30.08.2013

»Kunst trifft Nachhaltigkeit trifft Mobilität«

Von: Dirk Lau
Das »High Horse« von Billie Grace Lynn wirft Fragen auf: Geht es den Pferden in ihren Boxen und Koppeln wirklich gut?
Das »High Horse« von Billie Grace Lynn wirft Fragen auf: Geht es den Pferden in ihren Boxen und Koppeln wirklich gut?

Die Ausstellung »Arte susteMobile« soll zum Nachdenken darüber anregen, wie Mobilität zukünftig umweltfreundlich und gerecht gestaltet werden kann. Bis Ende Oktober 2013 ist die Schau noch in Hamburg zu sehen.

»Viele Menschen können nur wenig mit dem Begriff Nachhaltigkeit anfangen. So entstand die Idee, diesen Begriff in einer Ausstellung zu konkretisieren und zum tieferen Nachdenken anzuregen«, sagt Samuel J. Fleiner, Kurator der Ausstellung »Arte susteMobile«, die seit Anfang August in Hamburg-Blankenese gezeigt wird. Ihm ginge es bei diesem oft (über-)strapazierten Begriff »im Wesentlichen um Generationengerechtigkeit: Die Urenkel unserer Urenkel und viele Generationen darüber hinaus sollen die gleichen, wenn nicht sogar bessere Lebenschancen haben, wie die jetzt lebende Menschheit.«

David Vanorbeek will den Bienen seinen Respekt zollen und mit seiner Skulptur aus korrodiertem Weinbergdraht auf ihr drohendes Aussterben hinweisen.
David Vanorbeek will den Bienen seinen Respekt zollen und mit seiner Skulptur aus korrodiertem Weinbergdraht auf ihr drohendes Aussterben hinweisen.

Unter dem Motto »Was bewegt in Zukunft?« will Fleiner, ein international tätiger Konzeptkünstler und Ausstellungsmacher aus Regensburg, mit seiner aktuellen, von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt geförderten Ausstellung in Hamburg die Vielschichtigkeit nachhaltiger Entwicklung aufzeigen – mit dem Schwerpunkt Mobilität. Im Außenbereich, im Haus und in der Kirche der Evangelischen Gemeinde Blankense lernt der Besucher »Arte susteMobile« – Kunst im Straßenraum, futuristische Fahrzeuge, zukunftsweisende Konzepte und fantasieanregende Objekte zur Mobilität von mehr als 30 KünstlerInnen kennen, aber auch Arbeiten und Gemälde zum Umwelt- und Naturschutz. Mit einer überlebensgroßen Skulptur »Honigbiene« will etwa der Franzose David Vanorbeek auf das Nützlingssterben durch Insektizide hinweisen. Als Material wählte er dazu korrodierten Weinbergdraht, der zwar als rostfrei gilt, aber dennoch von Agrochemie und Spritzmitteleinsatz zum Rosten gebracht wird. Wie‘s der echten Biene unter diesen Bedingungen ergeht, lässt sich nur unschwer erahnen.

Zum Schwerpunktthema der Ausstellung, »Nachhaltigkeit und Mobilität«, gibt‘s auf Fotos, Schautafeln und in Videos viel Neues, aber auch Bekanntes zu entdecken – vom »Solarluftschiff Lotte«, über die Schleppsegel der Hamburger Firma Sky Sails, mit denen Dickschiffe fast 30 % weniger Schweröl verbrauchen, bis hin zum »MicroMax«, dem Elektrokleinbus von Tüftlern aus der Schweiz, der via App zu nutzen ist und seine Fahrer verpflichtet, Mitfahrer mitzunehmen – »Carsharing 2.0« heißt es dazu im Ausstellungskatalog. Die ausgestellten Exponate sind in der Hauptsache Fahrräder: Während sich die Toxy-Liegeräder mit wenigen Handgriffen auf den jeweiligen Fahrer anpassen lassen, wird mit dem »Boda Boda Cargo Cruiser« von YUBA ein Lastenrad präsentiert, das von afrikanischen Rädern inspiriert wurde und sich durch ein geringes Eigengewicht und hohe Zulademöglichkeit auszeichnet. Der ultraleichte und robuste Schwerlasthänger von CARy FREEdom, der mit bis zu 90 kg beladen werden kann, macht jedes Fahrrad zum Lastenrad. Blickfang des großen Ausstellungsraums ist allerdings das „High Horse“ der amerikanischen Künstlerin Billie Grace Lynn, Professorin für Bildhauerei an der Universität Miami. Ihr Pferd mit Pedalantrieb ist eine filigrane Konstruktion aus Blech, Stoff und Stahl, die sich nur von geübten Cowboys reiten lässt.

Wer beim Liegerad-Tandem „Wolkenreise“ hinten sitzt, muss Gott oder seinem Vordermann vertrauen, dass die Richtung stimmt.

Unter dem Titel »Verrückte Räder« präsentiert die Arte susteMobile auch die gleichnamige Aktion des ADFC Unna, der dazu aufgerufen hatte, ungewöhnliche Räder zu gestalten. Neben einem Rad aus der JVA Unna, das mit seinen quadratischen Rädern auf den traurigen Umstand verweist, dass in Gefägnissen nicht Rad gefahren werden kann, ist das Fahrrad »CO2 Frei« von Schülern der Gesamtschule Unna zu bewundern: Das Vorderrad zeigt ein Relief der Erde, das Hinterrad den Mond. Auch mit kleinen Dingen könne man dazu beitragen, so der Gedanke der Schüler, Klima und  Planeten zu schützen – etwa indem man zur Schule radelt, statt sich von den Eltern mit dem Auto bringen zu lassen. Ein Gedanke, der im Stadtteil Blankenese sicher noch ein wenig mehr Freunde gewinnen könnte. „Hamburg lernt Nachhaltigkeit“ lautet denn auch der Titel eines Fachgesprächs, zu dem im Rahmen der Ausstellung eingeladen wird.

Dirk Lau

Arte SusteMobile
2. August bis 27. Oktober 2013
in der evangelischen Gemeindeakademie Hamburg-Blankenese, Mühlenberger Weg 64, 22587 Hamburg, Tel. (040) 8662500
Öffnungszeiten: 9-17 (Mo-Fr), 12.30–17 Uhr (So).
Öffentliche Führungen jeweils mittwochs 17 Uhr oder nach Voranmeldung
www.lab-01.de/artesustemobile/