14.04.2010

Fahrradmythen

Von: Ulf Dietze, Michael Prahl, Vincenz Busch

Manche Gerüchte halten sich hartnäckig. Einige Überzeugungen sind so fest, dass auch die besten Argumente und Gegenbeweise an ihnen nicht rütteln können. Auch ums Fahrrad ranken sich zahlreiche Mythen. Die Redaktion ist ihnen nachgegangen und fand heraus: fast alle besitzen einen geringen Wahrheitsgehalt.

Mythos [grch. »Wort«, »Rede«, »Erzählung«, »Sage«], Mythus, der, auch Mythe, die, die dem urspr.-naiven Empfinden als zeitlose Gegenwart erscheinende Aussage über die Zusammenhänge der Welt mit seiner eigenen Existenz, i.e.S. eine rational nicht beweisbare Aussage über Göttliches, doch mit Anspruch auf Wahrheit. (…)
dtv-Lexikon, Bd.12, München 1999, S.276

Radfahrer müssen auf Zebrastreifen absteigen

Falsch. Radfahrer dürfen auch fahrend auf Fußgängerüberwegen die Fahrbahn überqueren. Im Gegensatz zu Fußgängern und Rollstuhlfahrern haben sie dabei jedoch keinen Vorrang gegenüber dem Verkehr auf der Fahrbahn. Den hat der Radfahrer nur, wenn er absteigt und schiebt. (ud)

In Hamburg regnet es ständig

Falsch. Die Wetterstatistik gibt nicht nur preis, wie viele Regentage es pro Jahr gibt, sondern auch, mit welchen Niederschlagsmengen jede Region gesegnet ist. In dieser Disziplin liegt Hamburg mit rund 750 mm deutlich unter Freiburg i.B. mit 954 mm, das ja als Schönwetterregion gilt. Und in den Top Ten der meisten Regentage pro Jahr taucht Hamburg nicht einmal auf. Mit anderen Worten: Um sich vor dem Radfahren zu drücken, bedarf es besserer Argumente.
Dauerregen ohne Unterbrechung ist in Hamburg genau so selten ist wie Schnee an Heiligabend. Wer es einfach einmal darauf ankommen lässt und bei Regen trotzdem losradelt, wird häufig die Erfahrung machen, dass der Regen erstens meist nicht so schlimm ist, wie er sich vom warmen Bett aus anhört, zweitens es gar nicht so schlimm ist, überhaupt bei Regen zu radeln und drittens dieser oft genug nach kurzer Fahrtstrecke aufhört. (mp)

In Hamburg gibt es keine Steigungen

Falsch. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 12 % und einer Spitze von 16 % gehört der Waseberg in Blankenese sogar zur Kategorie 3 für Bergwertungen im Radsport. Mit 22 % gilt der Schulberg in Övelgönne für Normalsterbliche als unfahrbar. Und der Kösterberg weist für Hamburg sogar die höchste absolute Höhe (84 m) und die längste Strecke auf (1,7 km). Bei den Cyclassics trennt diese Passage die Weicheier von den Harten. Klar ist Hamburg ist damit keine Alpinregion, finden sich die Steigungen doch vorwiegend am Elbhang im Westen, in Bergedorf (irgendwie logisch) und im Harburger Raum. Eine komplette Übersicht für BergfreundInnen gibt es unter forum.helmuts-fahrrad-seiten.de (mp)

Mit dem Fahrrad kann man überall parken

Falsch. Während ein zugelassenes Kraftfahrzeug auf öffentlichen Flächen abgestellt werden darf (sofern es nicht durch Beschilderung untersagt ist), gilt dies für Fahrräder nur eingeschränkt. Rechtlich gesehen ist ein Fahrrad nämlich eine Sache, und für das Abstellen von Sachen auf Verkehrswegen ist eigentlich eine Genehmigung erforderlich. Außerdem muss eine EigentümerIn es nicht zulassen, dass fremde Fahrräder auf ihrem Grund abgestellt werden. So können sich z.B. LadenbesitzerInnen mit gutem Recht gegen das Anlehnen von Rädern an Schaufensterscheiben wehren und HauseigentümerInnen Fahrräder im Hausflur verbieten.
Darüber hinaus kann es in verdichteten Stadtgebieten sogar zu echter Parkplatznot für radfahrende BürgerInnen kommen. In Ottensen oder auf der Schanze kann man erleben, dass sämtliche denkbaren Abstellmöglichkeiten bereits belegt sind. So manche RadlerIn muss vor Fahrtantritt ihr Rad erst mühsam von überlagernden »Fremdfahrrad-Schichten« befreien.
Kleiner Trost: »Die Straßenverkehrsordnung bietet keine Rechtsgrundlage, um das Abstellen von Fahrrädern im Gehwegbereich generell zu unterbinden«, stellte das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht 2004 fest (Verkehrsrechts-Sammlung (VRS) Band 106, 144-153; Quelle: www.dietmar-kettler.de/Veroeffentlichungen.html) (mp)

