20.01.2011

Elbradeln: Hamburg – Schnackenburg und zurück

Von: Michael Prahl
Unverkennbar radfahrerfreundlich: Herberge »Froschkasten« in Boizenburg
Von Herrenhof nach Hitzacker: die vermutlich kleinste Fähre der Welt?
Oft autofreie Fahrt an Deutschlands beliebtestem Radfernweg.
Elberadeweg-Handbuch

Das Konzept steht fest: fünf Tage Rad fahren. Von zuhause aus. Ohne Transfer. Einzig Flussfähren sollen erlaubt sein. Möglichst viel Natur, wenig Verkehrsstraßen. Möglichst keine Steigungen. Die Wahl fällt auf den gut dokumentierten und beworbenen Elberadweg, der uns schon auf der ADFC Radreise-Messe gelockt hat. Wir entscheiden uns für die Etappe HH- Schnackenburg. Das war optimistisch ...

Angeradelt über Billbrook und durch die Vier- und Marschlande treffen wir erstmals bei Zollenspieker auf das Elbufer. Mit seiner Imbissbude ist der Fähranleger ein beliebter Treff für Zweiradfahrer. Auf dem Deich entlang in Richtung Geesthacht stellt sich sogleich das richtige »Elbradelgefühl« ein: Wir begleiten den Strom in Sichtweite und erleben die Schönheit der Marschen im Urstromtal.

Zwischen Krümmel und Lauenburg kommt dann die Sonderprüfung. Ein Eldorado für Mountainbiker, aber nix für Leute mit 3-Gang-Schaltung. Das bewaldete Steilufer kann jedoch ohne Umweg auf der benachbarten B5 mit Asphalt­radweg umfahren werden.

Die minutenlange Abfahrt in Lauenburg Richtung Osten ist eine echte Erholung. In Boizenburg endet die Etappe nach 80 km in der freundlichen Radler-Herberge »Froschkasten«, die wir am nächsten Tag nach einem unvergesslichen Frühstück mit Rührei und Gartenkäutern verlassen. Ein Rundgang durch das beschauliche Städtchen bietet eine mittelalterliche Wallanlage mit vielen Fachwerkhäusern.

Die Markierungspfeile weisen uns Richtung Amt Neuhaus, das zu Niedersachsen gehört, wenngleich es am rechten Elbufer liegt. Der Radweg verläuft über meist hervorragend zu fahrende Deiche, die nach dem Hochwasser 2002 modernisiert worden sind: topfebene Betonstreifen durch unberührte Feuchtgebiete mit teils seltenen Vögeln und Pflanzen. Schließlich verlief hier für 40 Jahre das Sperrgebiet der DDR-Grenze, das – zwangsweise entvölkert – die Entwicklung eines einzigartigen Biotops erst ermöglich­te. Hier und dort erinnern Relikte wie Wachtürme, Mauer- und Zaunanlagen an diese Zeit nicht nur der deutschen Teilung – es war ja auch eine europäische. So ist es nicht verwunderlich, dass mit uns etliche Radfahrer aus europäischen Nachbarländern unterwegs sind.

Wir setzen nach Hitzacker über – mit der vermutlich kleinsten Fähre der Welt, die ausschließlich Rad- und Fußvolk befördert. Bei Lüchow im Wendland endet dieser Tag im Haus von Freunden.

Am dritten Tag sollte bei Schnackenburg der Umkehrpunkt sein, doch unsicheres Wetter veranlasst uns, schon hinter Gartow bei Lenzen die Fähre zurück ans rechte Ufer zu nehmen. Zwar regnet es nicht, doch der Himmel ist grau und sehr starker Gegenwind erschwert uns den Weg bis Dömitz. Die dortige Radlerpension »Zur Festung« empfängt uns sehr freundlich, schließlich stammt die Wirtin selbst aus Poppenbüttel. Für die Räder gibt es gesonderte abschließbare Fahrradgaragen im Hof des restaurierten Fachwerkbaus am Marktplatz – die historische Festung ist nur 200 Meter entfernt.

Der Rückweg führt immer entlang der Deiche durch diese nun vertraute Flusslandschaft nach Stiepelse, wo uns »Räucherkaten-Wirt« Jürgen eine deftige Mahlzeit mit frisch geräuchertem Aal und Bratkartoffeln serviert.

Nach Übernachtung in Boizenburg geht es am fünften Tag entlang dem Elbe-Lübeck-Kanal über Witzeetze und Schwarzenbek durch den Sachsenwald nach Hamburg. Bei diesem heißen Sommerwetter empfinden wir den schattigen, frisch duftenden Wald als letzte echte Wohltat, bevor uns unsere Hansestadt wieder zurück hat.

Michael Prahl in RadCity 1/2011

Kurzbilanz Elberadtour
5 Reisetage, 350 km, 70 km Tagesschnitt, 22 Sattelstunden (= 4,5 Stunden/Tag)

Tipp »Elbkreuzfahrt«
Von Hamburg über Lauenburg nach Hitzacker gibt es Schiffsverkehr mit Radmitnahme. So kann die Strecke ganz oder teilweise mit einer kleinen Kreuzfahrt kombiniert werden.

Das offizielle Elberadweg Handbuch (84 Seiten, A5, kostenlos) dokumentiert 850 km Route vom Wattenmeer bis Tschechien. Mehr als 500 radlerfreundliche Unterkünfte vom Campingplatz bis zum 5-Sterne-Hotel sowie touristische Infos runden das Programm ab. www.elberadweg.de