03.02.2012

Mit Genuss durchs plattdeutsche Land

Von: Michael Prahl

»Wir sind langsam genug, um mehr wahrzunehmen als andere Reisende, und wir sind schnell genug, um immer wieder Neues kennen zu lernen. Dabei bewegen wir uns in der Natur und lernen sie und uns besser verstehen.«

Helga Struwe: Zur Rente in die Selbstständigkeit

So lautet das Patentrezept der von Helga Struwe organisierten und geführten Radtouren. Die »Jungunternehmerin« aus Trittau startete nach dem Renteneintritt vor zwei Jahren ihre zweite berufliche Karriere als Reiseveranstalterin. Mit Op'n Drahtesel entstand ein Tourenangebot voller »plattdeutscher Touren« in der Saison von April bis Ende September.

»Alle Touren habe ich selbst recherchiert und kenne daher jeden Streckenabschnitt ganz genau. Ich verfahre mich nur, wenn mich einer ablenkt«, schmunzelt die sportlich-jung gebliebene Dame. Ihr Lebensmittelpunkt ist der Kreis Stormarn, der Einzugsbereich der Touren liegt daher in Schleswig-Holstein.

Doch sind es nicht nur Schleichwege und Geheimtipps, die das Kennenlernen lohnen, vor allem erleben die Gruppen die Spezialitäten der Region, sei es nun eine Wattwanderung mit Vortrag über die Besonderheiten dieser Landschaft, sei es ein Abend bei einem friesischen Heimatverein mit Trachten, Liedern und Geschichten über den »Blanken Hans« und die Sturmfluten oder einfach eine kulinarische Köstlichkeit wie den traditionellen »Dithmarscher Mehlbüddel«.

In 18 Jahren voller Radtouren hat Helga sich selbst besser kennen gelernt. Die Krönung war ihre Seidenstraßentour über 14.000 km von Athen nach Peking. »Dabei lernt man, Wichtiges von Überflüssigem zu unterscheiden … wie zum Beispiel Strähnchen im Haar«, fügt sie verschmitzt hinzu.

Ihr Fahrstil sei ein ausdauernder bei niedriger Trittfrequenz, sagt Helga. Jeder soll am besten auf seinen Körper hören, zu viel sportlicher Ehrgeiz sei nicht gut auf der Langstrecke. Wenn es mal hart auf hart kommt, sei es vor allem wichtig, sich immer wieder selbst zu motivieren, das seien die Grundzüge für erfolgreiche Radtouren.

Doch wie sieht es aus mit der Gruppendynamik? Schließlich kommen doch die unterschiedlichsten Charaktere zusammen. »Klare Ansagen sind wichtig, sonst kommen wir nicht los«, Helga hat ihre Schäfchen meist im sanften Griff und schafft es denn auch, eine Gruppe z. B. mit Teilnehmern von 30 bis über 80 Jahren gemeinsam zu bewegen. Bei Tagesetappen von rund 60 km und Stundenschnitten von 14 bis 15 km wird niemand überfordert und der Genuss kommt nicht zu kurz. Die Teilnehmer sollten jedoch regelmäßig und gern Rad fahren, am besten fröhlich und gesellig sein und ein technisch einwandfreies Fahrrad mitbringen.

Übernachtet wird in gut ausgestatteten Unterkünften, Jugendherbergen oder auf einem Biohof. »Die Ansprüche unserer Radler an das Quartier sind gestiegen«, sagt Helga. Am wichtigsten allerdings sei eine nette, familiäre Atmosphäre. »Es kommt schon vor, dass eine nette Gastgeberin uns spontan bekocht.«

Bei der Tour » Jümmers ant Woter lang« sorgen Schafgitter auf dem Deich für gelegentliche Päuschen.

Außer dem Frühstück ist die Verpflegung in Helga Struwes Reiseangeboten eigentlich nicht enthalten, allerdings ist die gemeinsame Einkehr am Abend fast die Regel, um den Tag beim Klönschnack ausklingen zu lassen. »Plattdeutsch ist dabei nicht unbedingt Voraussetzung. Ich selbst bin zwar damit aufgewachsen, doch frische ich meine Kenntnisse ständig auf und lerne unentwegt hinzu.«

Dass ein junges Unternehmen nicht sofort Gewinn abwerfen kann, bestätigt Struwe: »Aber der Verlust wird schon kleiner!« Diese positive Denkweise, die Leidenschaft fürs Radfahren und die Tatsache, über die eigene Zeit verfügen zu können, das alles wirkt als Motivation für die zweite Karriere.

In der Zeit außerhalb des Saisongeschäfts kümmert sie sich um die Werbung für ihr Tourenangebot. Darüber hinaus plant sie, eine Trainerlizenz zu erwerben, um dann im Fitness-Studio »Indoor Cycling« zu unterrichten. Zusätzlich arbeitet sie Tagestouren aus für Auftraggeber wie Vereine und Organisationen, die gern von Helgas Geheimtipps profitieren. Helga Struwe freut sich darauf, bei der ADFC-Radreise-Messe ihr Projekt »Op'n Drahtesel« mit einem kleinen Stand zu präsentieren.

Michael Prahl in RadCity 1/2012

Kontakt: Helga Struwe
Tel.: 04154/85655
www.opndrahtesel.de