Radfahrer dürfen nicht mit Kopfhörern Musik hören

Falsch. Ebenso wie Autofahrer während der Fahrt Musik hören können, ist das auch RadfahrerInnen erlaubt. Allerdings beeinträchtigt die überlaute Benutzung von MP3-Playern, Radios und Ähnlichem die Wahrnehmung von Umgebungsgeräuschen und damit die Verkehrssicherheit. Dr. Dietmar Kettler meint in »Recht für Radfahrer«, dass das Problem bei Radfahrern unverhältnismäßig wichtig genommen wird: »Dass Schallschutzverglasungen bei Luxuslimousinen im Allgemeinen für zulässig gehalten werden und selbst beidseitig hochgradig Schwerhörige und Gehörlose eine KFZ-Fahrerlaubnis erlangen können, passt nicht zu der von interessierter Seite oft geäußerten Ansicht, Radfahrer dürften keinen Walkman oder MP3-Player benutzen.« Wer sich an Ohrhörern stört: Die sind im Zusammenhang mit Freisprecheinrichtungen erlaubt – auch hier ist also keine Basis für ein Verbot.
Und die StVO führt aus: »§ 23 Sonstige Pflichten des Fahrzeugführers (1) Der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden. (...)«
Mit anderen Worten: Wer das Auto nimmt, weil ihm Podcast oder Radio auf dem Fahrrad fehlen, hat nun keine Ausrede mehr. (ud)

Radfahrer dürfen linke Radwege benutzen

Falsch

Radfahrer müssen jeden Radweg benutzen

Falsch. Das ist nun schon seit zwölf Jahren nicht mehr so. Seitdem gilt: Fahrräder sind Fahrzeuge und gehören im Regelfall auf die Fahrbahn. Wo es Radwege gibt, darf die RadfahrerIn allerdings darauf fahren. Für einige Radwege gibt es noch eine Benutzungspflicht, obwohl viele RadfahrerInnen und Verkehrsplaner ihre Zweifel haben, dass dies den Radfahrenden nützt. Denn die klassischen Radwege bergen Gefahren an Grundstückszufahrten und Einmündungen, so dass heute Radfahrstreifen und Mischverkehr auf der Fahrbahn als die bessere Alternative gelten. Erkennbar sind benutzungspflichtige Radwege an einem runden Verkehrszeichen, das ein weißes Fahrradsymbol auf blauem Grund zeigt.

Aber selbst wo eines dieser Schilder steht, darf der Radfahrer häufig auf der Fahrbahn fahren. Der Radweg könnte unbenutzbar sein,
- weil er zugewachsen ist,
- weil Autos so nah daran parken, dass kein ausreichender Sicherheitsabstand eingehalten werden kann,
- weil er verkehrsgefährdend verschmutzt ist,
- weil er zugeparkt ist,
- weil er mit Kinderanhänger aufgrund zu eng stehender Poller nicht sicher befahren werden kann,
- ...

Auch dürfen der Radfahrer und die Radfahrerin den Radweg verlassen, um sich auf der Fahrbahn einzuordnen und direkt nach links abzubiegen. ud

Radfahren macht impotent

Wahrheitsgehalt: gering. Radfahrer haben laut Studien zwar eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit eine mäßige oder schwere Impotenz zu erleiden, aber die Ursachen dafür sind Quetschungen durch eine falsche Sitzposition. Hat man während oder nach der Radtour kein Taubheitsgefühl im Unterleib, so sind auch keine Langzeitschäden zu befürchten. Falls doch ein Taubheitsgefühl auftritt, sollte man seine Sitzposition verändern. Der Fachhandel steht dabei hilfreich zur Seite. (vb)

Ulf Dietze, Michael Prahl (auch Grafik), Vincenz Busch in RadCity 2/2010