30.01.2013

Radfahrfreu(n)demetropole

Von: Stefan Kayser
Broschüre der Metropolregion

Gruppenradtouren, mal nicht vom ADFC

Radfahrfreunde - das wäre ein schöner Untertitel für den ADFC, oder!? Tatsächlich kam aber die Metropolregion Hamburg auf diese Idee. 36 Touren zwischen Büsum und Dannenberg sollen zeigen, wie attraktiv das Hamburger Umland ist. Eine zufällige Auswahl, mal näher betrachtet, verdeutlicht: Nicht alle Touren machen Radfahrfreude.

Jeder Landkreis, jede touristische Region rund um Hamburg bietet auch Radtouren an. Die findet nur keiner, weil Tagesausflüge in der näheren Umgebung selten mit einer Internetrecherche auf Gemeindeportalen beginnen. Also starteten die Tourismusbeauftragten der Metropolregion Hamburg im Mai 2012 eine »Ausflugskampagne« unter dem Motto »Radfahrfreu(n)de unterwegs«.

Viele dieser »Gruppenradtouren« sind mit der Bahn nur schwer zu erreichen – erst recht für Gruppen. Wer sich aber allein oder zu zweit auf den Weg macht, lernt den Hamburger Speckgürtel mal von einer anderen Seite kennen. Nicht verstopfte Autobahnen, überfüllte Pendlerzüge und langweilige Neubausiedlungen machen den Charme des Umlandes aus, sondern Küsten-, Seen- und Moorlandschaften, Rundlingsdörfer und tatsächlich auch ganz schön viel Wald!

Was taugen die angebotenen Touren der Metropolregion? Sind sie gut ausgearbeitet, verlaufen sie auf schönen, ruhigen und abwechslungsreichen Strecken? Komme ich mit der Bahn dorthin? Gibt es Kartenmaterial und GPS-Daten? All das sollte der Radwanderer abschätzen können, bevor er aufbricht. Nicht umsonst sind die Gruppenfahrten beim ADFC so beliebt: Ein Tourenguide sorgt für einen reibungsarmen Ablauf – abends ist man in der Regel wieder zuhause!

Karte mit Touren in der Metropolregion.
Die vorgestellten Touren.

Die vorgestellten sechs Touren sind über das gesamte Gebiet der Metropolregion verteilt. Auf der Webseite metropolregion.hamburg.de/gruppenradtouren-natur/ gibt es Beschreibungen, Adressen, ÖPNV und ein Link auf das Radportal »bikemap« für GPS-Daten und Kartenansicht.

Die Tracks beginnen oft nicht am angegebenen Startpunkt, das erschwert es den Nutzern unterwegs einzuschätzen, wie weit es noch bis zum Ziel ist. Allen GPS-Daten fehlen die Points of Interest, also das, was eine Tour nicht nur schön, sondern auch interessant macht: Wo einkehren, wo picknicken, wo baden gehen …?

Fazit Die Metropolregion Hamburg hat für Radfahrfreunde viel zu bieten. Die Kampagne geht den richtigen Weg, sie erleichtert die Orientierung schon vor der eigentlichen Tour. Schade ist allerdings, dass die meisten touristischen Regionen einfach in ihre Grabbelkiste greifen und wenig Herzblut in die Attraktivität ihrer Radtouren stecken. Mit etwas mehr Aufwand böten die angebotenen Touren deutlich mehr Radfahrfreude!

Natur und Kultur in Dithmarschen erleben, Büsum, 40km (Tour 5)

Versprechen: Radtour an der Nordsee entlang des Nordseeküstenradwegs und durch Naturschutzgebiete, Wiesen und Felder zwischen dem malerischen Fischerort Büsum und Meldorf. Für die An- und Abreise mit der Bahn müssen schon mal vier Stunden ab Hamburg veranschlagt werden, inklusive zweimal umsteigen. Die Tour selbst verläuft zu Beginn sehr schön entlang der Nordseeküste, doch bereits nach 12 Kilometern ist Schluss mit autofrei, der Rest der Strecke verläuft auf Kreis-, Land- und sogar Bundesstraßen. Immerhin: Entlang der gesamten Strecke gibt es straßenbegleitende Radwege – doch wer will das schon auf 30 Kilometern? Eine Tour für Flachlandenthusiasten mit Interesse am Radwegebau.

Oste-Wingst-Route, Neuhaus, 45km (Tour 11)

Versprechen: Die 45 km lange »Oste-Wingst-Route« kombiniert romantisches Flusserlebnis mit der überraschenden Einsicht, dass auch der Norden schönste Waldgebiete hat.

Es war nicht leicht, den tatsächlichen Verlauf dieser Strecke zu klären. Vertraut man dem GPS-Track, führt die Strecke vom Tourismusverein Ostemündung in Neuhaus (Oste) in einer großen Runde um den Dobrock. Auf dieser Strecke liegt keiner der beiden möglichen Haltepunkte des Metronom nach Cuxhaven. Auf der Seite des Anbieters www.wingst.de sind die Bahnhöfe Wingst und Cadenberge eingebunden – Verschlimmbesserung oder Versehen?

Die ersten vier Kilometer verlaufen auf Landstraßen mit Radweg, dann geht’s rechts ab und 12 Kilometer entlang des Ostedeichs, der einem leider meist den Blick auf den Fluss verwehrt.

