07.06.2010

Abstinenzcluster

Von: Vincenz Busch

Parkplatznöte an der Uni

Nicht mal ein halbes Jahr ist es her, dass die Universitäten ganz groß in den Medien waren. In zahlreichen Städten war der Audimax besetzt. Alle berichteten darüber und ihr Urteil war, dass sich Studenten immer und überall grundlos beschweren.

Wer in den letzten Jahren einmal mit dem Fahrrad zur Uni gefahren ist, hat sofort die groben Missstände bemerkt. Gute und überdachte Fahrradständer sind Mangelware, Spinde sind nur in der Staatsbibliothek in ausreichender Größe und Anzahl vorhanden und von Umkleiden, die sonst in fahrradfreundlichen Betrieben erwünscht sind, ist leider nicht mal zu träumen. Dazu kommen noch die allgemeinen Umstände in Hamburg, bei denen gerade der Bezirk Eimsbüttel keine Ausnahmestellung einnimmt. Bei diesen Umständen müssten die Studenten, oder zumindest die Fahrradfahrenden, doch außer sich sein und lautstark für bessere Bedingungen kämpfen.

Hochschulpolitik beinhaltet keine Verkehrspolitik

Um einen Eindruck von der Meinung der Studenten zu gewinnen, fragte ich beim AStA nach, ob und wie der Radverkehr für ihn eine Rolle spielt oder ob zumindest Studenten Unzufriedenheit äußern würden. Sehr überraschend war die Tatsache, dass der AStA die Anfrage nicht beantwortete. Auch eine intensive Durchforstung der Internetseite ergab nur eine Schlussfolgerung: Hochschulpolitik beinhaltet keine Verkehrspolitik.

Für Fahrradfahrer ist hier alles super

Aber was denken die Studenten? Nach einer kleinen Umfrage auf dem Campus sind die Antworten doch sehr gemäßigt. »Für Fahrradfahrer ist hier alles super«, »ein paar Ständer mehr wären gut zu gebrauchen« und »mehr Rampen, damit man das Fahrrad nicht über die Treppen tragen muss« lauteten einige Antworten. Selbst ein Student, der sein Fahrrad an den letzten freien Geländerplatz am Audimax anschloss, sagte nur ruhig: »Wir brauchen hier wirklich mehr Fahrradständer.« Irrational rebellierende Studenten klingen anders.

Wer einen guten Platz für sein Fahrrad finden möchte, muss früh an der Uni sein

Schaut man sich den Zustand mal in Ruhe an, so sieht man schnell, dass die Fahrradständer tatsächlich das größte Problem sind. Es gibt sie auf dem Campus zwar in allen Ausführungen, von überdachten Bügeln bis zu Felgenkillern ist die Auswahl reichlich, die Menge aber leider nicht. Bei mehr als 38.000 Studierenden und 10.000 Bediensteten bedarf es mehr als ein paar vereinzelter Fahrradständer. Wer einen guten Platz für sein Fahrrad finden möchte, muss früh an der Uni sein. Ab acht Uhr sind alle überdachten Plätze vergeben und auch Bügelplätze sind danach nur noch schwer zu finden. Wer zur Mittagszeit noch sein Fahrrad vernünftig abstellen und anschließen will, muss auf Zäune, Geländer, Bäume und Laternen ausweichen. Die Auswüchse dieses Notstandes sieht man nicht nur auf dem Campus, sondern auch auf den uninahen Straßen, wie der Grindel- oder Edmund-Siemers-Allee.

Die Anforderungen der Studenten unterscheiden sich von denen normaler Angestellter

Doch was kann eine Uni überhaupt unternehmen, damit sich die Studenten vermehrt auf ihr Rad setzen? Die Anforderungen der Studenten unterscheiden sich beträchtlich von denen normaler Angestellter. Gerade an einer großen und dezentralen Universität wie der Hamburger sind die Wege, die die Studenten zwischen den Veranstaltungen zurücklegen müssen, lang. Hier ist das Fahrrad die schnellste und zuverlässigste Lösung, noch pünktlich die nächste Vorlesung zu erreichen. Gerade unter diesem Gesichtspunkt sind genügend Fahrradständer wichtig, damit erstens das Rad nicht zugeparkt wird und zweitens das Rad schnell abgestellt werden kann. Sonst ist der Zeitvorteil des Fahrrades dahin.

Halbherzige Bemühungen

Die Uni macht wenig aus eigenem Antrieb, um das Radfahren zu fördern. Sie profitiert aber von den Initiativen der Stadt Hamburg. So gibt es mehrere Stadtradstationen im direkten Umfeld der Universität. Der Hauptcampus sowie der Standort in Stellingen sind in das Veloroutennetz integriert. Es wird etwas getan, aber leider sind diese Bemühungen nur halbherzig. So gibt es sowohl am Bahnhof Dammtor als auch auf dem Hauptcampus eine Stadtradstation, aber weder die gesamte Bundesstraße noch der Standort Stellingen sind in den Genuss einer solchen Station gekommen. Für Studenten ist es also nicht möglich, mit dem Stadtrad zwischen den Veranstaltungsorten zu pendeln.

Direkt an der Schlüterstraße steht die erste und bisher einzige Fahrradstation Hamburgs. Hier gibt es neben Fahrradverleih und Fahrradparkhaus auch eine Selbsthilfewerkstatt. Dort findet jeder passendes Werkzeug und Unterstützung für seine Reparaturen. Gerade Studierende, die sich ansonsten nicht daran trauen würden, an ihrem Fahrrad zu schrauben, finden hier einen Ort, ihr geliebtes Gefährt wieder auf Vordermann zu bringen.


Vincenz Busch in RadCity 3/2010

120 Wissenschaftler und 17 Institute der Uni bilden zwar von 2007 – 2012 den Exzellenzcluster der Uni »Integrierte Klimasystem-Analyse und Vorhersage« (KlimaCampus Hamburg).
Dieser Exzellenzinitiative auf der einen Seite scheint eine Fahrradbügelabstinenz­initiative gegenüber zu stehen. So clus­tern sich die Räder der Studierenden und auch Kreativität beim Abstellen macht nicht glücklicher.