05.04.2014

Billstedt jenseits der Klischees

Von: Frauke Steinhäuser

Fahrradrundfahrt durch einen ganz anderen Stadtteil

Billstedt. Wo war das nochmal gleich? Ach ja, im Hamburger Osten. Dieser hässliche Stadtteil, wo Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind. Mich, die ich meine Kindheit und Jugend genau dort verbracht habe, bringen solche Klischees regelmäßig auf die Palme. Zum Glück gibt es aber in »Killstedt«, wie es auch gern in der Presse heißt, Leute, die versuchen, diese Vorurteile zu widerlegen.

So jemand ist Ralph Ziegenbalg von der 2009 gegründeten Geschichtswerkstatt Billstedt. Er bietet großartige Radtouren an, mit denen sich ein »Billstedt jenseits der Klischees« entdecken lässt. Drei Stunden dauert eine solche Tour, perfekt für lange Sommerabende. Dabei entdeckt man lauschige Ecken an der Bille und am Schleemer Bach, beeindruckende Wohnarchitektur der 1920er-Jahre und spannende Beispiele für Industrialisierung. Und dabei erfährt man auch, dass Billstedt nicht schon immer ein -Hamburger Stadtteil war. Erst 1928 schlossen sich die drei holsteinischen Dörfer Schiffbek, Kirchsteinbek und Öjendorf zur Großgemeinde Billstedt zusammen. Und erst seit 1938 gehört diese Gemeinde auch zu Hamburg. Während der Radtour werden wir alle drei ehemaligen Dörfer kennenlernen. Doch das nur am Rande. Denn jetzt geht’s los!

Auch das ist Billstedt: Idylle an der Bille.
Die Mühle an der Glinder Au 
ist die einzige Billstedter Mühle, die noch in Betrieb ist. Sie steht dort bereits seit dem Mittelalter.
Eine der Info-Tafeln des Billstedter Geschichtspfads, hier in Kaltenbergen.
Um der damals herrschenden Wohnungsnot zu begegnen, entstand 1928 in Billstedt ein Komplex mit 270 Wohnungen ganz im Stil des vom Bauhaus begründeten Neuen Bauens.

Der Schatz vom Spökelbarg

Erste Zeichen der neuesten Moderne finden sich gleich am Billstedter Marktplatz: »Urban Knitting«. Graue Bügel und Laternenpfähle verschwinden hinter bunten, von BillstedterInnen fantasievoll gestrickten Verkleidungen. Wir freuen uns über diese Stadtverschönerung von unten und radeln weiter zum Spökelbarg. Die ruhige Wohnstraße mit alten Bäumen und dem einen oder anderen Jugendstilbau sowie Rotklinkerhäusern aus den 1930er-Jahren führt fast direkt zur gleichnamigen Anhöhe. Der Plattdeutsche Name, auf Hochdeutsch »Spukberg«, lässt Gruseliges ahnen. Und tatsächlich: In der Burg, die einst auf der Anhöhe stand, um die zwei Kilometer entfernte Hammaburg abzusichern, soll immer wieder eine ganz in Weiß gekleidete Frau gesehen worden sein: Kunigunde, die Witwe Graf Ottos von Orlamünde, die in Folge eines Missverständnisses ihre Kinder ermordete und seither keine Ruhe mehr fand. Heute steht auf dem Gelände nur noch eine Villa aus dem 19. Jahrhundert, die privat genutzt wird.

Idylle an der Bille

Wir radeln weiter durch das ehemalige Dorf Schiffbek Richtung Bille. Dazu müssen wir die Billstedter Hauptstraße überqueren. Nicht schön. Vorbei rasende Pkw und Lkw, das 1969 errichtete Billstedt Center, Spielhallen, Wettbüros, Sonnenstudios, Parkhaus: Beton, Beton, Beton. Fußgänger werden mittels einer Brücke über die Straße geleitet, bloß nicht den Autoverkehr stören. Auch die Situation für RadfahrerInnen ist suboptimal. Hier ist die Straße noch für Autos da. Doch Entschädigung durch größtmöglichen Kontrast bietet die nächste Station: Um die Ecke einer der verkehrsreichsten Kreuzungen Hamburgs erwartet uns ein Idyll: das Ufer der Bille. Entspannt sitzt man unter Bäumen, auf dem Wasser tuckern kleine Boote vorbei, gegenüber Industrie-romantik, Ottensener Makler würden sich nach solchen Arealen die Finger lecken. Diese Etappe gehört übrigens zum Billstedter Geschichtspfad: In den Boden eingelassene Metalltafeln berichten an bislang 13 Stationen über mit dem jeweiligen Ort verbundene historische Ereignisse.

Haus der Einwanderung An der Bille entlang geht’s zurück Richtung Osten. Die Wege sind stets gut zu befahren, kleine Steigungen leicht zu bewältigen. Vom Billeufer tauchen wir wieder auf an der Kreuzung Schleemer Weg/Möllner Landstraße/Kapellenstraße. Geradeaus viel Grün: der Park entlang des Schleemer Bachs. Hier stand einst das 1903 in Betrieb genommene Elektrizitätswerk. Heute ist davon nur noch eine denkmalgeschützte Villa erhalten, welche die Bill-stedter Geschichtswerkstatt zum »Haus der Einwanderung« machen möchte. Es soll die Geschichte der Zuwanderung nach Hamburg dokumentieren und zugleich ein Stadtteilmuseum sowie ein kleines Café enthalten.