Nordöstlich des Balksees wird der GPS-Track galant durch den Wingster Laufgraben gelegt – das ist ein Entwässerungskanal. Ein Stück weiter führt ein Abstecher zum Wasserwerk, damit man auf dieser Strecke auch den Wald gesehen hat. Weiter führt der Weg im großen Bogen um Cadenberge mit seinem Bahnhof herum zurück nach Neuhaus, und die Tour endet, wo sie beginnen musste – beim Tourismusverein Ostemündung.

Tausend-Tannen-Tour, Neumünster, 57km (Tour 20)

Versprechen: Diese Tour führt durch die an Neumünster angrenzenden Wälder. Kleine Abstecher führen zum Erlebniswald in Trappenkamp oder zum Wildpark Eekholt.

Hier wird nicht zuviel versprochen: Es geht durch Neumünster, und es geht durch Wald. Neumünster ist zwar nicht im HVV-Gesamtbereich, wird aber auf der Strecke nach Kiel regelmäßig und ohne Umsteigen bedient (wer in Rickling startet, bleibt im HVV-Gesamtbereich). Eine Ausschilderung ist angekündigt und ohne GPS auch zwingend notwendig, denn die Schmetterlings-Routenführung irritiert etwas. Die ersten zwölf Kilometer durch Neumünster und entlang einer Kreisstraße zum Teil ohne Radweg nagen an der Motivation. Durch den Staatsforst Neumünster könnte es teilweise matschig werden. Die Abstecher zum Erlebniswald Trappenkamp (10km) und zum Wildpark Eekholt (6km) machen aus der ohnehin schon langen Tour eine sportliche Herausforderung, denn beide Varianten sind zeit­intensiv. Zwischen Rickling und Latendorf ist der Verlauf der Strecke sehr abwechslungsreich, bei Latendorf wartet allerdings ein steiler An- und Abstieg über je drei Kilometer.

Kleine Heidetour, Bispingen, 27km (Tour 14)

Versprechen: Rundtour in das Herz des Naturschutzparks Lüneburger Heide, durch weite, wacholderbewachsene Heidetäler und verträumte Heidedörfer.

Eine Tour wie gemacht für einen schönen Sonntagsausflug – nicht zu lang, vorbei an touristischen Highlights, mit vielen Picknick- und Einkehrmöglichkeiten. Wenn es nur einen Bahnhof in Bispingen gäbe … Der Heidesprinter aus Buchholz hält in Wintermoor und Schneverdingen – beides zehn Kilometer vom Tourenverlauf entfernt. Die Wegqualität ist durchwachsen: Sandwege, grobes Kopfsteinpflaster und Asphalt. Die gewagte Routenführung zum landschaftlich attraktiven Totengrund ist etwas für Orientierungsfreaks. Hier ist der GPS-Track nur mangelhaft ausgearbeitet, und die Anzahl der Wanderwege macht die richtige Entscheidung nicht leichter. Auf den letzten fünf Kilometern zwischen Behringen und Bispingen entlang der L211 dürfte man am Wochenende all diejenigen treffen, die ihr Rad mit dem Auto über die A7 transportieren …

Schaalsee-Rundtour, Zarrenthin, 43km (Tour 1)

Versprechen: »Die Fahrt führt Sie durch Wälder und Wiesen, über Obstbaumalleen und Feldwege, durch schöne Dörfer und kleine Städte.«

Keine Frage: Landschaftlich hat die Gegend rund um den Schaalsee einiges zu bieten! Wer hier allerdings auf dem Rad die Landschaft genießen will, sollte diesem Streckenvorschlag besser nicht detailliert folgen: 100% asphaltierte Kreis- und Landstraßen, die am Wochenende stark frequentiert von Ausflüglern im Auto und auf dem Motorrad sind. Nur selten direkter Kontakt zum Schaalsee, der ohnehin nur an wenigen Stellen frei zugänglich ist – und je 12 Kilometer für An- und Abfahrt bis zum nächsten Bahnhof machen den Schaalsee zu einem Eldorado für motorisierte Tagesausflügler und zu einem Geheimtipp für Radwanderer, die sich ihren eigenen Weg suchen. Der Besuch des Schaalsees lohnt also, die Tour leider nicht!

Stadt-Land-Fluss, Hitzacker, 47km (Tour 15)

Versprechen: Natur und Kultur in der Elbtalaue stehen im Mittelpunkt dieser Rundtour. Von Hitzacker aus geht es auf Entdeckungstour durch Städte, über Land und entlang der die Region prägenden Elbe.

Zugegeben, es erfordert Mut, mit der Bahn Richtung Hitzacker zu fahren – nur alle vier Stunden geht der Wendland-Express, da muss die Rückfahrt gut getimt sein, will man nicht über Nacht bleiben. Die Fähre pendelt von 9 bis 18 Uhr zwischen Hitzacker und Bitter, auf der Ostseite erwarten den Genussradler mehr als zehn Kilometer autofreies Radeln auf der Deichkrone. Auf Satellitenbildern sieht der Weg sogar ganz gut aus. Hinter Rüterberg müssen knapp vier Kilometer Bundesstraße ertragen werden, bevor bei Elbkilometer 506 wieder niedersächsisches Gebiet befahren wird. Seit Mai 2012 soll die Route ausgeschildert sein; gut so, denn der GPS-Track lässt einen zwischen Cacherien und Quickborn schlicht im Wald stehen. Davon abgesehen hält die Tour, was sie verspricht, und darauf kann sie sich – nach allen Ergebnissen aus dieser Online-Recherche – richtig etwas einbilden!

Stefan Kayser in RadCity 1/2013