26.03.2013

So schnell – und für alle sichtbar!

Von: Dirk Lau

Wie schnell Radfahrer auf der Straße unterwegs sind, können motorisierte Verkehrsteilnehmer oft nicht richtig einschätzen. Hamburger Radkuriere helfen ihnen jetzt dabei, indem sie ihr Tempo mithilfe einer Geschwindigkeits-App auf einem Tablet-PC gut sichtbar auf ihrer Kuriertasche anzeigen lassen. Eilige Kuriere haben auf Radwegen nichts zu suchen – also ab auf die Straße!

Fahrradkuriere haben es eilig. Radwege meiden sie, um möglichst sicher und schnell unterwegs zu sein. Damit Autofahrer das Tempo der Radfahrer sofort erkennen können, fahren Hamburger Kuriere jetzt mit einem Tablet-PC inklusive digitalem Tacho auf dem Rücken.

»Das ist brandgefährlich!«, sagt Stephan Tegeder. Der Radkurier hält sich heute strikt an die Straßenverkehrsordnung und fährt überall dort auf Radwegen, wo es das Gesetz so will. Prompt steht er vor einer Gruppe Fußgänger, die seinen »benutzungspflichtigen« Weg kreuzen und dabei nicht auf den Radkurier geachtet haben. Diesmal konnte Tegeder noch rechtzeitig die Bremshebel ziehen.

Der gebürtige Kölner arbeitet seit einem Jahr für die rhn kurierservice GmbH und fährt in der Woche durchschnittlich gut 400 Kilometer auf Hamburgs Straßen. »Mit sowas musst du immer rechnen, aber du kannst auf den meisten Radwegen gar nicht so schnell bremsen, wie dir ein Fußgänger vor das Rad läuft.« Oft hat er 30 km/h und mehr auf dem Tacho – den er neuerdings auf dem Rücken trägt, für jeden sichtbar. In großen Ziffern leuchtet auf einem Tablet-PC die aktuelle Geschwindigkeit des Kuriers auf seinem Rucksack. Der nachfolgende Kfz-Verkehr kann so besser einschätzen, ob ein Überholmanöver überhaupt sinnvoll ist.

 

 

Sicher und schnell

»Wir wollen mit dieser Aktion zeigen, wie schnell Fahrradkuriere tatsächlich sind«, erklärt Sebastian Beyl, Geschäftsführer der rhn kurierservice GmbH.

»Wir wollen mit dieser Aktion zeigen, wie schnell Fahrradkuriere tatsächlich sind«, erklärt Sebastian Beyl, Geschäftsführer der rhn kurierservice GmbH. Den Fahrern bleibt meist keine Zeit zum Trödeln, zumal sie häufig mehr als eine Sendung im Rucksack haben. Da ist gute Koordination und Tempo gefragt. »Hamburgs Radwege sind in einem bedauernswerten Zustand«, erklärt Beyl, der sich selbst häufig auf sein Kurierrad schwingt. »Selbst mit geringer Geschwindigkeit sind die eigentlich nicht befahrbar«.

Die Rechtslage ist eindeutig: Radwege müssen nicht benutzt werden, es sei denn, die blauen Schilder mit den Fahrradpiktogrammen zwingen Radfahrer von der Fahrbahn auf den gefährlichen und zumal in Hamburg oft unbenutzbaren Sonderweg. Hamburgs Verwaltung hebt nun zunehmend die Benutzungspflicht von Radwegen auf. Viele Autofahrer kriegen das allerdings entweder nicht mit oder wissen nicht um das »Recht auf Straße« der Radfahrer. Statt dessen hupen sie diese in verkehrserzieherischer Absicht an, so auch die Erfahrung der Kuriere. Einige motorisierte Verkehrsteilnehmer fühlen sich auch immer noch zum besonders knappen Überholen berechtigt, wenn sie Radfahrer auf der Straße sehen.

Ab auf die Straße!

Radwege sind aus Sicht von Beyl und den Kurieren ein ständiger Gefahrenherd. Sie riskieren dort zudem eine Mitschuld bei Unfällen, wenn sie ihre oft hohe Geschwindigkeit nicht angepasst haben. Auf der Fahrbahn begehen Radfahrer dagegen immer noch eine Ordnungswidrigkeit, wenn zugleich ein benutzungspflichtiger Radweg in der Straße vorhanden ist. Dass die meisten Radkuriere den Radweg meiden und schneller fahren wollen als dort möglich, stößt bei vielen Autofahrern auf wenig Verständnis. Sie kennen weder Rücksicht noch die Straßenverkehrsordnung.

In dieser Situation hatten die Kuriere die Idee für einen großen Tacho am Rad, der für den nachfolgenden Kfz-Verkehr gut sichtbar das Tempo des Radfahrers anzeigt. Die Kuriere nutzen dazu eine ursprünglich für Autos entwickelte Geschwindigkeits-App namens »Speed Box«. Dieses digitale Tachometer läuft auf einem Tablet-PC mit integriertem GPS-Empfänger – ungefähr fünf bis sechs Stunden hält der Akku, dann muss der Kurier das Gerät wieder an die Stromversorgung anschließen. Den äußeren Einleger im Rucksack haben Beyl & Co. so gestaltet, dass die Klarsichtfläche für das Tablet reserviert ist.

Die aktuellen Erhöhungen der Strafen für Verkehrsverstöße von Radfahrern hält Beyl übrigens für »einen Schlag ins Gesicht der Kuriere, die doch eigentlich nur sicher unterwegs sein wollen.« Höhere Strafen seien in Ordnung, wenn die Voraussetzungen gegeben seien, auch verkehrskonform und gleichzeitig sicher zu fahren. Das sei in Hamburg aber nicht der Fall. Aufklärung und Dialog sieht Beyl als einzigen Weg zu einem besseren Miteinander auf der Straße: »Woher sollen Autofahrer auch unsere Situation kennen? Wir wollen Ihnen zeigen, dass wir mit solchen Geschwindigkeiten einfach nicht auf den Radweg gehören.«

Dirk Lau in RadCity 2/2013

www.rhn.de