06.02.2014

Ab auf die Straße mit Team Silberblau

Von: Amrey Depenau

Viele Radfahrende verbinden die Fahrradstaffel der Polizei wohl mit eher unangenehmen Gefühlen: An der roten Ampel erwischt, das Stecklicht vergessen, den Radweg in Gegenrichtung befahren, keine Bremsen am Fixie. Da stehen sie dann plötzlich in leuchtendem Polizei-Silberblau und bitten uns, abzusteigen. Wenn es ganz mies läuft, holen wir uns ein Knöllchen ab.

Doch könnten sie nicht auch unsere Verbündeten sein im Kampf für bessere Radverkehrsanlagen und Gleichberechtigung im Verkehr? Diesen Gedanken will ich weiterverfolgen und treffe mich daher an einem schönen Novembertag mit zwei Polizisten der Fahrradstaffel zur gemeinsamen »Patrouille«.

Warm werden

Stresemannstraße 341, hier sitzt die VD 2, deren Räume auch die Fahrradstaffel beherbergen. In einem kleinen Büro findet das Vorgespräch mit Lasse Weisner und Jens Cissek statt, die später mit meinem Fotografen Lutz und mir auf Tour gehen werden. Eine weitere Kollegin hat gerade Feierabend und setzt sich noch kurz dazu. Auf dem Fußboden steht ein Karton mit Thermokleidung – an jedem Set klebt schon ein Post-It mit Namen. Gerade rechtzeitig, denn trotz des strahlenden Sonnenscheins sind es heute nur wenige Plusgrade. Wir werfen noch einen Blick in den Fahrradkeller, der einen in jeder Hinsicht amtlichen Fuhrpark beherbergt, und schon geht es los.

Baustelle

Brav fahren wir rechts die Stresemannstraße hinunter bis zur Kreuzung Bornkampsweg, immer schön rechtsrum über die Ampeln, dann in den Bahrenfelder Steindamm und gleich in die Daimlerstraße, natürlich auf der Fahrbahn. Plötzlich halten wir an. Mit Adleraugen haben die Beamten eine falsch beschilderte Baustelle auf dem »anderen Radweg« ausgemacht: Das Schild aus der Rumpelkammer der Beschilderungsfirma zeigt Zeichen 240 – benutzungspflichtiger gemeinsamer Geh- und Radweg. Schön gesehen. Das falsche Schild wird notiert und die Info später weitergeleitet.

Muss ja

Weiter geht es, die Daimlerstraße hinauf bis zum Hohenzollernring. Auf der Hälfte zwischen Friedensallee und Behringstraße steht immer noch dieses absurde Benutzungspflicht-Schild, das der Bezirk nicht abgebaut kriegt. Also geht’s im Gänsemarsch rauf auf den 50-cm-Radweg und dann über die Fußgängerampel. Schöner Anlass, das Schild zu thematisieren. Benutzt werden muss trotzdem: It’s the law! Man ist sich aber relativ einig, dass es wohl kein Problem wäre, auf dem Hohenzollernring Richtung Elbe durchgehend die Fahrbahn freizugeben. Die Radwegableitung an der Bleickenallee ist wie immer zugeparkt. Schwupp gibt’s ein Knöllchen unter den Scheibenwischer.

Rot(he) gesehen

Wenig später biegen wir links in die Bernadottestraße ein, praktisch, denn ich kann den Radfahrstreifen hier (mieser Zustand, sehr eng daran parkende Autos) gleich verwenden, um das Problem der Benutzungspflicht bei nicht benutzbaren Radfahrstreifen anzusprechen. Als die Fußgängerampel an der Rothestraße rot wird, erwischt es einen Mini-Fahrer, der noch schnell drüberhuschen wollte. Diese Rechnung hat er aber ohne Lasse, den Sprinter gemacht. Schon an der Klopstockstraße stellt der den Rotsünder. Ein Bußgeld ist fällig. Während wir dort stehen, geht es gleich weiter: An der Fußgängerampel quert ein Radfahrer bei Rot. Ähem, junger Mann, Sie sind gerade bei Rot über die Ampel gefahren. Ja, nee, wieso, diskutier ... es dauert ein wenig, bis wir weiterfahren können.

