02.06.2013

Radfahrverordnung auf Abwegen (Teil 1)

Von: Katja Nicklaus

In Preußen wurde es bereits 1847 vorgemacht. Im Straßen-Polizei-Reglement aus demselben Jahr ist festgelegt, dass Personen ab dem 16. Lebensjahr ein Fahrrad führen dürfen. Ab 1893 wurde das Mindestalter, um ein Fahrrad zu fahren dann auf 14 Jahre herabgesetzt, da sich das neue Verkehrsmittel rasch verbreitete. Radfahrer mussten eine Radfahrkarte bei sich tragen.

Personenkontrolle per Radfahrkarte

Preußen als Vorreiter und Vormacht im Kaiserreich wirkte als Vorbild für die einzelnen Länder. Der Hamburger Senat erließ eine Verordnung betreffend den Radfahrverkehr 1908. Für Radfahrer ab 14 Jahren bedeutete dies nun eine Personenkontrolle hinzunehmen, da man auch in Hamburg eine Radfahrkarte bei sich führen musste.

Fröhliches Radeln zwischen Binnen und Buten: Wenn da mal keine Personenkontrolle kommt (Postkarte von 1898)
Fröhliches Radeln zwischen Binnen und Buten: Wenn da mal keine Personenkontrolle kommt (Postkarte von 1898)
Radfahrkarte aus der Radverordnung von 1907, (c) Staatsarchiv Hamburg
Radfahrkarte aus der Radverordnung von 1907, (c) Staatsarchiv Hamburg

Ein besonderes Augenmerk richteten die Behörden auf Radfahrer ausländischer Herkunft. Sie mussten einen zusätzlichen Ausweis bei sich tragen und auf Verlangen vorzeigen. Eine diskriminierende Kontrolle mit politischem Kalkül, hinter der die Angst vor »Überfremdung« stand.

Angst vor »Überfremdung« Mit dem Niedergang der Gutsherrschaft in den ostelbischen Gebieten und der Abwanderung polnischer Arbeitskräfte in die neuen Industriegebiete des Westens entstand ein Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft des östlichen Reiches. Eine Folge war, dass man sich Saisonarbeitern bediente, um diese Lücke zu füllen.

Gleichzeitig wollte der Obrigkeitsstaat die dauerhafte Ansiedlung der Landarbeiter aus dem Ausland wegen vermeintlicher Überfremdung verhindern und dies mit Personenkontrollen durchsetzen. Eine fast logische Konsequenz war, dass Militärpersonen und andere Uniformierte des Reichs-, Staats- und Gemeindedienstes keine Radfahrkarte während der Arbeit bei sich tragen mussten. – So war das Kaiserreich ein Polizeistaat auf Abwegen.

Katja Nicklaus in RadCity 3/2013