • Master Lock 8195EURDPRO, 8274EURDPRO, 8285EURDPRO

(Verband der Schadensversicherer, Stand 2014)

Zur Liste mit weiteren vom ADFC empfohlenen Schlössern.