02.02.2013

Draufgänger auf zwei Rädern

Von: Katja Nicklaus
Fahrräder aus der Zeit um 1870 blieben meist wohlhabenden und sportverliebten Bürgern vorbehalten. Ein Tretkurbelrad kostete damals um die 600 Mark, für Arbeiter unerschwinglich. Größenvergleich: Niederräder, Hochrad und Veloziped (v. l.)
Fahrräder aus der Zeit um 1870 blieben meist wohlhabenden und sportverliebten Bürgern vorbehalten. Ein Tretkurbelrad kostete damals um die 600 Mark, für Arbeiter unerschwinglich. Größenvergleich: Niederräder, Hochrad und Veloziped (v. l.)
unverkennbares Markenzeichen: Ein Steuerkopfschild der Gebrüder Schlüter am Veloziped im Industriemuseum Elmshorn
unverkennbares Markenzeichen: Ein Steuerkopfschild der Gebrüder Schlüter am Veloziped im Industriemuseum Elmshorn
Stahlhart und schwer draufzukommen: Der Sattel des Velozipeds wirkt aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig.
Stahlhart und schwer draufzukommen: Der Sattel des Velozipeds wirkt aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig.

Velozipedisten in Hamburg und Umgebung gründeten 1869 einen der ersten Radsportvereine Deutschlands: den ab 1881 so genannten Altonaer Bicycle Club.

Am 17. April 1869 gründeten in Altona/Elbe einige radsportbegeisterte Männer den »Eimsbüttler Velozipeden-Reit-Club«. »Veloziped« ist eine Wortschöpfung aus dem lateinischen velox für schnell und pes für Fuß, also »Schnellfüße«. Dass man sich dennoch als »Reit-Club« verstand, spiegelt sich in dem Begriff der »stählernen Rosse« wider, auf denen die Vereinsmitglieder damals in Hamburg und seinen umliegenden Landgemeinden »ritten«.

Die Michauline

Die Entwicklung von der zweirädrigen Laufmaschine, wie sie Karl Drais erstmals 1817 fuhr, bis hin zum Veloziped war aber keineswegs selbstverständlich gewesen. Anders als bei den Draisinen mussten nun die Füße den sicheren Boden verlassen und das Rad mittels Kurbeln und Pedalen vorwärts treten. Auf die Idee, den Vorderrädern der hölzernen Laufräder eine Tretkurbel zu verpassen, war der französische Wagenbauer Pierre Michaux gekommen. 1867 stellte er seine »Michauline« auf der Pariser Weltausstellung vor. Rasch trat die neue Antriebsidee von Paris aus ihren Siegeszug im übrigen Europa an.

Es war dabei nicht nur die Balance, die Schwierigkeiten bereitete. Schon der Aufstieg aufs »Velo« gestaltete sich akrobatisch. Um vorwärts zu kommen mussten die Wagemutigen neben dem Hochrad herlaufen und sich anschließend aufschwingen und schnell die Pedale am Vorderrad erreichen, da sie sonst umkippten.

Vorläufer der Cyclassics

Zu den Gründungsmitgliedern des Velozipeden-Clubs gehörten auch die Gebrüder Schlüter aus Pinnenberg. Von ihren Velozipeden ist heute noch ein Exemplar von 1870 im Elmshorner Industriemuseum zu sehen. Die Vermarktung von Velozipeden hatte bereits 1869 auf einer Industrieausstellung in Altona begonnen. Dort wurde das Veloziped und seine Varianten dem Publikum präsentiert. Die Firma Tewes & Co. aus Harburg etwa war mit dem Ansatz, ein »Dreiräderiges Vélocipède in ein zweiräderiges zu verwandeln« sowie mit »Eis-Vélocipède und anderen« vertreten, wie der Ausstellungskatalog von 1869 vermerkte.

Diese 25 kg schweren Velozipede waren mühsam zu fahren. Dennoch veranstalteten anlässlich der Altonaer Ausstellung »Velofans« ein Rennen am 10. September 1869. Es war das erste Radrennen in deutschen Ländern und sozusagen der Urvater der Cyclassics. Kurz darauf brachte der deutsch-französische Krieg den Radsport in den beiden Ländern weitgehend zum Erliegen.

1881, als sich der Velozipeden-Club in Altonaer Bicycle Club umbenannte, waren Hochräder längst in Gebrauch, da sie durch das große Vorderrad höhere Geschwindigkeiten erreichten. Tollkühnheit war auch jetzt gefragt, denn Hochräder waren dafür berüchtigt vornüber zu kippen. Erst das Niederrad zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte ein sicheres Radfahren möglich.

Katja Nicklaus in RadCity 1/2013

Pryor Dodge, Faszination Fahrrad. Geschichte, Technik, Entwicklung, Kiel 2011.
www.industriemuseum-elmshorn.de