03.04.2011

Wegbereiter auf vier Rädern machen mobil

Von: Sandra Thielisch

Katakwi Distrikt/Uganda: Unterwegs mit dem Geländewagen im östlichen Teil des Landes. In dieser Region leben nur 30 % der Bevölkerung in einer fußläufigen Entfernung unter 5 km zu einem Gesundheitszentrum. Die Straßen und Wege sind unbefestigt. Die Sonne brennt, es ist heiß. Im Obule-Vertriebenenlager begrüßen uns die Bewohner freundlich. Wir erkundigen uns, wie es um den nun schon mehrere Jahre alten Lebensretter auf 4 Rädern steht. Ist er noch im Einsatz? Die Fahrradambulanz des Camps wird aus ihrem Unterstand geholt und vorgefahren. Wir wissen, eine nachhaltige Nutzung steht und fällt mit dem Engagement der Bewohner. Auch wenn an einigen Ecken der Lack abblättert, freuen wir uns zu sehen, dass dieses Rad-Trailer-Gespann vom ehrenamtlich arbeitenden Obule-Fahrradambulanzteam regelmäßig gewartet wird. So ist es rund um die Uhr für den Krankentransport einsatzbereit.

Viele Bewohner des Camps wollen uns ihre Geschichte erzählen – ihre persönlichen Erlebnisse mit der Fahrradambulanz. Wie zum Beweis, wirklich in der 15 km entfernten Gesundheitsstation gewesen zu sein, zeigt eine Frau Einstichstellen von Injektionsnadeln in ihrer Armbeuge. Vor kurzem wurde sie bewusstlos auf dem Feld gefunden. Im Fahrradambulanzanhänger liegend konnte sie transportiert werden. Zwei Nächte zuvor fuhr ein Mann, den wir auf ca. 50 Jahre schätzen, seine Frau zu derselben medizinischen Versorgungsstelle. Sie hatte sich verletzt, blutete stark und musste zur Beobachtung dort bleiben, erzählt er. Er gibt sich überzeugt – ohne die Fahrradambulanz hätte sie nicht überlebt. Zu mühsam und unzumutbar wäre ein Fußmarsch über die lange Distanz gewesen.

Wir hören auch von einer Frau, die im vergangenen Monat Zwillinge zur Welt gebracht hat. Auch ihr Transport findet sich im sorgfältig geführten Fahrtenbuch der Ambulanz. Mutter und Kinder sind wohlauf.

Es wird dringend eine weitere Fahrradambulanz benötigt. Wenn heute ein Patient damit unterwegs ist, darf kein weiterer Notfall im Camp dazukommen. Aus diesem Grund wird die Ambulanz auch nur sehr selten an Nachbardörfer verliehen.

Ein Dollar am Tag

Uganda ist eines der am wenigsten entwickelten Länder weltweit. Auf dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen befindet es sich an Stelle 143 von 169 (UNDP Human Development Rankings 2010). Die Bewohner des Katakwi-Distrikts im östlichen Teil des Landes leben in extremer Armut. Auch wer im Obule Camp Katakwis lebt, muss oft mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Lebensmittel sind knapp, es herrscht Hunger.

Aufgrund mangelnder Ernährung und schlechter hygienischer Bedingungen sind Krankheiten verbreitet. Während in Deutschland zu jeder Tages- und Nachtzeit Notärzte alarmiert werden können, kommt hier ein immobiler, vor Ort arbeitender Arzt auf ca.
66.000 Bewohner. Von Obule aus liegt die einzige Klinik des Distrikts 50 km weit entfernt, 15 km weit weg befindet sich eine kleine Gesundheitsstation mit Hebamme und Krankenschwester.

Doch auch die kürzere der beiden Strecken ist von Hochschwangeren, Kranken und Notfallpatienten nicht zu bewältigen. Aufgrund fehlender oder unbezahlbarer Transportmöglichkeiten sind die Bewohner des Camps in ihrer Mobilität eingeschränkt. Ihr Aktionsradius begrenzt sich auf die Entfernung, die gerade noch zu Fuß zurückgelegt werden kann. Die Erreichbarkeit von Gesundheitsdiensten ist neben den Kosten der Behandlung die entscheidende Barriere zu einer verbesserten medizinischen Versorgung der Bevölkerung.

Fahrradambulanzprojekt

Hier setzen die Mitarbeiter von EURIST e.V. (The European Institute for Sustainable Transport) an. Die gemeinnützige Organisation hat das Ziel, nachhaltige Mobilität in Entwicklungsländern zu fördern, und setzt dabei auch auf den Gebrauch von Fahrradambulanzen. Von Hamburg-Bergedorf aus koordiniert ein kleines internationales Team Projekte und kümmert sich um Finanzierungsmöglichkeiten. Von hier aus werden Fäden in die ganze Welt geknüpft – so auch nach Katakwi. EURIST ist überzeugt: Die Versorgung von Kranken und Notfallpatienten kann durch zuverlässige, flächendeckende und lokal angepasste Transportlösungen bedeutend verbessert werden.

