02.08.2009

Planung ist nichts

Von: Rainer Schleevoigt

Das GPS-Gerät lenkt auf »irgendwelchen« Wegen durch die Stadt

Eine der »Spielereien«: Die Kamera macht unterwegs automatisch Fotos. Zu Hause ordnet die Software sie – ebenfalls automatisiert – der Karte zu.

Aromaverkäufer auf dem Isemarkt: »Was hast Du denn da für ein Ding an Deiner Brust baumeln?« Ich: »Das ist so ein Navidings für Großstadtindianer, damit ich nicht vollends verloren gehe.« Er nun wieder: »Zieht das nicht die Strahlung an? Ich habe gehört, dass man davon Star bekommt.« Ich: »Hm. Also wenn ich nach Poppenbüttel radeln möchte, dann fühlt das der Hamburger Vorort und kommt mir etwas entgegen …« Koppeln wir uns mal aus der Diskussion über Wahrheit, Soheit und Grundprinzipien humanistischer Kommunikationspsychologie aus und beschränken uns darauf, was so ein batteriebetriebenes Kästchen so mit uns macht und wie es unsere Aufmerksamkeit binden kann.

Um es vorneweg zu sagen: Der Besitz und Gebrauch solch eines Wanderer-GPS ist in der Großstadt genau so notwendig wie eine DSL-Flatrate oder Franzbrötchen. Nett zu haben. Nun ist das Ding irgendwann nach reiflicher Überlegung beim Outdoorapotheker am Barmbeker Bahnhof gekauft, und nach dem Auspacken stellt man fest, dass da jetzt das entscheidende Kartenmaterial fehlt. Jetzt müsste man nochmals den gleichen Preis wie für das Gerät ausgeben. Das schreckt ab.

Nun leben wir nicht mehr in der Generation »Golf«, sondern sind in der Generation »Download« angekommen und jeder halbwegs pfiffige Mensch weiß: »Da geht was.« Tatsächlich ist der Markführer in diesen Dingen recht plietsch und so ist eine pekuniäre Abkürzung nicht möglich.

Allerdings ist eine ältere Version der topografischen Variante noch nicht registrierungspflichtig und nach einigen Mühen erscheint auf dem Display das Wasser- und Wegenetz Hamburgs und auch Restdeutschlands. Die gute Nachricht: Seit einiger Zeit gibt es die auf dem Wikiprinzip basierende Karte von openstreetmap.org, die völlig gemeinfrei ist und deswegen auch ohne schlechtes Restgewissen benutzt werden darf. Das Kartenmaterial ist zwar zur Zeit noch nicht routingfähig, aber einem geschenkten Gaul …

Etwas knifflig ist es, wenn man mehr als eine Karte im Gerät haben möchte. In größeren Städten wie Hamburg oder Straßburg ist natürlich die OpenStreetmap einfach die bessere Wahl, aber auf dem flachen Lande (wie beispielsweise auf Rügen) muss man dann doch auf die topografische Karte umschalten. Auf dem (ostdeutschen) Dorfe gibt es offensichtlich noch nicht genügend GPS-Enthusiasten, die die Wege abradeln. Das Garmin kennt nur eine Karte und so muss der Bastler mit einem Programm seine Topo mit der OpenStreetmap »verheiraten«. Also ein bisschen im Netz nach »merge IMG« googeln und man wird schnell fündig.

Nach diesem Vorgeplänkel kommen wir nun zur Frage: Wozu in Teufels Namen braucht der großstädtische Radler ein Navi? Die Antwort: Das Teil ist eigentlich überflüssig. Trotzdem möchte ich es nicht mehr missen. Also, wenn ich zu einem Kunden nach Altona oder in die Innenstadt fahre, brauche ich es nicht – das ist klar. Aber am Wochenende, so nur zum Spaß, da hänge ich mir das kleine Ding gerne um den Hals. Apropos »Hals«. Ich warne ausdrücklich vor der Lenkerhalterung. Es gehört schon ein sehr großes Maß an Selbstdisziplin dazu, das Ding nicht versehentlich dranzulassen. Eines montags kam ich früh morgens zum Rad und da war das Helferlein noch am Lenker. Das war die gute Nachricht. Der Schreck saß tief.

Wochenende ist Radausflugtag. Nicht immer möchten wir im großen Pulk im Rahmen des ADFC fahren und so führt uns das kleine Teil durch völlig neue Stadtteile und zu neuen Erlebnissen. Wir picken uns ein attraktives Ziel heraus. Oft ist es ein Café oder eine Ausflugsgaststätte. Nehmen wir mal zur Illustration das Wiener Café in Volksdorf oder den Deichgraf in Finkenwerder. Wir tippen dann die Position ein und ab geht es quasi per Luftlinie.

Falls uns ein Grundstück im Wege ist, zeigt das Navi an, ob es links- oder rechtsrum günstiger ist. Es ist unglaublich, was es für Ecken in Hamburg gibt und was für schrille Mitbürger man kennenlernen kann!

Der Schreiber dieser Zeilen ist nicht nur begeisterter Radler, sondern auch Web-Programmierer. Von irgendwoher muss das Geld ja kommen. Wenn es einmal passt, befestige ich mit einem Gorillastativ eine Digicam am Lenker und mache fortlaufend Photos. Das GPS läuft parallel mit. Da es kaum hochwertige Kameras mit GPS und kaum GPS-Geräte mit anspruchsvoller Kameratechnik gibt, greifen wir zu einem Trick: Wir synchronisieren nachträglich mittels der Zeitstempel beide Welten. So lassen sich dann automatisch die vielen Bilder einer Google-Map-Karte zuordnen und es ergeben sich nette Spielereien, die am Schluss dieses Artikels (also hier) verlinkt sind.

Rainer Schleevoigt in RadCity 4/2009

familientagebuch.de/rainer/2008/38.html