03.08.2013

Per Rennrad durch Kulturlandschaften

Von: Anne-Karin Tampke
Am Elbdeich
Sönke: Fahrradschlauch mundgeblasen
An der Elbe am Zollenspieker Fährhaus
Eine viertel Stunde reicht zum »Auftanken« – kurzen Pause nach dem Anstieg bei Fahrenholz

Jeden Freitag geht es sportlich durch die Vierlande. Ein Tourenbericht.

Suchtpotential hat diese Feierabendtour offenbar für Radfahrer, die Geschwindigkeit mögen. Auf den verkehrsarmen Asphaltwegen in den Vierlanden – dem so genannten Gemüsekorb Hamburgs – kann der trainierte Radler locker ein Tempo von 30 Kilometern in der Stunde halten. Start ist der Parkplatz an der S-Bahn Mittlerer Landweg, freitags um 18.45 Uhr. Von April bis zum ersten Oktoberwochenende.

Schneller geworden

Der Verlauf der Strecke ist flexibel. Er hängt von der Windrichtung ab, vom Wetter oder davon, wie die Tourenleitung die Kondition und Fitness der Gruppe einschätzt. Heute starten dreizehn Rennradfahrer in Richtung Reitbrook. Wir sausen an Gemüse- und Blumenbeeten vorbei. Die Straße schlängelt sich immer wieder parallel zur Gose-Elbe hinter Deichen und Gehöften. Auf den Wiesen grasen Wildgänse. Doch wir konzentrieren uns mehr auf die Zeichen des Vordermannes. Die sind wichtig, um zu erkennen, ob ein Schlagloch droht oder ob ein parkendes Auto am Straßenrand steht, dem wir ausweichen müssen.

Die Tour führt über die Dörfer am Rande von Naturschutzgebieten durch Reitbrook und Kirchwerder – ein Landstrich, der schon seit 800 Jahren beackert wird und damit zu den ältesten Kulturlandschaften Deutschlands zählt. Von dort geht es nach Neuengamme, dann über Curslack und Altengamme weiter nach Escheburg. Ab Fahrendorf schlagen die Rennradler häufig einen Bogen und fahren über den Fähranleger Zollenspieker und über Fünfhausen zurück zum Ausgangspunkt.

Vor etwa zehn Jahren war diese Runde noch eine 3-Sternchen-Tour (also mit geplanter Durchschnittsgeschwindigkeit von 19 bis 22 km/h) mit gemischten Fahrern. Mit der Zeit wurde die Freitagsrunde aber immer schneller, es kamen immer mehr Rennräder dazu. Auch der Vater von Tourenleiter Sönke fuhr damals schon mit. Er war es auch, der Sönke auf’s Rennrad brachte.

Eine Art sportlichen Ehrgeiz pflegen wohl die meisten Teilnehmer: Sönke und ein Großteil der Gruppe trainieren für die Teilnahme an dem Jedermann-Radrennen in Hamburg, den Vattenfall-Cyclassics. Sie haben sich für die 100 km oder 155 km lange Strecke angemeldet. Sönke möchte die Ziellinie nach 100 km Fahrt in weniger als drei Stunden überqueren.

Viele von ihnen trainieren auch für andere sportliche Ereignisse wie den Hamburger Triathlon. Ein Teilnehmer gewann in seiner Altersklasse gerade einen Schwimmwettkampf. Ein anderer, Marko, treibt zehn Mal die Woche Sport. Auf die Frage, wie er das zeitlich mit der Arbeit verbindet, antwortet Marko ganz gelassen: »Man kann doch morgens und abends trainieren oder am Wochenende zwei Mal pro Tag.«

Im Windschatten zum Fährhaus

So sollte im ADFC-Radtourenprogramm der Hinweis zur Zielgruppe nicht fehlen. Diese Freitagstouren richten sich an Durchtrainierte, sie fahren an einem Abend zwischen 50 und 75 Kilometer weit mit einem durchschnittlichen Tempo von etwa 30 Kilometer pro Stunde. Die Teilnehmer genießen die gemeinsame Fahrt. Für sie ist es Ansporn und Trainingsspaß zugleich.

In Fahrenholz wartet eine kleine Bergetappe auf uns. Die 12-%ige Steigung bezwingen wir relativ schnell. An anderen Freitagen nutzen manche diese Steigung als zusätzliches Training und fahren den Anstieg ein zweites Mal – aber heute hat keiner Lust dazu.

Heute machen wir auf dem Geesthügel eine kleine Pause. Zeit für einen kleinen Snack oder einen Klönschnack. Etwa fünfzehn Minuten reichen zum Durchatmen bis es den Berg wieder hinunter geht. Wir erreichen Höchstgeschwindigkeiten. Jetzt wird deutlich, dass es doch ein schönes Stück bergauf ging. Die Kondition wird auf die Probe gestellt. In Escheburg müssen wir eine kurze Zwangspause einlegen. Ein Reifen ist platt.

Der Schlauch ist schnell getauscht und aufgepumpt, der Reifen wieder eingesetzt und weiter geht es an der Elbe entlang. Hier pustet uns der Wind ganz ordentlich entgegen. Gern nutzen wir den Windschatten des Vordermannes oder der Vorderfrau. Am Zollenspieker Fährhaus machen wir zum letzten Mal Rast. Heute Abend sind hier nur wenig Motorradfahrer, die meisten werden sich hier am Sonntagnachmittag auf einen Kaffee treffen. Wir schauen noch einmal auf die Elbe, bis es weiter geht. Einige haben noch ausreichend Reserven und liefern sich einen Endspurt bis zum Ausgangspunkt Mittlerer Landweg.

Ein schönes Gefühl, das Wochenende mit einem guten Rennradtraining begonnen zu haben. Wir sagen: »Tschüss! Bis nächsten Freitag.«

Übrigens: Die Feierabendtour durch die Vierlande bieten in der Saison sieben Tourenleiter im Wechsel an, darunter auch eine Frau. Schon im Winter treffen sie sich und einigen sich darauf, wer in der nächsten Saison an welchem Freitag die Tour leitet. Mit dabei: Peter Bresemann, Joachim Keller, Rainer Marien, Sönke Meyer, Frank Neumann, Katrin Steinbach und Matthias Schumacher. Und wenn einer kurzfristig verhindert ist, dann springt jemand aus dem Tourenleiterteam ein.

Anne-Karin Tampke in RadCity 4/2013

Die Vierlande

... sind ein Gebiet im Hamburger Bezirk Bergedorf, das aus den vier Stadtteilen Curslack, Kirchwerder, Neuengamme und Altengamme besteht. Die Vierlande sind auch als Gemüsegarten Hamburgs bekannt: Das Obst und Gemüse sowie die Blumen und Kräuter, die auf den Hamburger Wochenmärkten angeboten werden, stammen häufig aus diesem Gebiet. Rennradler schätzen die Vierlande, weil die Straßen relativ verkehrsarm sind und die Höchstgeschwindigkeit für Autos im Stadtgebiet bei 50 km/h liegt. Diese Geschwindigkeit erreichen zum Teil auch einige Rennradfahrer.

Die Autorin hat auf der Tour mit ihrer Helmkamera gefilmt.
Stefan Eli hat daraus ein Video geschnitten.