27.05.2011

Helmpropagandisten

Von: Ulf Dietze

Warum fällt es schwer, über Sinn und Unsinn von Fahrradhelmen sachlich korrekt nachzudenken?  

Dies ist nicht noch ein weiterer Beitrag zur Frage »Helmtragen ja oder nein?«. Stattdessen betrachten wir, mit welch geringer Fachlichkeit fürs Helmtragen geworben wird.

In einer Pressemitteilung ruft die DAK zum Helmtragen auf (siehe Abbildung).

Screenshot der DAK-Webseite
Screenshot der DAK-Webseite

Der Text argumentiert mit zahlreichen Falschaussagen.

»71.000 Radler verunglückten letztes Jahr, mehr als 90 Prozent davon verletzten sich« Das müsste wohl eher heißen: Von den statistisch erfassten Verunglückten, unter denen sich naturgemäß insbesondere Verletzte befinden, waren mehr als 90 Prozent verletzt. Denn die bei einem Unfall nicht verletzten werden in der Mehrzahl gar nicht statistisch erfasst.

»Untersuchungen der DAK zeigen, dass im Frühjahr die Zahl der Kopfverletzungen steigt« Nun sind Kinder im Frühjahr und Sommer vermutlich mehr Stunden draußen und haben eher die Chance, sich beim Klettern und Toben zu verletzen als in den Wintermonaten. Die DAK merkt selbst, dass ihre Argumente hinken, und ordnet diese Unfälle nicht alle dem Radfahren zu. Trotzdem zieht sie dann im nächsten Absatz den Schluss, dass es besser sei, einen Fahrradhelm zu tragen.

Zum Helmtragen kann man stehen, wie man will. Aber die Aussagen zu den Sommerunfällen und der Ruf nach Helmen haben keinen direkten kausalen Zusammenhang.

»Die Radler stürzen meist mit dem Kopf voran auf Asphalt oder Bordsteinkante« Auch das ist eine unhaltbare Aussage: Die meisten Radfahrer stürzen gar nicht. Dann gibt es die große Gruppe der Stürze, bei denen gar nichts passiert. Und dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall statistisch erfasst wird, mit der Verletzungsschwere. Wenn nun die DAK in einer Krankenstation für Kopfverletzte Radfahrer vorfindet, dann wird sie dort voraussichtlich insbesondere solche mit Kopfverletzungen finden ... Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Radfahrer andauernd Kopfverletzungen haben.

Eine Krankenkasse sollte nicht mit solchen Mitteln Meinung machen und das Radfahren als gefährlich darstellen. Radfahren ist in erster Linie gesund. Und dort, wo es zu Unfällen kommt, wäre an den Ursachen anzusetzen, wie zum Beispiel bessere Sichtbeziehungen zwischen den Verkehrsteilnehmern zu schaffen und die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf ein verträgliches Maß zu begrenzen.

Akademische Diskussion? Man kann über Helme und ihren Sinn wunderbar streiten. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wenn die Diskutanten aufrichtig und vollständig argumentierten. Allerdings geistern bestimmte Zahlen seit Jahren ungeprüft durch die Medien, die man schon bei Anwendung von Grundschulmathematik und ein wenig Nachdenken als Unsinn entlarven könnte.

Broschüre "Sicher auf dem Fahrrad" (2009)

In der aufwändig produzierten Schüler-Broschüre »Sicher auf dem Fahrrad« (Stand Juli 2009, Herausgeber ist das Niedersächsische Minis­terium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr) heißt es: »Bei fast jedem Fahrradunfall wird der Kopf verletzt!« Wie oben dargelegt, ist das sofort erkennbarer Unsinn. Gleichwohl geht der Text so weiter: »Das kann tödliche Folgen haben oder zu bleibenden Schäden führen. Also: Nie „oben ohne“!«

Wir schrieben Ende letzten Jahres ans Ministerium und fragten nach der Quelle für die Aussage, dass bei fast jedem Fahrradunfall der Kopf verletzt werde.

Aus dem Ministerium antwortet Frank Henschel: »Ob nun die von Ihnen hinterfragte Aussage statistisch gesehen aktuell zu 100 % zutreffend ist, halte ich für akademisch.« Er legt dann noch einige Argumente nach, die für das Helmtragen besonders bei Kindern sprechen würden und die man durchaus teilen kann.

Aber auch hier: Ob die an die Grundschüler verteilte Aussage zur Gefahr stimmt oder nicht, ist den Autoren egal. Vielleicht wird sogar bewusst verkürzt und dramatisiert. Hauptsache, sie kommen zum Ergebnis: »Es bleibt also bei der Kernaussage in der Broschüre: Nie „oben ohne“!« (Henschel)

Vielleicht täte es der Debatte gut, wenn zumindest offizielle Stellen mit korrekten Aussagen arbeiten würden. Auch um den Preis, dass die Dramatik von Broschüren und Pressemitteilungen etwas sinkt.

Ulf Dietze in RadCity 3/2011