01.06.2014

Das Fahrrad – Kultur, Technik, Mobilität

Von: Jörg Maltzan

Die Ausstellung im Museum der Arbeit gibt anhand von 100 Fahrrad-Ikonen aus den letzten 200 Jahren Einblicke in die Geschichte, die technische Entwicklung, das Design und die vielfältigen Szenen des Fahrrads sowie Mobilitätsaspekte der Gegenwart und Zukunft. In Hamburg ist die Schau noch bis März 2015 zu sehen.

Ein Diamant-Straßenrennrad, Modell 67, von etwa 1939, das auch als »Berufsfahrermodell« bezeichnet wird. (Foto: Museum der Arbeit / Karin Plessing)
Ein Diamant-Straßenrennrad, Modell 67, von etwa 1939, das auch als »Berufsfahrermodell« bezeichnet wird. (Foto: Museum der Arbeit / Karin Plessing)

Eröffnet wurde die Sonderausstellung »Das Fahrrad« am 8. Mai 2014 im Museum der Arbeit; mittags erst mit einer Pressekonferenz, abends mit Vorträgen und Ansprachen. »Wir erwarten, dass sich die wachsende Bedeutung des Fahrrads in den Besucherzahlen widerspiegelt«, sagte Kurator Mario Bäumer und führte durch die Ausstellung. Diese will nicht einfach nur eine Show verschiedenster Exponate sein, sondern versucht vielmehr, die gesellschaftlichen, kulturellen, technischen und mobilitätspolitischen Aspekte des Fahrrades miteinander zu verflechten. Auf 600 qm Fläche werden anhand von 100 Fahrrad-Ikonen der letzten 200 Jahre die technische Entwicklung, das Design, die vielfältigen Fahrradszenen sowie Mobilitätsaspekte der Gegenwart und Zukunft gezeigt – vom Laufrad »hobby horse« bis zum Hamburger »StadtRAD« und vom Hochrad der Dandys bis zum Lastenrad der heutigen Fahrradkuriere. Der Museumsbesuch ist dabei nicht nur für Fahrradfans ein absolutes Muss.

Das Fahrrad ist angekommen.

Nämlich im dritten und damit höchsten Stock des Museums der Arbeit in Hamburg-Barmbek. Direkt unterm Dach des alten Ziegelsteingebäudes warten zahlreiche Exponate, Grafiken und Schaustücke auf Besucher. Damit trägt das Museum buchstäblich dem Rechnung, was unten auf der Straße passiert: Das Fahrrad ist auf dem Weg nach oben, wird mehr und mehr zum Statussymbol und macht dabei dem Auto zumindest im urbanen Bereich starke Konkurrenz.

Damit wiederholt sich die Geschichte. Denn das Fahrrad galt bereits vor der Wirtschaftswunderzeit der 1950er-Jahre und der damit einsetzenden Massenmotorisierung als begehrenswertes Verkehrsmittel. Zu sehen ist zum Beispiel ein vollverchromtes Adler-Rad, das 1951 exakt 302 D-Mark kostete. »Das war für die damalige Zeit sehr teuer«, erläutert Mario Bäumer. Es folgte die autogerechte Stadt und selbst Fahrräder wurden motorisiert, was in der Ausstellung an einem Miele-Rad mit Ilo-Hilfsmotor abzulesen ist. Heute indes, analysiert Bäumer, befindet sich das Fahrrad nach einem wiederholten Auf und Ab mitten in einem fulminanten Comeback.

Rund 100 historische Fahrradmodelle präsentiert die Ausstellung.
Rund 100 historische Fahrradmodelle präsentiert die Ausstellung. (Foto: adfc/ud)

Abschied vom Auto?

Überzeugte Fahrradfahrer hören so etwas gerne. Es ist Balsam für die benachteiligte Radfahrer-Seele. Dass sich Radler in Hamburg noch immer nicht ernst genommen fühlen, wird am Abend des Eröffnungstages klar. Im Erdgeschoss tummelt sich ein illustres Publikum aus Senatsvertretern, Radsportlern, Kulturschaffenden bis hin zu Typen aus der Fixie-Radkurier-Subkultur. Schön, wen die Ausstellung alles ins Museum lockt. In vielen Gesprächen der Eröffnungsgäste geht es um die Benachteiligung der Radfahrer im Straßenverkehr. In die gleiche Richtung zielt der engagierte und intelligente Vortrag von Verkehrsplaner Konrad Rothfuchs aus Hamburg. Der Ingenieur gibt einen historischen Abriss über die Verkehrsentwicklung Hamburgs, nennt Beispiele, was falsch läuft und liefert einen Ausblick, wie die Stadt entwickelt werden sollte. Ein wirklich spannendes Referat.