Bauhaus in Billstedt

Wir aber radeln die Kapellenstraße hoch Richtung Kirchsteinbek. Da sorgt ein Abstecher für die nächste Überraschung. Der Wohnungsnot der 1920er-Jahre begegnete in Bill-stedt die gemeinnützige Baugesellschaft Selbsthilfe mit einem innovativen Projekt: Sie baute ab 1928 am Billstedter Mühlenweg einen Komplex mit 270 Wohnungen, einem Gemeinschaftshaus mit modernen Waschküchen, Bade-einrichtungen und einem Kinderhort. Und das alles im Stil des vom Bauhaus begründeten Neuen Bauens: Flachdächer, schnörkellose Bachsteinfassaden, gegliedert nur durch einheitliche Fensterbänder. Obwohl der Entwurf nur teilweise umgesetzt wurde, spricht der Hamburger Kunsthistoriker Hermann Hipp von einem der besten Beispiele für das Neue Bauen in Hamburg. Und das in Billstedt!

Vom Sonnenland …

Zurück auf der Kapellenstraße erreichen wir den Kirchsteinbeker Marktplatz. Vorbei an der Steinbeker Mühle, die seit dem Mittelalter in Betrieb ist und heute vor allem Glimmer für die Autoindustrie herstellt, erreichen wir das Sonnenland. Die 1966 fertig gestellte Siedlung mit dem netten Namen kämpft immer wieder mit sozialen Konflikten. Immer aber gibt es auch engagierte AnwohnerInnen, die mit Stadtteilprojekten das Klima im Viertel verbessern – bei nur geringer finanzieller Unterstützung durch die Stadt.

… nach Kaltenbergen

Und auch hier ist das nächste Naherholungsgebiet nicht weit: die Glinder Au. An ihr entlang radeln wir zur Siedlung Kaltenbergen, vorbei an einer Einfamilienhaus-kolonie, in der die SS einst ihre Mitglieder unterbrachte. In Kaltenbergen wiederum hatte zunächst nach dem Ersten Weltkrieg die Adolph-Woermann-Gedächtnis-Stiftung ärmeren Menschen Grundstücke und günstige Hypotheken für den Hausbau angeboten. Adolph Woermann – Hamburger Reeder,
Kaufmann, Reichstagsabgeordneter und rücksichtsloser Kolonialprofiteur in Afrika. Letzteres wollte früher wohl keiner so genau wissen, denn das Wohngebiet hieß ob Woermanns Afrika-Aktivitäten lange »Kamerun«. Bis in die 1960er-Jahre trug sogar eine HVV-Bushaltestelle dort diesen Namen. Ab 1967 errichtete die Hansa Wohnungsbaugenossenschaft dann die heutige Siedlung.

Luisenhof

Wir befinden uns nun schon in Öjendorf. Die Möllner Landstraße herunter fahrend erreichen wir unser letztes Ziel: den Luisenhof. Von dem Anwesen, in dem der aufklärerische Schriftsteller und Verleger Johann Wilhelm von Archenholz ab 1809 lebte, ist allerdings nur noch der schöne weitläufige Park erhalten. Entlang des lauschigen Schleemer Bachs radeln wir zurück zu unserem Ausgangspunkt: der Geschichtswerkstatt im Billstedter Kulturpalast, dem einstigen Schiffbeker Wasserwerk, das auch die HipHop Academy beherbergt.

Die Vision

Drei kurzweilige Stunden lang haben wir unter kundiger Führung so viele Facetten Billstedts entdeckt, dass uns sicher alles andere als Mord und Totschlag einfallen wird, wenn das nächste Mal der Name dieses Stadtteils fällt. Und was wünschen sich die Billstedter für die Zukunft? Einen Deckel für die B5, die den Billstedter Ortskern seit 1971 gnadenlos durchschneidet – um so das Zentrum wieder mit dem Fluss zu verbinden, mit einer Promenade zum Flanieren, mit Cafés, einem Bootsverleih … Sie arbeiten dran!

Frauke Steinhäuser in RadCity 2/2014

Die Touren

Dienstag, 24. Juni 2014, 18:30 Uhr, und Sonntag, 5. Oktober 2014, 11 Uhr:
»Billstedt jenseits der Klischees. Fahrradrundfahrt durch einen ganz anderen Stadtteil«.

Dienstag, 8. Juli 2014, 18:30 Uhr:
»Billstedts grüner Norden. Fahrradrundfahrt durch 50er-Jahre- Siedlungen, Friedhöfe und den Öjendorfer Park«.

Start jeweils am Kulturpalast Billstedt, Öjendorfer Weg 30a, Dauer: 3 Stunden
Kosten: 7,- EUR/erm. 5,- EUR
www.geschichtswerkstatt-billstedt.de