24.11.2011

Kunstausstellung: Mobilität und Wahrnehmung

Von: Dirk Lau

Wie unterschiedlich Mobilität wahrgenommen wird, zeigt ein Ausflug an die deutsch-niederländische Grenze: Während Radfahrende in Hamburg um ihren Platz auf der Straße kämpfen, sucht man auf dem Land sein mobiles Glück im Bau von möglichst vielen Radwegen. Anlässlich einer Kunstausstellung in Nordhorn wurde auch darüber diskutiert.

Fahrradbahnkreuz-Studie
Dieses »Fahrradbahnkreuz« in Form eines Autobahnkleeblatts planten Kaltwasser/Köbberling für das »raumsichten«-Projekt. Es soll Teil eines neuen Radschnellwegs in der Grafschaft Bentheim werden. Aber lässt sich die Ikone des automobilen Wahnsinns auf den Radverkehr übertragen oder sieht so »zukunftsfähige Mobilitätskultur« aus? Hoffentlich nicht …

Mobilisieren – unter diesem Titel präsentierten Wissenschaftler und Künstler, die sich in Studien, Bildern, Videos, Skulpturen und Aktionen mit »Mobilität und Wahrnehmung« beschäftigen, vom 1. Oktober bis zum 13. November 2011 aktuelle Arbeiten in der städtischen Galerie Nordhorn. Wie verändert sich Landschaft durch Verkehrsinfrastruktur, wie beeinflusst Bewegung unsere Wahrnehmung von Raum und wie sehen die Mobilitätskonzepte der Zukunft aus, lauteten die Fragen der Künstler, darunter das Berliner Künstlerduo Martin Kaltwasser und Folke Köbberling und der Hamburger Mark Wehrmann. Zum Auftakt der von Wehrmann initiierten Ausstellung wurde anlässlich einer Podiumsdiskussion auch die Kampagne »Ab auf die Straße!« des ADFC Hamburg vorgestellt.

Neue Raumsichten?

»Zentrales Thema der Diskussionen und künstlerischen Projektentwicklungen war ›Mobilität‹, beispielsweise im Hinblick auf den Ausbau der Autobahn und Fahrradwege im Landkreis Grafschaft Bentheim«, sagt Dirck Möllmann, Kurator des Skulpturenprojekts »raumsichten«, in dessen Rahmen die Ausstellung lief. Es soll die »kunstwegen« nach Süden hin erweitern, den Skulpturenweg, der seit dem Jahr 2000 von Nordhorn entlang der Vechte ins niederländische Zwolle führt. Auf dieser 132 Kilometer langen, mit dem Rad befahrbaren Strecke spiegeln mehr als 60 Kunstwerke die Entwicklung von Kunst im öffentlichen Raum wider. kunstwegen ist damit eines der größten offenen Museen Europas, in dem Skulpturen unter freiem Himmel für jedermann zugänglich sind.

Land der Radwege

Die Grafschaft Bentheim mit der Kreisstadt Nordhorn bildet den fast idealen Ort für solche Kunstprojekte. Im überwiegend flachen Südwesten Niedersachsens an der Grenze zu den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen ist die mobile Welt noch strikt separiert: 90 Prozent der Landes- und fast 75 Prozent der Kreisstraßen sind von klassischen Radwegen begleitet, heißt es stolz in den Tourismusbroschüren der Grafschaft Bentheim, die 2007 und 2011 den Landeswettbewerb »Fahrradfreundlichste Kommune« gewann.

Burkhardt Werner vom ADFC gefällt diese Entwicklung. »In der Grafschaft spürt man die Nähe zum Fahrradland Niederlande mit seinem ausgebauten Radwegenetz«. Oft wüsste man gar nicht so genau, ob man sich noch im Land der Autobahnen oder schon im fahrrad- und radwegeaffinen Nachbarland bewege. Werner weiß aber natürlich um die Gefährlichkeit von Wegen, die den Radfahrenden abseits der Fahrbahn aus dem Blickfeld der anderen Verkehrsteilnehmer herausführen

»24/7« – Als Metapher für Kompromisslosigkeit und Passion entwarf Mark Wehrmann ein Rad mit einem 24er-Kettenblatt vorne ...
... und einem fixen 7er-Hinterritzel.

Genussradler

Doch auf die Idee, sich mit dem Rad in den Mischverkehr auf der Fahrbahn zu wagen, kommen die Bentheimer bei so gut ausgebauten Radwegen nur in den oft verkehrsberuhigten Ortskernen. Wozu auch? »Viel zu gefährlich bei den vielen Autos«, so die Reaktion einer Ausstellungsbesucherin. Und: »Wir sind in erster Linie Genussradler«. Eine Kampagne wie »Ab auf die Straße!«, welche die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmerinnen fordert, erscheint den Bentheimern als lebensfremde Utopie. In der Grafschaft wird Radfahren noch überwiegend als Freizeitbeschäftigung wahrgenommen, nicht als Alltagsmobilität. Doch immerhin pendeln mehr und mehr Deutsche in die Niederlande zur Arbeit – und zwar mit dem Rad, wie ADFC-Mann Werner beobachtet hat.

Dirk Lau in RadCity 6/2011
Fotos: Dirk Lau/ADFC, Mark Wehrmann, Kaltwasser/Köbberling

http://www.staedtische-galerie.nordhorn.de
http://raumsichten.org/