03.08.2014

Nordica: Mit Klassik-Rennrädern auf Tour im Norden

Von: Jörg Maltzan

Sie heißen »L'Eroica«, »Klassikerausfahrt« oder »In Velo Veritas« – sportliche Ausfahrten mit historischen Rennrädern werden immer beliebter. In Hamburg steckt der Vintage-Radsport noch nicht so fest in klassischen Körbchen-Pedalen. Mit der Nordica aber ist ein viel versprechender Anfang gemacht. Mitte Juni starteten Oldtimer-Fans zum vierten Mal mit alten Stahlrennrädern zu einer Ausfahrt.

Das Feld formiert sich.

Es quietscht. Es schabt. Es kracht und klickert. Alte Rennräder haben ihren eigenen Sound. Hier ist Technik noch zu hören, und sie fordert ihren Fahrern Feingefühl ab. Die Piloten der betagten Maschinen tragen Trikots aus Merinowolle und schalten umständlich an Hebeln, die am Rahmen sitzen. Anstelle in moderne Klickpedalen fädeln sie ihre schmalen Lederschuhe in Metallkörbchen und ziehen sie mit Riemen fest. So war es früher. Und so ist es noch immer bei der Nordica: Eine Ausfahrt mit Rennrädern, die mindestens 30 Jahre alt sind und aus Stahl gefertigt wurden, hat besonderen Flair. Besonders für diejenigen, die keine Bestzeiten fahren wollen, sondern einen Schnack unter Gleichgesinnten wilden Positionskämpfen vorziehen.

Cinelli-Rudi tauscht den Schlauchreifen.
Auch Klassiker haben mal eine Panne, aber Cinelli- Rudi weiß, wie man das Gummi von der Felge zieht.

Zur Tankstelle

Kräftig bläst der Wind aus Nordwest und wiegt die Baumkronen hin und her. Ohne Hindernisse kommt er vom Meer, dann braust er übers platte Land und erzeugt Herbststimmung mitten im Juni. Wind ist typisch für die Nordica, die in Elmshorn gestartet wird. Der Name lehnt sich an die L'Eroica in Italien, der Mutter aller Vintage-Radrennen. Statt Toskana-Hügeln und Zypressen-Alleen gibt es bei der Fahrt durch Schleswig-Holstein grüne Wiesen, grasende Kühe, wehende Wolkenfetzen – nordischen Charme eben. Auch bei der Verpflegung. Eine rustikale Gaststätte, die mal eine Tankstelle war, serviert Rollmops, Bratkartoffeln und Götterspeise.

Aber darum kommen sie nicht, die Männer und Frauen auf ihren Peugeots, Le Jeunets, Giants und Gios'. Nein, sie sind hier, um etwas Atmosphäre längst vergangener Radsporttage aufzusaugen. Darum fahren sie auf dünnrohrigem Altmetall statt auf dicken Aluprofilen oder neumodischen Carbonfasern. 
Vor Kurven quietscht es jedes Mal. Das sind die Bremsen. Wenn Sportkamerad Holger auf seinem blauen Peugeot-Renner aus den 1970er-Jahren an den gelochten Bremshebeln zieht, ertönt ein helles, durchdringendes Geräusch. Die Bremse stammt von Mafac, wird per Mittellzug gesteuert und nennt sich viel versprechend Racer. Doch das Getöse, das sie verursacht, erinnert eher an einen Güterzug, der nachts auf einem Bahnhof rangiert als an Eddy Merckx, der einen Alpenpass herunter donnert. 

Gruppenbild der Nordica-Tourenfahrer am Strand von Kolmar an der Elbe
Gruppenbild der Nordica-Tourenfahrer am Strand von Kolmar an der Elbe.

Eine Zeitreise

Der Zahn der Zeit hat die Bremsgummis ausgehärtet. Wenn die Backen sich an die Felge legen, quietscht es. »Ersetzt die Klingel«, scherzt Peu­geot-Holger. Stimmt. Passanten drehen sich erschrocken um, wenn sich von hinten der Güterzug, der kein Güterzug ist, nähert, sondern ein Radfahrer.

Dann schabt es immer wieder. Meistens nach einer Kreuzung. Das sind die Pedalen, die mit dem Metallbügel lautstark über den Asphalt schleifen. Denn in historischen Rennpedalen klickt man nicht einfach ein. Hier ist Geschick gefragt:

anfahren, rollen lassen, dann die Füße einfädeln. Dabei passiert es oft, dass ein Bügel den Boden berührt – kein Problem, so lange man dabei keine Kurve fährt.
Kaum in den Pedalen, ist manchmal ein sattes Krachen zu vernehmen. Das sind die Ritzel. Wer unter Last schaltet, erzeugt fiese Geräusche. Alte Rennräder machen schaltfaul, und so werden Steigungen einfach im hohen Gang durchgedrückt. Bei maximal zehn Gängen ist das Übersetzungsspektrum der Klassiker ohnehin begrenzt.

Die richtige Bedienung der Rahmenschaltung fordert jedenfalls viel mehr Geschick als bei einer aktuellen Rennmaschine mit Bremsschalthebeln. Auch Reifenpannen haben in Vintage-Kreisen ihre Eigenarten. So fährt sich Rudi plötzlich einen Platten in den Schlauchreifen des Hinterrads seines roten Cinellis. Schlauchreifen sind auf die Felge geklebte Reifen, in die der Schlauch eingenäht ist. Profis fahren so was noch heute. Schlauchreifen erlauben mehr Luftdruck und geben ein besseres Gefühl für die Straße. Aber wie geht es weiter bei einem Platten? Rudi macht es vor. Mit wenigen Griffen hält er das Hinterrad in der Hand, zieht gekonnt das Gummi von der Felge und walkt genau so geschickt den neuen Reifen wieder darauf. In weniger als fünf Minuten sitzt Rudi wieder im Sattel. Nach 80 Kilometern erreichen die Klassik-Freunde das sehenswerte Museum „Räder unter Reet“ in Horst-Hahnenkamp und damit das Ziel ihrer (Zeit)reise. Eine Reise, die viel mit Gefühl, Sport und Kameradschaft zu tun hat.

Eine Form der Reise, die zunehmend Anhänger findet. Die nächste Klassik-Tour ab Elmshorn ist Ende September geplant.

 

Glitzernde Parade der Stahlrenner
Glitzernde Parade der Stahlrenner vor dem Verpflegungsposten »Zur Tankstelle« in Brande-Hörnerkirchen.

Text und Fotos von Jörg Maltzan in RadCity 4/2014.

Info

Organisiert werden die Nordica und andere Klassik-Touren von der Fahrradgruppe 
Rückenwind
in Elmshorn. Weitere Auskunft gibt André Konietzko (Tel. 04121/63298).