10.04.2012

My bike is my office

Von: Amrey Depenau

Ein kalter Morgen im Jenischpark mit »Personal MTB Coach« Philipp Kraft

MTB Coaching, aha. Schon länger denke ich darüber nach, dass es nicht schaden könnte, auch als Alltagsradlerin meinen Berg-Flitzer etwas besser zu beherrschen. Am Hang nicht absteigen müssen, beim scharfen Bremsen nicht über den Lenker gehen, das wär' doch was.

In eben diese Marktlücke will Philipp Kraft stechen. Er bietet seit einigen Jahren ein MTB-Training an, das individuell auf die Bedürfnisse und Wünsche seiner KundInnen abgestimmt ist. Personal MTB Coaching nennt er es.

Die helfende Hand des Coaches
Philipp macht es nochmal vor.
Der Jenischpark bietet eine Fülle von Trainingsmöglichkeiten
Wer hier seine Balance findet, kommt auch auf dem MTB klar.
Gerne würde ich jetzt im Jenischhaus Tee trinken.

Frischer Start

Im Selbstversuch will ich heute erkunden, ob Philipp der alltagsradelnden Mittvierzigerin die Furcht nehmen und Spaß am Experiment vermitteln kann. Es ist 10 Uhr morgens und Skandinavische Kaltluft fegt äußerst ungemütlich über den Vorplatz des Fähranlegers Teufelsbrück, wo wir uns mit ein paar weiteren MTBikern aus dem ADFC-Umfeld treffen. Philipp begrüßt mich herzlich und gemeinsam flüchten wir uns alle in eine Bushaltestelle. Dort unterziehen wir unsere Räder erst einmal einem Komplettcheck: Jeder übernimmt das Rad eines anderen und dann heißt es Bremsen prüfen, Lenker ruckeln, Reifendruck testen und das Profil nach Steinchen oder Scherben absuchen.

Ab in den Park

Alle Räder bestehen den Test mehr oder weniger gut. Meinen Scheibenbremsbelägen attestiert Philipps kundiges Auge, man müsse sie im Blick behalten. Gut, dass ich schon einen Termin mit der Schrauberin meines Vertrauens gemacht habe. Meine Finger sind knallrot und drohen abzusterben. So bin ich froh, dass es nun losgeht und wir über eine kleine Seitenstraße den Berg zum Jenischpark erklimmen.

Dabei werde ich langsam wieder warm und beginne, mich auf die Übungen zu freuen. Nach ein paar Runden durch den Park wollen wir Anfahren am Hang üben und später dann Slacklining erproben. Mir ist noch nicht ganz klar, was dieses »Seiltanzen« mit Mountainbiking zu tun hat, aber wir werden sehen…

Und rauf!

Im Jenischpark geht es ständig rauf und runter, so dass schnell eine geeignete Stelle fürs Training am Hang gefunden ist. Philipp zeigt mir, worauf ich achten muss. Pedal auf Höhe des Rahmenrohres, Hintern auf den Sattel, Oberkörper über den Lenker – und los! Was sich leicht anhört, ist in der Praxis nicht gleich ein Erfolg. Gut, dass Philipp mich mit sicherer Hand stützt und den Rest der Steigung anschiebt. Ein Lob kriege ich trotzdem und darf gleich noch mal ran. Da geht es schon ein bisschen besser. Ich nehme mit, dass ein paar Tricks die Schwerkraft überwinden können.

Um den Poller

Wir nehmen die Fahrt wieder auf, um einen geeigneten Platz für das Slacklining zu finden. Richtig warm ist mir immer noch nicht, aber langsam kommt die Sonne heraus. An einer Kreuzung üben wir, eine möglichst enge Kurve zu fahren. "Immer den Pfahl fixieren und so eng wie möglich darum herum", sagt Philipp, und umkreist den Poller souverän. Ich hingegen komme auf der Hälfte aus dem Tritt und muss mich mit dem Fuß am Boden abstützen. Wenn keiner guckt, werde ich das nochmal üben.

Balance finden ist alles

Nun aber zu der Seilnummer. Am Rande des Parks, dort, wo die Hunde gerne ihr Geschäft hinterlassen, stehen zwei kräftige Bäume, zwischen denen auf Kniehöhe ein drei Finger breites Seil gespannt wird. Natürlich schützt grüne »Treewear« die Bäume, damit das Seil nicht in die Rinde einschneidet. Aus den Rädern haben wir einen Kuschelpulk gebildet. Sie dürfen bis auf weiteres nur zusehen. Philipp erläutert, was Slacklining mit Radfahren zu tun hat. »Auf dem Seil beanspruchen wir viele Muskeln, die wir auch auf dem Bike brauchen. Hier balancieren wir uns aus. Diese Art des Gleichgewichts hilft uns auch beim Umgang mit dem Rad. Wir verlieren die Angst und lernen, richtig zu belasten.«

Tatsächlich macht das Seiltanzen richtig Spaß. Der Teil des Fußes, mit dem ich das Gleichgewicht halte, ist der gleiche, mit dem ich auch die Kraft auf die Pedale übertrage. Beweis erbracht. Noch weiter nach vorne, Hüfte gerade, Arme in die Höhe, und… ich schaffe sogar einige Schritte, bevor ich abspringen muss. Wir machen verschiedene Übungen, rückwärts, seitlich, im Sitzen. Am Ende ist mir warm und ich habe gute Laune.

Nochmal ins Büro

Das war's dann auch für heute. Wir fahren noch eine kleine Runde durch den Park und verabschieden uns dann. Die Gruppe fährt mit dem Rad zurück, ich bin faul und nehme die Bahn. Eine heiße Dusche und ein zweites Frühstück rufen. Die Leidenschaft, mit der Philipp das Mountainbiking lebt, hat sich auf mich ein klein wenig übertragen. My bike is my office, schreibt er auf seiner Homepage. Ich werde demnächst wieder in sein Büro gehen und mich von ihm für die Sandstrecken in Polen fit machen lassen. Danzig-Riga, ich komme!

Amrey Depenau in RadCity 2/2012

Coaching gefällig? www.kraft-mtb-coaching.de