29.05.2012

Fahrradpioniere verschiedenster Kulturen ...

Von: Heike Bunte

Das Hamburger Projekt: »Unabhängige Mobilität – aber sicher! – Integration er-fahren« führt Frauen mit Migrationshintergrund ans Radfahren im Alltag heran. Vorbild dabei sind einmal mehr die Niederlande!

Üben auf dem Schulgelände in Dulsberg
Üben auf dem Schulgelände in Dulsberg

Radfahren bedeutet Freiheit und Raumerweiterung. Es ist kommunikativ und macht Spaß. Das Rad ist das ideale Verkehrsmittel für kurze und mittlere Wege. Das merken viele aber erst nach längerer Erfahrung bzw. bei täglichem Gebrauch. In bestimmten Kulturkreisen haben Frauen auf Grund typischer Rollenverteilung oftmals weniger Zugang zum Radfahren. Die Fachwelt spricht von Mobilitätsarmut von Frauen und diskutiert, wie gleiche Mobilitätschancen verwirklicht werden können. Der Integrationswille und der Mut zu Veränderung bestehen aber bei den meisten Frauen. Sie wünschen sich ausdrücklich Teilhabe an und in der Mehrheitsgesellschaft, in der sie leben.

Modell Niederlande

Als Radverkehrsaktive schauen wir oft neidisch auf die Niederlande. Dort ist das Radfahren eine anerkannte und fest institutionalisierte Kulturtechnik der Gesellschaft und wird in unterschiedlichsten Bereichen mit konstanter Energie gefördert. So ist auch die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in das »System Radverkehr«. selbstverständlich. Sie wird auf verschiedenen Ebenen gefördert. Sei es, dass Fachpublikationen zum Partizipationsverhalten von Migranten und zum Gebrauchsverhalten des Rades im Alltag erstellt wurden und/oder dass Jugendliche mit Migrationshintergrund das Rad nutzen. Menschen mit Migrationshintergrund lernen in Radfahrkursen nicht nur das Radfahren an sich. Damit auch alle wissen, worüber man überhaupt redet, wird entsprechendes »Fietsvokabular« vermittelt. Dazu erhalten die Lernenden auch ein Training in Verkehrssicherheit.

Kurse in Hamburg

Das holländische Modell soll nun auch in Hamburg Frauen verschiedenster Kulturen auf das Fahrrad bringen, so dass sie ihren Alltag damit gestalten können. Die Türkische Gemeinde Hamburg e.V. (TGH) hat in 2011 erstmals Radfahrkurse für Frauen aller Kulturen nach niederländischem Rezept durchgeführt. Gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) diente spezifisch entwickeltes Lernmaterial als Ausgangsbasis zur Vermittlung von verkehrstheoretischem Wissen.

Broschüre der Radfahrschule
Lernmaterial zum Kurs, gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Spezielle Praxisübungen mit Erwachsenenroller und Lernrad halfen, dass jede Frau das Radfahren spielerisch erlernen konnte. Weiter standen praxisnahe Fragestellungen auf dem Plan, z. B. wie man Lebensmittel am Rad richtig verstaut oder wie der Weg zur Arbeit auf verkehrsarmen Wegen gelingt. Im Alltag ist es schließlich wichtig zu wissen, wie man sein Rad abschließt und wie der »Plattfuß« behoben wird. Zum Abschluss eines jeden Kurses stand ein Ausflug mit Picknick auf dem Programm.

Patenschaften

Für Frauen, die gerade das Radfahren erlernt haben, ist es ungemein wichtig, in der ersten Zeit in Begleitung Rad zu fahren. Ein fester Projektbestandteil war es daher, u.a. mit Hilfe des ADFC Frauen aus der Mehrheitsgesellschaft zu suchen, die Lust haben, eine Patenschaft mit einer Frau aus einer anderen Kultur einzugehen. Eine erfahrene Radfahrerin begleitet diejenige, die gerade das Radfahren erlernt hat. So entsteht mehr Sicherheit und Selbstvertrauen im Alltag. Es geht dabei aber nicht nur um das gemeinsame Radfahren, sondern auch um kulturellen Austausch. Einblicke in die jeweilige Lebensweise der anderen werden möglich. Dass dies ganz nebenbei über das Medium Fahrrad geschieht, ist ein sehr angenehmer, umweltschonender und gesunder Nebeneffekt. Egal, ob es sich um den gemeinsamen Weg zum Sportkurs, ins Museum, den Weg zur Arbeit oder zu einer Informationsveranstaltung handelt: Der Gestaltungsraum von Aktivitäten ist groß, genauso wie das »Erfahren« der anderen Kultur.

Geht das Konzept auf?

Zwischen »klompjes en molens« (Holzschuhe und Mühlen) fährt es sich bekanntlich gut. Gerade auch als »Ausländerin«, denn das Radfahrenlernen als erwachsener Mensch wird ernstgenommen und weniger stiefmütterlich behandelt. Diesem Ansatz folgte das Projekt: »Unabhängige Mobilität – aber sicher! – Integration er-fahren.« auch in Hamburg. Die Infrastrukturbedingungen sprechen so ganz und gar nicht dafür und das Bild der »Migrantin auf dem Rad« erscheint bei uns – im Gegensatz zu den Niederlanden – noch sehr exotisch.

Flipcharts der Radfahrschule
Theorie- und Wortschatztraining

In diesem Sinne sind es bisher noch Pionierinnen, wenn sie Rad fahren und das Recht auf unabhängige Mobilität für sich einfordern. Fakt ist aber auch, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot. Leider fehlen manchen Frauen selbst die ausreichenden finanziellen Mittel, um die Kursgebühren zu finanzieren. Die permanente Abhängigkeit des gesamten Systems von Stadt und Staat macht es sehr anfällig. Nur durch ehrenamtliche Arbeit bleibt es erhalten – wie bereits bei zahlreichen ADFC-Radfahrschulen im ganzen Lande. Bis Staat und Gesellschaft sich entschließen, andere verkehrspolitische (Förderungs-)Akzente zu setzen, müssen wir und die Frauen wohl weiterhin neidisch zu unseren westlichen Nachbarn schielen.

Heike Bunte in RadCity 3/2012

[Update, 04.07.2013]: Die Patenschaftsidee gilt für alle Kurse – also unabhängig davon, welchen der Kurse eine Frau besucht – die VeranstalterInnen suchen über den gesamten Zeitraum Patinnen. Fragen dazu richten Sie bitte an Heike Bunte. Die nächsten Termine der Kurse finden Sie auf unserer Infoseite zum Radfahrenlernen für Erwachsene. Dort unter »Türkische Gemeinde Hamburg«.