06.02.2014

Lauter alte Lieblingsstücke

Von: Katja Nicklaus
Vorläufer des Fahrradkoffers: Fahrradkorb von 1896/97 ist seitlich zu öffnen und für Kutschen-, Zug- und Schiffsreisen geeignet
Tretkurbelrad aus dem Jahr 1868, dem anzusehen ist, dass es von einem Wagner oder Schmied in Einzelanfertigung gebaut wurde.

Es ist eine Zeitreise durch die Welt des Radfahrens – von den ersten Laufrädern über Velozipede und Hochrädern bis hin zu aktuellen Fahrradmodellen. Seit 2004 sind im Deutschen Fahrradmuseum im zwischen Fulda und Schweinfurt gelegenen Kurort  Bad Brückenau wahre Schätze der Radwelt zu bewundern. Die Sammlung, die in 36 Jahren von Ivan Sojc zusammengetragen wurde, dokumentiert in vielen Facetten die Lust und Last auf zwei Rädern. Inzwischen ist die Sammlung auf 230 Fahrräder sowie viele weitere Fundsachen rund ums Rad angewachsen.   

Erfindung des Fahrrads im Schneesommer

Konsequent beginnt der Museumsrundgang mit der Draisiene: Das Fahrrad in Form des Laufrads von Karl Drais 1817 war eine aus der Not des Pferdemangels geborene Erfindung. Durch einen Vulkanausbruch in Indonesien ein Jahr zuvor war es in Europa zu einem so genannten Schneesommer gekommen. Die Folgen: Hungersnöte und Missernten und damit verbunden auch ein Mangel an Pferden, da es kaum Futter für die Tiere gab und sie starben oder geschlachtet wurden. Pferde waren aber neben Schiffen und Eisenbahn das wichtigste Fortbewegungsmittel des 19. Jahrhunderts. Drais' Erfindung kam also gerade rechtzeitig. Aufgrund der hohen Anschaffungskosten waren Draisinen aber nur Wohlhabenden vorbehalten. Ein Exemplar von 1820 ist im Museum zu bestaunen.

 

"Üb' immer Drei und Rädlichkeit/So sparst Du Sohlen Dir und Zeit!" – Merchandising für Dreiräder um 1900. Aschenbecher mit Sinnspruch

Die Füße verlassen den Boden

Es sollte mehr als 40 Jahre dauern, bis eine weitere Idee dem Fahrrad neuen Schwung verlieh: 1863 verließen die Füße den Boden. Mit der Platzierung einer Tretkurbel am Vorderrad gelang dem französischen Wagenschmied Pierre Micheaux dieser entscheidende Schritt. Von diesen Velocipeden sind einige im Museum zu sehen. Allerdings vermisst man hier, wie auch an anderer Stelle, eine Gewichtung, die Besonderheiten einzelner Ausstellungsstücke hervorhebt.

Ende der 1860er-Jahre kam dann das erste Hochrad auf den Markt. Mit dieser waghalsigen Entwicklung konnte man mit einer Kurbelumdrehung größere Strecken zurücklegen. Besteigbar war das Hochrad nur über das kleinere Hinterrad. Das Vorderrad erreichte bei Hochrädern einen Durchmesser von bis zu 1,50 m. Es bedurfte also einiger Akrobatik, um ein Hochrad sicher zu fahren. Immer wieder kam es auch zu Unfällen, vor allem durch »Köpper«, also Kopfstürzen: Die Fahrer saßen direkt über der Kurbel des Vorderrades, der Schwerpunkt des Gesamtgewichts war also vorne. Bei einer Vollbremsung überschlug sich das Fahrrad, da das kleinere Hinterrad an Bodenhaftung verlor. Um dieser Gefahr zu begegnen, wurden Vorder- und Hinterrad kurzerhand größenmäßig vertauscht.

Erste Downhill-Versuche

Zur Ausstellung gehört auch das berühmte Foto mit Will Robertson vom Washington Bicycle Club, wie er 1885 auf einem solchen Hochrad die Treppen des Capitols hinabfährt. Mit dem kleineren Rad vorne waren Köpper nun fast unmöglich geworden. Bergauf mussten die Fahrer ihr Gewicht allerdings auch nach vorne verlagern, um nicht einen Sturz nach hinten zu riskieren. Erst das Sicherheitsniederrad schuf die Voraussetzung für eine sichere Fahrt, wie wir sie heute kennen. Zahlreiche Exponate des Niederrads von Rennrädern über frühe Klappräder, Militärfahrräder und besonders schöne Designobjekte runden die Ausstellung ab.

Katja Nicklaus in RadCity 1/2014

www.deutsches-fahrradmuseum.de