06.08.2010

Um den Baum gebogen

Von: Marcus Steinmann

Was tut einer, der gerade in den Ruhestand gegangen ist und dann ein Faltblatt über den Bau eines Holzrades in die Hand bekommt? Er macht das Wohnzimmer zum Planungsbüro und sich selbst an die Arbeit!

Jan Maßmann hat beim Rahmen alle verwendeten Leisten konsequent in Länge und Breite versetzt übereinandergebaut. Anders als gängige Rahmen aus Stahl oder Aluminium ist sein Rahmen aus Fichtenholz nicht hohl, sondern ein massiver Block. Durch den versetzten Aufbau entstand ein vergleichbar stabiler Rahmen. Denn »die Festigkeit von Holz entspricht in Richtung der Maserung (also vertikal) fast der von Stahl«, so Maßmann.

Wichtig beim Rahmen sei weniger die verwendete Holzart, sondern mehr die ausgeklügelte Konstruktion. Um die besondere Festigkeit von Holz in Richtung der Maserung zu nutzen, hat sein Rahmen eine leicht gebogene, ansteigende Kontur. An diese gebogene Kontur hat er die ersten Leisten und alle folgenden mit Leim, Nägeln und Schrauben angebracht. Sein Rahmen ist von der gedachten Mittelstange eines Diamantrahmens nach unten und oben Leiste für Leiste gewachsen. Jede neu hinzugefügte Leiste sicherte er mit ganzen Heerscharen von Schraubzwingen.

So gelang es, einen keilförmigen Rahmen aus einem Block herzustellen. Zusätzliche Stabilität bringen Epoxidharz und eine laminierte Struktur. Durch 2-Komponenten Lack, den man beim Bau von Yachten benutzt, ist der Rahmen gut gegen die Witterung geschützt.

Die Bohrlöcher und der Einbau der Stahlkomponenten

Über den gesamten Prozess des Rahmenbaus hatte Maßmann die von einem herkömmlichen Diamantrahmen übernommenen Bohrpunkte für die Sattelstange, das Tretlager, die Hinterradaufhängung und die Gabel im Blick. Jede neu angebrachte Leiste richtete er an den vorher festgelegten Punkten aus. Beim Bohren der Löcher – von Hand wohlgemerkt – durfte nichts schiefgehen. Hätte er den berechneten Punkt samt Einfallswinkel nicht genau getroffen, hätte er komplett neu beginnen müssen. »Vor solchen Arbeiten habe ich schlaflose Nächte gehabt.«

Italienischer Felgenbauer

In Italien gibt es einen der letzten Felgenbauer, die Felgen aus einem bestimmten Buchenholz herstellen. Die Speichenräder dazu hat Maßmann dann wieder selbst hergestellt: aus einem Stück gesägt und – ähnlich wie beim Bau des Rahmens – weitere Schichten nach oben und unten hinzugefügt, bis es genügend verstärkt war. Die besondere Kunst war dabei das genaue Einpassen in die Felgen, so dass alles völlig rund läuft.

Der Lenker

Die Krone seines Holzbaus stellt allerdings der Lenker dar. Der ist aus ursprünglich geraden Leisten zusammengesetzt. Die wurden durch Wasserbäder flexibel gemacht und dann um einen Baum gebogen. Später zwang Maßmann sie mit Seilen in die gewünschte Form. Durch tagelanges Feilen und Schmirgeln hat er den Leisten Ecken und Kanten genommen.

»Eine neue Herausforderung«

Das dachte sich Jan Maßmann, als er das dünne Faltblatt »Fahrrad im Einzelbau« eines gewissen Michael Heinzelmann auf einer Fahrradmesse in die Hände bekam, der ein Fahrrad aus Holz gebaut hatte. Just zu dem Zeitpunkt, als ihn seine letzte Firma mit Anfang 60 in den Vorruhestand entlassen hatte. Obwohl er das Faltblatt nur als groben Leitfaden nutzen konnte, gab es von da an nur noch ein Ziel: ein eigenes Fahrrad aus Holz zu bauen.

Dem eigentlichen Bau gingen viele Vorüberlegungen und Recherchen voraus. Befragte Fahrradhändler waren keine große Hilfe. Dadurch eher noch beflügelt, überlegte und probierte Maßmann immer wieder aufs Neue. Sein Beruf als technischer Zeichner war nützlich bei den Skizzen und der Berechnung der Bohrpunkte. Allerdings verfügt Maßmann weder über eine große Werkstatt noch über besondere Kenntnisse im Umgang mit dem Werkstoff Holz. So dienten der enge Kellerraum und die Räumlichkeiten der eigenen Wohnung als Produktionsstätte. Insgesamt dauerte es ein gutes Jahr, bis das Fahrrad fertiggestellt war. Rund 2000 Euro hat alles zusammen gekostet, wovon insbesondere der örtliche Baumarkt profitiert hat. 150 Pinsel, die wegen der Zwei-Komponenten-Materialien nur einmalig zu verwenden waren, und Unmengen an Schleifpapier zählt der Konstrukteur zu den Opfern seines Werks.

Der entscheidende Moment

Fährt es? Hält es? Wenn ja, wie lange? Was ist, wenn etwas bricht? »Echt großes Muffensausen« begleiteten die erste Fahrt. Doch seit der Fertigstellung im September letzten Jahres hat Jan Maßmann mit seinem Rad schon gut 1000 km zurückgelegt. Dank des Holzrahmens federt das Rad ausgezeichnet, ist mit einem Gesamtgewicht von 25 kg nicht zu schwer und mit der Nabenschaltung von Sturmey-Archer auch flott. So mau das Feedback der befragten Fahrradhändler im Vorfeld war, so enorm ist die Resonanz in der Öffentlichkeit. Im Juli unternahm Maßmann dann eine vierwöchige »Deutschland-Tour« und baute dafür zuvor noch einen Anhänger fürs Gepäck – aus Holz!

Marcus Steinmann in RadCity 4/2010

Eine der Planzeichnungen, die den Bau vorbereiteten.
Rahmenbau aus vielen einzelnen Leisten und dann ...
... »schleifen, schleifen, schleifen« (Maßmann).
Holz gewässert und dann in Form gezwungen: Lenkerbau mit Ausdauer.
Inzwischen hat Jan Maßmann dem Holzfahrrad auch noch einen Anhänger spendiert – ebenfalls aus Holz.