01.10.2009

»Kill your car before it kills you«

Von: Dirk Lau

Mit ihrer Recycling-Kunst hinterfragen Martin Kaltwasser und Folke
Köbberling den konsumorientierten Lebensstil der modernen »Wegwerf­gesellschaft«. Auf Kampnagel bauten sie nun »Autos zu Fahrrädern« um.

Extrem fette Reifen, ein riesiger, ausladender Lenker, schwerer Rahmen, Sattel mit Rückenlehne, keine Bremsen –
die Räder, die auf der Produktionsstraße des Berliner Künstlerduos Martin Kaltwasser und Folke Köbberling entstehen, erfüllen sicher nicht alle Anforderungen der StVZO, aber sie liegen verdammt gut auf der Fahrbahn und es lässt sich bestens mit ihnen »cruisen«. Dass sie bis auf Kette, Blatt und Pedale komplett aus den Überresten eines alten Kleinwagens, in diesem Fall eines weißen Opel Astra Baujahr 1993, gebaut wurden, ist den Zweirädern nicht mehr anzusehen.

»Das Schwierigste sind Höhenjustierung, Lager und Bremsen«, so Kaltwasser, dafür gäbe es einfach nicht genug verwertbare Autoteile. Auch die Antriebsmechanik sei kompliziert, für sein zweites »Auto zu Fahrrad« auf Kampnagel musste er eine echte Fahrradnabe einbauen. Die relativ lange Fertigungszeit – pro Rad brauchen er und seine studentischen Hilfskräfte etwa eine Woche – sieht der Künstler dagegen nicht als Problem . Denn Kaltwasser will mit der Aktion andere ermuntern, selbst zum Schraubenschlüssel zu greifen und ihren Blechkisten ein zweites, neues Leben als Fahrrad zu schenken – ein besseres Leben, wie er meint.

Symbolverwandlung

Denn die »Ent- und Umwidmung« werte das Auto auf. Aus einem lebensfeindlichen, lärmenden und stinkenden Spritfresser werde ein smartes, ressourcensparendes Fortbewegungsmittel – jedes Rad zudem ein Unikat. Wie Joseph Beuys geht es Kaltwasser und Köbberling um Symbolverwandlung: Emotional aufgeladene Status- und Kultobjekte wie das Auto verwandeln sich unter ihren Händen in individuelle, umweltgerechte Symbole moderner Mobilität.

Handwerkliches Geschick ist dabei von Vorteil, aber für die Künstler keine Voraussetzung. Denn nicht jede Schweißnaht muss von der Handwerkskammer abgenommen werden. Nur beim Zerlegen der Autos in Einzelteile ist der sichere Umgang mit der Flex empfehlenswert.

Basteln im öffentlichen Raum

Der Umgang mit Ressourcen im öffentlichen Raum, die Bedingungen städtischen Lebens im Zeichen von Privatisierung und Ökonomisierung sind die übergreifenden Themen der studierten Malerin Köbberling und des Architekten Kaltwasser. Für ihre Installationen, Ausstellungen und Aktionen nehmen sie übriggebliebenes Material von Baustellen und aus Abfall­containern sowie Weggeworfenes. Aus dem vermeintlich Wertlosen entstehen nutzbare Objekte. »Einfach anfangen, jeder kann ein Auto auseinandernehmen«, ermuntert Kaltwasser mögliche Nachahmer und will so auch die Tradition des »öffentlichen Bastelns« wiederbeleben.

Beim Thema Auto gehe es auch immer um Herrschaftspolitik, um »Herrschaft über Räume, über Wohlbefinden (in der Stadt) und Geschwindigkeit«, so Kaltwasser. Autos würden unsere Welt »optisch, akustisch und kinetisch dominieren«. Dagegen wollen er und Köbberling mit ihren konsum- und kapitalismuskritischen Kunstprojekten den Fokus der Stadt- und Verkehrsplaner weg von »langweiligen« Konzepten wie dem Auto hin zu zeit­gemäßen, intelligenteren Mobilitäts- und Lebensideen lenken.

Dirk Lau in RadCity 5/2009

Wer mehr darüber wissen will: www.folkekoebberling.de.

Stilgerecht in Mercedes-Benz-Hausschrift zierte die Künstler-Overalls der Aufruf: »Kill your car before it kills you«, »Töte dein Auto, bevor es dich tötet«.
Martin Kaltwasser hat sichtlich Spaß an der Arbeit. Der Künstler, Alltagsradler und Familien­vater plant das Projekt »Autos zu Fahrrädern« bald in die Höhle des Löwen zu bringen. Ab September 2009 wollen er und Folke Köbberling US-Limousinen in Los Angeles ans Blech.
Während des Kampnagelfestivals vom 13. bis 20.08.2009 betrieb das Berliner Künstlerpaar zusammen mit Designstudenten der HfbK Hamburg eine Produktionsstraße, in der sie aus Autos ausschließlich nützlichere Dinge machten ...
... von Fahrrädern über Handtaschen ...
... bis hin zu Stühlen.