27.09.2012

Das Frischauf-Akrobatenrad

Von: Redaktion RadCity

Ein besonderer Fund im Museum der Arbeit

Mit der Massenproduktion von Rädern wird das Fahrrad zum Verkehrsmittel für alle. Ende des 19. Jahrhunderts hat es seinen festen Platz in der Arbeiterkultur.

Der Weg dahin erfolgt auf Umwegen. Der Anfang liegt in der Erfindung der Laufmaschine durch Karl Drais. Weitere Entwicklungen mit dem Exkurs über das Hochrad führen schließlich zum Nieder- oder Sicherheitsrad, das dann ein Massentransportmittel wird.

Dank seiner Beleuchtung mit Karbid- oder Acetylenlampe mausert sich das Fahrrad zum wichtigen Verkehrsmittel für Arbeiter, die wegen des Schichtbetriebs auch in der Dunkelheit fahren.

Die wachsende Zahl radfahrender Arbeiter entwertet das Fahrrad als Statussymbol für die bürgerlichen Schichten: Eine Abgrenzung durch den Preis, wie bei den Hochrädern, ist damit nun nicht mehr möglich. Die Massenproduktion des einfach handhabbaren Sicherheitsrades sorgt zusätzlich für günstige Preise.

Frühe Gründungen von Radfahrvereinen in der Arbeiterbewegung wie der Arbeiter-Radfahrerbund »Solidarität« mit Sitz in Chemnitz und später in Offenbach dienen dazu, Radfahrer in den Dienst der sozialdemokratischen Aktionen zu stellen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg nehmen die Mitglieder der Solidarität mit geschmückten Fahrrädern an den Kundgebungen des 1. Mai teil.

Frisch-Auf-Fahrrad: Dieses seltene Exponat würde das Museum gerne einmal in einer umfassenderen Fahrrad-Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren.
Frisch-Auf-Fahrrad: Dieses seltene Exponat würde das Museum gerne einmal in einer umfassenderen Fahrrad-Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren.
Werbemarke von Frisch Auf
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Saalfahrt als Arbeitersport

In der Weimarer Republik wird das Saalfahren zu einem zentralen Betätigungsfeld der Solidarität. Saalfahrt gilt als harte Arbeit, die nicht mehr körperliche Kraft alleine, sondern auch Geistesgegenwart und Schnelligkeit verlangt.

Nicht das Individuum, sondern das Kollektiv sind ein Grundprinzip der Arbeiterbewegung. Doch die Organisation des Sports ist zunächst schwierig, da es am Sportgerät mangelt. 1912 beginnt daher die Solidarität mit dem Verkauf von Fahrrädern in den genossenschaftlich organisierten Frischauf-Läden.

Frischauf-Fahrräder und ihr jähes Ende

1922 beginnt man dann in Offenbach in der Frischauf-Fahrradfabrik mit einer eigenen Produktion. Daneben werden Nähmaschinen und Krafträder hergestellt.

Eines dieser Frischauf-Reigenräder, das neben Tourenrädern und Saalmaschinen in der Fahrradfabrik von Frischauf gefertigt wurde, befindet sich heute im Besitz des Museums der Arbeit. Mit diesem Fahrrad wurden Figuren wie Pyramiden mit mehreren Personen gefahren.

Wie stark der Radfahrverein Solidarität war, zeigt die Anzahl seiner Anhänger: In den zwanziger Jahren sind 230.000 Männer und 50.000 Frauen Mitglied. 1933 verbieten die Nationalsozialisten jede Vereinstätigkeit des »Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbundes Solidarität«. Die Bundeszentrale des Verbands wird durch den Vandalismus von SA-Männern beschädigt. Der Vorsitzende Heinrich Niemann in Schutzhaft genommen und anschließend aus seinem Arbeitsverhältnis entlassen.

Fahrräder werden beschlagnahmt und zu Schleuderpreisen verkauft. Die Räume der Bundeszentrale stehen unter ständiger Bewachung von Nationalsozialisten. Firmenangehörige der Frischauf-Fahrrad-Fabrik, die sich nicht der nationalsozialistischen Ideologie unterordnen, werden während der NS-Herrschaft in Konzentrationslager deportiert. Die Firmenenteignung durch die Nationalsozialisten und Kriegszerstörungen bedeuten das Ende der Reigenradproduktion.

Nach dem Krieg erhält die wieder neu gegründete Solidarität Gelände und Gebäude der ehemaligen Fahrradfabrik und der Bundeszentrale nach einem lang andauernden Streit um Entschädigung zurück. Das Land Hessen zahlt an die Solidarität einen Betrag von 400.000 DM. Der Verlust von Fahrradproduktion und genossenschaftlichem Verkauf bleibt jedoch bestehen.

Katja Nicklaus in RadCity 5/2012