Mitarbeiter der Organisation starteten mit örtlichen Nichtregierungsgruppen bereits Fahrradambulanzprojekte in Ghana, Südafrika und dem Senegal. In Zusammenarbeit mit FABIO (First African Bicycle Information Organisation) realisierte der Verein in Uganda dann ein weiteres Fahrradambulanzprojekt.

Mehrere Monate nach der Verteilung des Equipments hatten Fahrradambulanzen das Zu-Fuß-Gehen laut Auskunft der verschiedenen Gesundheitsteams vollständig ersetzt. Aus Interviews und den evaluierten Fahrtenbüchern geht hervor, dass der häufigste Transportgrund verletzte Personen waren, dicht gefolgt vom Transport Schwangerer, die zur Geburt in die Gesundheitszentren gefahren wurden.

Mehr als Fahrradtechnik

Zu einem kompletten Ambulanzsystem gehört neben dem Fahrradgespann eine gute Kommunikation. Also wurden Handys und Solartelefone verteilt. Mit Mobiltelefonen aus dem Projekt kann nun nach medizinischem Rat gefragt, der Transport von Kranken mit einer Fahrradambulanz organisiert oder ein Patient angekündigt werden. Dadurch wird Zeit gespart, die gerade in Notfällen lebensrettend sein kann. Durch zusätzliche Fahrräder wurde zudem die Mobilität der GesundheitsarbeiterInnen verbessert. Sie sind ehrenamtlich in einer Gemeinde tätig und meist zu Fuß unterwegs. Ihre Aufgaben sind vielfältig und reichen von der Aufklärungsarbeit über HIV/Aids oder Malaria, Information der Bevölkerung über aktuelle Impfkampagnen bis hin zur Betreuung von immobilen Kranken. Sie kümmern sich oft um mehrere Dörfer, sind die erste Ansprechperson bei medizinischen Problemen und in ihrer Arbeit häufig überlastet. Mit Hilfe der Fahrräder erreichen sie nun mehr Menschen in kürzerer Zeit. Weil die Reparatur eines Fahrrads im Vergleich zu der bei motorisierten Fahrzeugen unschlagbar günstig ist, sind die Räder auch nach Jahren noch im Einsatz.

Projekt ausweiten

Das Fahrradambulanzprojekt in Katakwi zeigt beispielhaft, wie mit einfachen Mitteln eine verbesserte Gesundheitsversorgung erreicht werden kann. Bisher konnten drei von sieben Gemeinden, die zusammen etwa 20 Dörfer umfassen, mit Fahrradambulanzen ausgestattet werden. Damit die verbleibenden vier Gemeinden mit weiteren 20 bis 30 Fahrrädern, Solartelefonen und Handys versorgt werden, startet EURIST zusammen mit FABIO ein neues Projekt.

Sandra Thielisch in RadCity 2/2011

Spendenkonto:
EURIST e.V., Haspa, BZL 200 505 50, Kto-Nr.: 1393 125 586
Verwendungszweck: »Gesundheitsfürsorge«

Katakwi-Distrikt

Diese Region im Osten Ugandas zählt zu einer der ärmsten des Landes. Während der letzten 30 Jahre hat sie unter wiederholten Angriffen durch Rebellengruppen wie der LRA (Lord Resistance Army) gelitten. Hinzu kommen Konflikte zwischen den Volksstämmen. Viele Menschen leben in beengten Vertriebenenlagern unter schlechten hygienischen Bedingungen. In den letzten Jahren begann eine zögerliche Wanderbewegung zurück in die ursprünglichen Gebiete. Die Wiederansiedlung wird jedoch durch Dürreperioden erschwert. Auch Hochwasser zerstörte in der Vergangenheit große Teile der Infrastruktur.

Die Fahrradambulanz besteht aus einem 28-Zoll-Fahrrad mit einem Liegeanhänger, in dem eine Person befördert werden kann. Die Anhänger werden vor Ort gebaut. Die Fahrräder kommen als Bausatz. Nur einfache, funktionale und stabile Technik wird verwendet. Ersatzteile müssen auf lokalen Märkten erhältlich sein.
Testfahrt: Ein komplettes Ambulanzrad kann für ca. 250 Euro hergestellt werden. Im Gegensatz zu Motorrad-Ambulanzen – auch sie werden in Uganda eingesetzt – sind sie auch nach Jahren noch im Einsatz.
Im Obule Camp Katakwi: Zum Abschied der Delegation wollten die meisten BewohnerInnen noch schnell mit aufs Bild ;-)
Mutter mit ihrem »Fahrradambulanzbaby«: Ungefähr ein Drittel der Transportierten sind hochschwangere Frauen. Den größten Anteil bilden aber verletzte Personen. Auch Malaria­fälle von Kindern sind ein häufiger Grund für den Transport.
Feldarbeit im Katakwi-Distrikt erfolgt fast ausschließlich mit Muskelkraft.
Typisches Dorf im Distrikt.