Für Ausstellungsmacher Bäumer geht es nicht um eine Verdrängung des Autos, sondern um ein intelligentes Mitein­ander auf der Straße. »Einen Abschied vom Pkw sehe ich nicht«, sagt er und bemüht sich um Relativierung. »2013 hat Porsche in Hamburg elf Prozent mehr Autos verkauft als im Jahr zuvor.«
(siehe auch das Interview mit Bäumer unten auf der Seite). Gleichzeitig geben die Menschen aber mehr Geld fürs Fahrrad aus, zudem ändere sich zunehmend das Pendlerverhalten. Momentan gibt es in Deutschland 43 Millionen Autos und 71 Millionen Fahrräder; künftig dürfte sich diese Relation weiter zugunsten des Fahrrades verschieben.

Porsche fahren mit 8 km/h

Aber ohne Autos wird es nicht gehen. Und so trägt die Ausstellung dem damit Rechnung, dass einer der Showstars ausgerechnet ein Porsche ist. Zumindest sieht er so aus. Denn unter der täuschend echt wirkenden, goldenen 911er-Karosserie namens »Ferdinand« sitzt kein Sechszylinder, sondern ein Fahrradantrieb mit zwei mal acht Gängen – auf solche verrückten Ideen kommen auch nur Österreicher, in diesem Fall der Künstler Hannes Langeder.

In seiner Einführung geht Bäumer auch auf das Phänomen Critical Mass in Hamburg ein. Ein großformatiges Bild zeigt das letzte »Bike Up« vorm Planetarium. Erstaunlicherweise reckt darauf einer sogar eines der sauschweren Stadträder in den Abendhimmel.

Die Galerie der ausgestellten Räder spannt einen Bogen von den ersten Laufmaschinen bis hin zum ultraleichten Carbonrahmen für Rennräder. Und auch das umfangreiche Rahmenprogramm mit Lastenradbau-Kursen, Filmabenden und einem Parcours, auf dem man einzelne Räder testen kann, lohnt einen oder mehrere Besuche.

»Besucherwerkstatt«

Unter dem Motto »hands-on« präsentiert die Ausstellung historische Technik in Funktion. Neben Entwurfszeichnungen, Fahrradpatenten und historischen Fotografien werden hier die Produk­tionsstrecken von drei Fahrrad-Herstellern in Aktion gezeigt. Retrocycle, eine Hamburger Fahrradmanufaktur für »klassische Zweiräder«, führt an fünf Sonntagsterminen während der Ausstellung vor, wie ein Sport- und Tourenrad der 1950er- oder 1960er-Jahre montiert und mit moderner Technik ausgestattet wird.

Ein weiterer Termin sollte schon seit Längerem im Kalender von Hamburgs Radfahrenden stehen: Am Sonntag, den 15. Juni 2014, findet anlässlich der Ausstellung die Abschlusskundgebung der diesjährigen Fahrradsternfahrt ab 14 Uhr (bis 18 Uhr) auf dem Museumshof des Museums der Arbeit statt. Bei Vorlage des Sternfahrtflyers zahlen Sie ein geringeres Eintrittsgeld für die Ausstellung – Radfahren lohnt sich eben!

Jörg Maltzan in RadCity 3/2014

Mario Bäumer am »Ferdinand GT3 RS« des Wiener Künstlers Hannes Langeder: 0 Liter/100 km, 2 PS, 8 km/h max
Mario Bäumer am »Ferdinand GT3 RS« des Wiener Künstlers Hannes Langeder: 0 Liter/100 km, 2 PS, 8 km/h max

»Das Vehikel der Stunde«

Ausstellungsmacher Mario Bäumer im Interview.

RadCity: Herr Bäumer, warum eine Ausstellung zum Fahrrad?

Mario Bäumer: Wir hatten 2012 im Museum der Arbeit die Mobiliätsausstellung »Die Stadt und das Auto«, die zeigte, wie stark der Kfz-Verkehr Hamburg verändert hat. Dabei kamen wir auch immer wieder aufs Fahrrad zu sprechen. Und das Fahrrad ist nicht nur das Vehikel der Stunde. Es ist seit Langem auch ein Herzblut-Thema von mir, das viele Leute interessiert. Die große Medienresonanz auf unser Ausstellungsprojekt bestätigt das.