Im Schatten von Team Blau

Auf der Ehrenbergstraße kommen uns gleich mehrere Radler und Radlerinnen entgegen, die den Radweg in der falschen Richtung befahren. Sie kommen mit Hinweis und Ermahnung davon und schleichen schiebend zur Ampel. Auf der anderen Straßenseite benutzen sie dann leider den nicht benutzungspflichtigen Radweg, statt auf der Fahrbahn Richtung Ottensen zu sausen. Wir nähern uns jetzt dem Kiez und flitzen bergab, immer im Schatten der beiden weithin leuchtenden Polizisten. So komfortabel bin ich lange nicht die Reeperbahn hinuntergefahren: Kein Kfz traut sich zu überholen, niemand hupt, es ist ein Traum in silberblau. Und wie durch ein Wunder sind auch weit und breit keine Radler auf den Gehwegen zu sehen.

Eisige Gefahr

Vor Planten und Blomen gab es neulich einen Zusammenstoß zweier Radfahrer, einer davon mit Fixie. Die Stelle wollen sich Weisner und Cissek einmal genauer ansehen. Doch dazu kommt es zunächst nicht: Gerade wollen wir die Ampel hinter der Millerntor-Kreuzung überqueren, da kracht vor unseren Augen eine zentimeterdicke Eisscholle von einem Laster herunter auf die Fahrbahn. Um ein Haar wäre ein Pkw getroffen worden. Wieder treten die Staffler kräftig in die Pedale und stellen den LKW am Zeughausmarkt. Ein lustiges Bild, wie das kleine Polizeirad vor dem fetten LKW steht. Ein bisschen wie das Corken bei der Critical Mass. Der Fahrer wird verdammt, das restliche Eis mit einem Besenstiel vom Planendach herunterzustoßen. Noch ein schönes Bild, wie die Eisscherben hochspritzen.

Legale Gefahr

Nun überqueren wir die Kreuzung und erreichen den Unfallort. So richtig etwas unternehmen kann die Fahrradstaffel hier aber nicht, da der Unfall auf einem legalen Zweirichtungsradweg passiert ist. Da haben wir es mal wieder, diese Beidrichtungsstrecken sind einfach saugefährlich! Damit das alles nicht umsonst war, kommt dann wenigstens noch eine Frau vorbei, die auf dem Rad telefoniert. Sie kaut dem Beamten ein Ohr ab über die miesen Radverkehrsanlagen und wie oft ihr wo die Vorfahrt genommen wird. Nützen tut’s ihr nix, ein Zettelchen gibt’s trotzdem. Dann biegt sie in den Holstenwall ein und fährt gleich schön auf dem Fußweg. Wir hingegen fahren in die Glacischaussee und genießen die breite Fahrbahn und den strahlenden Sonnenschein.

Illegal links

Am Neuen Kamp auf der Nordseite sind Fuß- und Radweg gemeinsam sehr schmal. Hier haben sich mehrfach Fußgänger beschwert. Ertappt! Eine der wenigen Ecken, wo ich vom Grünen Jäger kommend tatsächlich auch mal den linksseitigen Radweg nehme. Natürlich immer voll defensiv und so. Aber nützt ja nix, eigentlich gehöre ich auf die Fahrbahn und sollte mich dann einfach in den Abbieger einfädeln ... An der Sternstraße haben wir uns jedenfalls kaum eine Minute positioniert, da schnappt die Falle auch schon zu: »Sie fahren auf der falschen Straßenseite!« – da es sich diesmal um eine so genannte zielgerichtete Maßnahme handelt, bleibt es nicht bei Ermahnungen, sondern es werden gnadenlos Formulare ausgefüllt. »Sie kriegen dann in zwei bis drei Wochen Post!«. Im Minutentakt müssen jetzt LinksradlerInnen absteigen. Nach kurzer Zeit ist klar: Zu wenig Personal für diese Massen.

Der Sonne entgegen

Die Maßnahme wird abgebrochen und wir fahren Richtung Schulterblatt, wo erstaunlicherweise gerade keine Gehwegradler unterwegs sind. In der Eimsbütteler Chaussee halten wir zu einem letzten Plausch an. Diese beiden Herren von der Fahrradstaffel sind Radfahrer mit Leib und Seele. Nicht immer sind wir auf der Fahrt inhaltlich voll zusammengekommen, aber der Hamburger Radverkehr wäre sicher ein Stück weiter, wenn dieses Team regelmäßig zu Planungen und Verkehrsführung befragt werden würde. Durchgefroren fahre ich heim, während Lasse Weisner und Jens Cissek langsam dem Sonnenuntergang über der Stresemannstraße entgegenrollen.

Amrey Depenau in RadCity 1/2014