06.12.2010

Das iRad – »Komfort ist mir am wichtigsten«

Von: Ulf Dietze

Übersehen wird Hilke Oberländer selten. Die 64-Jährige fährt in Fahrradkleidung auf einem hochwertigen Rad, an dem nicht nur der Apple-Aufkleber, sondern auch noch ein GPS-Gerät seinen Platz gefunden hat. Die Kombination aus Frau, älterem Semester und offensichtlichem Hang zur Technik ist nicht so häufig anzutreffen. Der Aufdruck »Das Leben ist schön« auf der Jacke tut ein übriges.

Schon früher war sie viel mit dem Fahrrad gefahren, mit ihrem Mann ist sie dann eher gewandert. Seit dessen Tod war ein halbes Jahr vergangen, als jemand der Rentnerin die Frage stellte, die sie dann vollends zum Rad zurückführte: »Was machen Sie denn im nächsten Jahr im Urlaub?«

Kein Zurück mehr

Hilke Oberländer erinnert sich noch genau an die Situation damals im Jahr 2000: »Ich antwortete: "Ich fliege nach Rom ... und ich mach eine Fahrradtour durch Masuren." Ich kann nicht sagen, warum ich Fahrradtour gesagt habe und ich weiß auch nicht, warum Masuren. Aber so habe ich 2001 das erste Mal eine Fahrradreise gemacht.«

Die muss ein voller Erfolg gewesen sein, denn sie bleibt beim Rad. »Im Freundeskreis meinte dann jemand, ich bräuchte ein Klapprad, damit ich's auch ins Auto tun kann. Dann bin ich zu BMW gefahren und hab mir ein feuerrotes Klapprad gekauft – das ich nie geklappt habe. Der Kauf war eine Schnapsidee«, meint Oberländer, »die Kettenschaltung ... das war's einfach nicht«. Es hielt sich hartnäckig die Schwierigkeit, die Funktion der beiden Schalthebel zu koordinieren. Trotzdem gelang eine Reise von Obersdorf bis Regensburg mit diesem Rad und viel Gepäck.

»Und dann hab ich 2007 für mich entschieden: Ich brauche dringend 'n neues Auto. Und ich brauch 'n neues Fahrrad. Und dann habe ich das Auto bestellt und dann bin ich zu Herrn Cohrt gegangen. Und nun bin ich glücklich und zufrieden.«

Frage der Federung

Informationen zu Fahrrädern hatte sich die pensionierte Orthoptistin im Jahr zuvor schon auf der ADFC Radreise-Messe geholt, hatte sich dort verschiedene Räder angesehen und Vorträge besucht. Aber wegen gesundheitlicher Probleme mit der Hüfte blieb die Unsicherheit, welche Art von Federung notwendig wäre. »Fahrrad Cohrt hat mich dann gut beraten. Da habe ich festgestellt, dass für mich Ballonreifen nicht ausreichen, ich benötige ein Rad mit richtiger Federung. Das hab ich jetzt seit drei Jahren.« So kam es, dass Herr Cohrt zwar ein schickes Riese-und-Müller-Rad verkaufen konnte, aber weinenden Auges auch ein BMW-Rad ankaufen musste.

Woher kommt dieser Hang zu hochwertigen Dingen? »Was ich anpacke, das möchte ich richtig machen, sonst lasse ich es ganz. Also möchte ich sehr gute Qualität haben, einen besonders hohen Komfort und Technik, auf die ich mich verlassen kann.«

Vor uns liegt das GPS-Gerät, das an einem nagelneuen Apple MacBook Pro angeschlossen ist. Daneben eine GPS-fähige Digitalkamera. Frau Oberländer flitzt mit den Fingern übers Trackpad und überfordert den Autor mit Ausführungen zu RoadTrip, das gut läuft, Basecamp, das auf dem neuen Rechner noch nicht ordentlich läuft. Aber das ist kein echtes Problem, sondern eine spannende Herausforderung, die demnächst gemeistert werden wird. »Hersteller Garmin muss das lösen«.

Technik bringt Spaß

Oberländer markiert mit dem GPS-Gerät auf ihren Touren wichtige Punkte und speichert die gefahrenen Strecken im Rechner. Oder sie vergleicht eigene Tracks mit denen, die bei naviki.org hinterlegt sind. »Bei einer Usedomreise war ich jetzt das erste Mal verantwortlich für die Strecke. Da muss man gegenüber den anderen Teilnehmern der Tour tapfer sein und sich durchsetzen, auch wenn die mal Zweifel an der eingeschlagenen Fahrtrichtung haben. Wir sind aber überall gut angekommen!«

Eine Lösung findet sich immer

Auf den Reisen ergibt sich ein Problem, das die Wellingsbüttlerin bis heute nicht ganz überwunden hat: »Das ist ein wunderbares Fahrrad. Auf der anderen Seite ist es unheimlich stressig, so ein Rad irgendwo hinzustellen.« Immer sind zwei hochwertige Schlösser dabei, die auch nach dem Absteigen umgehend benutzt werden. Aber den Abstellplätzen in Hotels traut sie nicht immer. »Wenn mir die Gemeinschaftsgarage nicht sicher erscheint, nehme ich das Rad mit aufs Zimmer. Ich höre zwar manchmal an der Rezeption, das ginge nicht. Aber ich sage denen dann: "Das geht. Da können Sie sicher sein! Wir finden hier 'ne Lösung."« Die Lösung ist dann z. B. ein ungenutzter Konferenzsaal, in dem das Rad nächtigt – und auch dort noch angeschlossen wird.

Zum Einkaufen fährt Hilke Oberländer meist auch kurze Strecken mit dem Auto. Die Abstellfrage verhindert anderes: »Ich lasse das Rad eben ungern unbeaufsichtigt«. Aber ein wenig schimmert durch, dass hier gerade eine neue Aufgabe entdeckt ist. »Vielleicht schaff ich das ja auch noch.«

Ulf Dietze in RadCity 6/2010
(Fotos: Privat, Hilke Oberländer, Malte Wiedenmann, Ulf Dietze)

Hilke Oberländer bei der Tourenvorbereitung mit GPS-Gerät und Computer.
Auf den Reisen kommt das Fahrrad mit ins Hotelzimmer.
Weil die Weserreise während der Fußball-WM stattfand, ...
... spendete ein Tee-Laden am Hauptbahnhof kurzfristig etwas nationale Deko aus seinem Schaufenster.
Das Rad wiegt ohne Gepäck 18 kg. Das ist für Hilke Oberländer zwar tragbar. Lieber steuert sie aber Bahnhöfe mit Fahrstuhl an.
Auf dem Ohlsdorfer Friedhof fährt sie besonders gerne – hier bei einer Tour mit Herbert Diercks zur Geschichte des Hamburger Widerstands.