Was wollen Sie mit der Ausstellung zeigen?

Mir ging es darum, vom Auf und Ab des Fahrrads zu erzählen – vom teuren Hochrad, dem Spielzeug der Dandys um 1800, das sich kaum jemand leisten konnte, über den Siegeszug des Fahrrads um 1900, als es nach der Erfindung des Niederrads zum Massenverkehrsmittel wurde, das auch für einfache Arbeiter erstmals die Chance bot, größere Strecken zurückzulegen. Dann der Niedergang ab Mitte des 20. Jahrhunderts und jetzt dieses Wahnsinns-Comeback.

Welche Gründe für die Renaissance des Fahrrads sehen Sie?

Ein Wendepunkt, der das Comeback des Fahrrads einläutete, war sicher die Ölkrise 1973. Trotz der heutigen Renaissance des Fahrrads in den Städten gibt es aber immer noch viele Autofahrer. Die Menschen sind aber einfach mit ihrer Stadt und dem Verkehrsklima unzufrieden. Die Planer haben in der Vergangenheit viel kaputt gemacht, als sie im Zuge der autogerechten Stadt den entfesselten Kfz-Verkehr heraufbeschworen. Noch heute nehmen es Pendler, die eine halbe Stunde Arbeitsweg täglich zurücklegen müssen, in Kauf, auf dem Weg zur Arbeit 80 Stunden im Jahr im Stau zu stehen, statt auf ÖPNV und/oder Rad umzusteigen. Dabei steht ein Auto 90 Prozent der Zeit nur herum und versperrt Wege. Das Fahrrad hat natürlich die Wetteranfälligkeit als Nachteil und, wie gesagt: Das Auto findet immer noch Freunde. Porsche zum Beispiel hat seinen Absatz in Hamburg um mehr als 10 Prozent steigern können.

Wie fahrradfreundlich ist die Fahrrad­ausstellung?

Zunächst haben wir ja hier rund ums Museum der Arbeit im Zuge der Neugestaltung des Vorplatzes Kfz-Parkplätze abgeschafft. Die aktuelle Situation bietet also wenig Anreiz, mit dem Auto zur Ausstellung anzureisen, zudem haben wir ja den S+U-Bahnhof Barmbek direkt vor der Tür.

Was bedeutet Radfahren für Sie persönlich? Lust, Vernunft, Tempo?

Radfahren ist für mich eine bequeme Art, meinen Arbeitsweg von 9 km im Sommer zu bewältigen. Ich bin allerdings kein Hardcore-Radler, der bei minus 5 Grad aufs Rad steigt. Wenn's morgens in Strömen regnet, habe ich auch keine Regenjacke da liegen, sondern bin das Weichei, das sich in die Bahn setzt. Ich komme aus Münster, als Kind bin ich dort noch bei jedem Wetter Rad gefahren.

Machen wir ein wenig Werbung für einen Hamburger Fahrradhersteller: Sie fahren ein Bergamont-Rad?

Ich habe vier Räder, davon ist eines aber aussortiert bzw. nicht mehr im Gebrauch. Ich bin aber auch kein Fahrradsammler. Für die Stadtwege im Alltag nehme ich das Bergamont, für die Kaffeehaus-Tour in Eimsbüttel habe ich gerade das Gazelle-Rad von meiner Oma aufbereitet und dann besitze ich noch ein Rennrad von 1990 mit Rahmenschaltung. Alte Rennräder erleben ja gerade ihr Comeback auf der Straße, aber selbst mein Rad von 1990 kann da schon witzigerweise mitmischen und für Aufsehen sorgen.

Interview: Dirk Lau in RadCity 3/2014

Das FAHRRAD

Sonderausstellung, 9.5.2014– 1.3.2015
Museum der Arbeit, Wiesendamm 3,
22305 Hamburg (direkt am U-/S-Bahnhof
Barmbek), Tel. 040/428 133 0,
www.museum-der-arbeit.de

Öffnungszeiten:
montags 13–21 Uhr, dienstags bis samstags
10–17 Uhr, sonntags und feiertags 10–18 Uhr

Eintrittspreise:

6,- € (4,- € ermäßigt), freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren