03.08.2011

Ein Ziel, mehrere Wege

Von: Tara Smedbøl
Mit dem Mittelfinger zu mehr Rücksichtnahme? Share the road – solche Verkehrszeichen finden sich an besonders engen oder schnell befahrenen Straßen Kanadas. Sie erinnern Autofahrer daran, dass auch Radfahrer unterwegs sind.

Die Kanadierin Tara Smedbøl über ihre Erfahrungen als Praktikantin beim ADFC Hamburg

In Nordamerika fahren wir längst auf der Fahrbahn und kämpfen, wie in vielen anderen Ländern auch, dass wir weniger Gefahren beim Fahrradfahren ausgesetzt sind. Fahrradaktivisten sind hier in Hamburg und bei mir zuhause der Meinung, dass durch bequemeres und sichereres Radfahren mehr Leute die Vorzüge des Radfahrens erkennen werden. Aber diese Ziele sind nicht leicht zu erreichen. Es gibt zahlreiche Hindernisse: Wetter, Verkehr, Entfernungen und anderes. In Deutschland fährt man mehr Rad als in Nordamerika, und ich finde, dass Deutschland auch viel bessere Möglichkeiten bietet.

Wegen des geringen Fahrradverkehrsanteils in den kanadischen Städten, in denen ich gewohnt habe (Nelson, Victoria, Vancouver, Waterloo und St. Thomas), bin ich daran gewöhnt viel Abstand zu halten. So kann ich rechtzeitig sehen, was andere Radfahrer machen, zum Beispiel stehen bleiben, plötzlich abbiegen und so weiter.

Hier in Hamburg fällt mir das schwer, weil in Spitzenzeiten viele Radfahrer unterwegs sind. Bitte bekommt das nicht in den falschen Hals, ihr Hamburger Radfahrer. Natürlich bin ich der Meinung, dass wir mehr Radfahrer in jeder Stadt brauchen, um noch sichtbarer zu werden. Vielleicht wären Pflicht-Fahrrad-Kurse die Antwort, um für mehr Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit zu sorgen. Aber vielleicht hält das wieder mehr Leute vom Radfahren ab. Was wir aber bestimmt brauchen, sind sichere, gut ausgebaute Fahrradrouten.

Erst dachte ich, in Deutschland haben ja alle unbezahlbare Fahrradtechnik und Fahrräder sind offenbar total in. Aber schon nach wenigen Tagen beim ADFC und auf Hamburger Radwegen habe ich die Notwendigkeit besserer Radverkehrsanlagen und der Kampagne »Ab auf die Straße« erkannt.

Vor meiner Zeit beim ADFC Hamburg dachte ich, die deutschen Fahrradwege wären die besten. In Nordamerika sagen die Fachleute, Radwege können viele Probleme lösen. Aber jetzt weiß ich, dass es eine Frage der Qualität ist und nicht der Anzahl der Kilometer. Es ist wichtig, dass die Leute eine Auswahl von Routen haben. Diese müssen befahrbar, sicher und gut erhalten sein, um attraktiv zu sein.

Vor zwei Jahren bin ich mit einer Freundin zu einem Amish-Bauernmarkt 10 km von Waterloo nach St. Jacobs geradelt. Der Weg dorthin war anstrengend, weil wir oft auf der Straße fahren mussten und der Weg mit dem Rad nicht einfach zu finden war. Wir beide hatten Angst bei dem starken Verkehr. Ich hatte meiner Freundin viele Tipps gegeben, wie sie sich verhalten sollte, um sicher unterwegs zu sein, dennoch war sie auf dem Weg zur Uni ängstlich und ist selten Rad gefahren. Aber der Grundstein war gelegt.

Vor einem Jahr hat sie sich ein neues Rad gekauft, auf dem sie bequem sitzt und sich wohlfühlt. Jetzt kann sie auch in schwierigen Situationen den Überblick behalten. Damit ist eine Aktivistin für das Radfahren geboren: sie schreibt Leserbriefe und engagiert sich an ihrer Arbeitsstelle beim Timmins Chamber of Commerce in Ontario für alternative Verkehrsmittel.

Egal ob es darum geht, mehr Leute aufs Fahrrad zu bringen, den Arbeitsweg sicherer zu machen oder ein passendes Fahrrad für sich selber zu finden: Wir alle lieben das Fahrrad, aber jeder hat seine eigene Entwicklung und jeder zeigt die Verbundenheit auf seine Art. Unsere Wege sind unterschiedlich aber keiner ist schwerer, wichtiger oder sinnvoller als der des Anderen.

Meine Zeit beim ADFC Hamburg war erfüllt mit Aufregung, Lernen und immer neuen Erkenntnissen über die Verschiedenheit der Fahrradbelange in den einzelnen Bezirken. Als Economic Developer habe ich gelernt, dass jede Stadt oder jedes Dorf eigene Wege hat um wirtschaftliche Entwicklung zu realisieren. Genauso geht es jedem Fahrradfahrer, und um das zu unterstützen brauchen wir ein gutes Netz von verkehrssicheren Fahrradrouten.

Vielen Dank an alle beim ADFC Hamburg. Besonders großen Dank für die Unterstützung im Büro an die hauptamtlichen MitarbeiterInnen und die gemeinsame Erfahrung der Liebe zum Fahrrad.

Tara Smedbøl in RadCity 4/2011

Bicycle lane – auf einer Fahrradspur im Gewerbegebiet in der Nähe von Downtown Vancouver.
Viel Platz für Räder: Auf den Haupt-Fahrradstraßen Vancouvers sind nur Anlieger mit dem Auto zugelassen, Kreisverkehrsplätze beruhigen den Verkehr und Fahrrad­ampeln helfen, Haupt-Autoverkehrsstraßen zu queren.
Eine Pause, um Tim Horton’s Kaffee und Doughnuts zu genießen. »Das ist eine Lieblingsbeschäftigung in Kanadas Osten!«, versichert Tara.
Fahrradampeln in Vancouver – so angebracht, dass man sie bequem vom Fahrrad aus erreicht.
Tara Smedbøl

Die Autorin

Als Kind radelte Tara Smedbøl oft mit der Familie durchs heimatliche Tal. Auf den Highways blieb neben den LKW nur der unbefestigte, schmale Seitenstreifen. »Damals mochte ich nicht Radfahren, weil ich Angst hatte.« Erst nach einer mehrjährigen Pause fand sie bei der Kampagne »Bike to Work« in Victoria, British Columbia, wieder zum Fahrrad. »Danach war ich so begeistert von den Vorteilen des Fahrradfahrens, dass ich mich bei der »University of Victoria Bicycle Users Committee« engagiert habe.« Beim Habitat for Humanity Bicycle Challenge fuhr sie neun Wochen lang über 6.000 km mit 90 StudentInnen quer durch Amerika.

Tara war im Juni und Juli Praktikantin beim ADFC Hamburg. Neben diesem Praktikum schrieb sie an ihrer Masterarbeit in »Local Economic Development« an der Universität Waterloo in Ontario, Kanada. Im Mittelpunkt ihres Studiums steht die Frage, wie sowohl Fahrradfahrende als auch Verkehrspolitiker die lokale Wirtschaft unterstützen können.