21.11.2015

Westwind – Fahrräder für Flüchtlinge!

Von: Amrey Depenau

Initiativen sammeln Spendenfahrräder und arbeiten sie zusammen mit Geflüchteten auf

Spendenannahme beim Fahrradflohmarkt in Stellingen
In den Fahrradwerkstätten bereiten HamburgerInnen ...
... und Geflüchtete die gespendeten Räder auf

Hamburg ist aufgestanden. Überall in der Stadt engagieren sich Menschen ehrenamtlich rund um die Refugee-Camps. Kleider verteilen, Essen ausgeben, mit Kindern Ausflüge machen, Familien zum Essen ins Zuhause einladen … da liegt es nahe, dass auch die Radlerszene etwas dazu beiträgt, die Lebensumstände in den Camps zu verbessern. Denn Fahrräder und Selbsthilfewerkstätten sind auf verschiedenen Ebenen nützlich. Zum einen erweitern die Fahrzeuge den Aktionsradius der Menschen, die so ihr direktes Umfeld »erfahren« können. Zum anderen macht das Schrauben an Rädern Spaß und schafft Kontakt zwischen Helfern und Bewohnern.

Netzwerk Westwind

In den einschlägigen Austauschgruppen für Alltagsradler auf Facebook kommen verschiedene Leute auf ähnliche Gedanken: Fahrräder für Flüchtlinge! – Fast jeder kann doch Fahrrad fahren und es ist ein einfaches Fortbewegungsmittel, mit dem die Menschen in den Unterkünften aus eigener (Muskel-)Kraft mobil werden. Christian arbeitet in einem Fahrradladen, er bekommt von seinem Chef einige gebrauchte Räder, die er nach Feierabend instand setzt. So geht es langsam los. Im August bekommt das Kind dann einen Namen: Westwind. Die Mitglieder der Initiative sammeln Fahrräder, arbeiten sie auf und stellen sie den Camps zur Verfügung. Außerdem bieten sie an verschiedenen Orten Schraubwerkstätten an.

Logistische Herausforderung

Was sich einfach anhört, ist vor allem eine Transport- und Lagerfrage: Die Spendenräder stehen in irgendeinem Keller und müssen quer durch Hamburg zu einer Schraubstelle oder einem Lager gefahren werden. Oft sind sie ja nicht fahrtüchtig, sodass ein Transporter gefragt ist. Auf dem Vernetzungstreffen in der Produktionsschule Eimsbüttel ist das ein wichtiges Thema: Carmen berichtet, dass der bisher verwendete VW-Bus eine Weile ausfallen wird und Ersatz nicht in Sicht ist. So werden demnächst wohl noch mehr Einzelpersonen benötigt, um Räder zu überführen. Zumal die Spender_innen manchmal merkwürdige Ansprüche haben: »Bitte holen Sie die Räder nur am Tag X zwischen 9 Uhr und 10 Uhr ab.« Oliver von der Produktionsschule schlägt vor, die Logistik mit den Next Bike-Stellplätzen zu verbinden, die er ohnehin regelmäßig wartet. Wenn Räder dort mit Zahlenschlössern abgestellt würden, könnte er sie einsammel

Platzprobleme

Neben dem Transport geht es auf dem Treffen vor allem um Orte, an denen Werkstätten stattfinden bzw. dauerhaft eingerichtet werden können. Im Sommer war das kein Problem. Zur warmen Jahreszeit brauchte man nur wenig Platz, um das Werkzeug und Ersatzteile wegschließen zu können. Geschraubt wurde draußen. Bei nun einstelligen Temperaturen, die bald gen null tendieren, fallen einem nach 10 Minuten die Finger ab. Container kommen auch nicht in Frage, da sie schlecht beheizbar sind. Alle werden aufgefordert, zum Thema Räume kreativ zu werden.

Kapazitätsgrenzen

Überhaupt geraten die Westwindler gerade an ihre Grenzen. Es gibt zwar viele Schrauber, die spontan Werkstätten durchführen, aber die Last der Organisation verteilt sich auf recht wenige Schultern. Und vom Personal in den Camps ist meist auch keine Hilfe zu erwarten. Das ist oft schon mit der Organisation der alltäglichen Dinge mehr als ausgelastet. Im Netzwerk wird daher die Idee diskutiert, interessierte Bewohner der Camps in Praktika zu schulen, sodass sie mittelfristig die Organisation der Werkstatt und Ausgabe der Räder selbst übernehmen können.

Ansprechpartner ADFC

Der ADFC Hamburg hat die Initiative auch schon unterstützt, u. a. mit einer Annahmestelle für Räder beim Fahrradflohmarkt. Ich biete auf dem Treffen einfach mal frech (weil nicht abgesprochen) weitere Kooperationsmöglichkeiten an, wie z. B. Aufrufe an unsere Mitglieder und Orgahilfe. Auch das Thema Radtouren mit Flüchtlingen könnte sich eignen, weil Chris bei Westwind dazu bereits Ideen hat und sich auch im ADFC gerade eine Arbeitsgruppe bildet.

Während in der Produktionsschule noch angeregt diskutiert wird, mache ich mich auf den Heimweg. Gleich morgen werde ich in der Facebookgruppe vorbeischauen und auf jeden Fall am Ball bleiben.

Amrey Depenau in RadCity 6/2015

Kontakt zu Westwind

Website: www.westwind-hamburg.de  
Facebook: Westwind – Fahrräder für Flüchtlinge 
info@westwind-hamburg.de