27.11.2014

Schiffshebewerk Scharnebeck

Von: Michael Link

Eine ADFC-Tour von Harburg zum Schiffshebewerk Scharnebeck mitfahren oder doch lieber faul in der Sonne sitzen? Am Tag der Einheit lockte beides, doch die Fahrradtour gewann. Ein Bericht.

Das Schiffshebewerk in Scharnebeck bei Lüneburg macht es möglich, Schiffe um 38 Meter zu heben oder zu senken
Das Schiffshebewerk in Scharnebeck bei Lüneburg macht es möglich, Schiffe um 38 Meter zu heben oder zu senken

Die Voraussetzungen waren ideal: Wolken und Regen gingen anderswo ihren Geschäften nach, wir hatten hingegen lauschige 19 Grad. Außerdem wollte mein Fahrrad dringend mal mehr Auslauf.

Tourenleiter Edmund Fahnenbruck (Eddy) hatte nicht mit dieser großen Resonanz gerechnet: Es waren mehr als 20 Menschen am Treffpunkt nahe des Bahnhofs Harburg versammelt. Es war meine erste ADFC-Radtour und ich wusste nicht, was mich erwartete. Beim ersten Blick auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer war klar: Hier fährt der ganz normale Querschnitt mit. Eine Dame mit E-Bike, eine Familie mit Tandem und Begleitrad, ein Liegeradfahrer, ein paar routinierte Strammwaden mit Straßenrädern, die in filigraner Kleinarbeit auf die persönlichen Vorlieben getunt waren. Viele normale Leute mit ganz normalen Alltagsrädern. Und alle hatten Lust auf einen Tag Langdistanz mit Eddy und seinem Helfer Sven.

Eddy begrüßte uns, erzählte uns, was uns erwartete und dann kreisten schon unsere Pedalen. Ich fand mich neben Markus* wieder, der mich mit Kennerblick gleich fragte, ob ich schon mal einen Ölwechsel bei meiner Rohloff-Nabe gemacht hätte. Erwischt, nein, dachte ich noch, aber das Gespräch nahm während der nun folgenden neun Kilometer an Rönneburg, Meckelfeld und Hörsten vorbei trotzdem seinen angenehmen Verlauf. Derweil flogen rechts und links die Büsche und Bäume nur so an uns vorbei.

Während der Fahrt brausen wir an einer Oldtimer-Treckerparade vorbei
Während der Fahrt brausen wir an einer Oldtimer-Treckerparade vorbei

Keine Vögel in der Seevengeti

Einen ersten Stopp gab es am Steller See, bei einem Aussichtspunkt für Vogelliebhaber in der sogenannten Seevengeti. Vielleicht hatten die Piepmätze heute eine Ballonfahrt gebucht, zu sehen waren diesmal keine. Eddy verteilte hier ein paar Karten der Tour und fragte fürsorglich, ob alle mit dem Tempo zurecht kämen; wir hatten bislang einen Schnitt von rund 18 km/h. Nach zehn Minuten ging’s wieder auf die Piste, die hier eher ein gut fahrbarer Dschungelpfad war.

Über Feldwege und Pfade gelangten wir über Stelle nach Gehrden. Dort bogen wir nach Norden ab, um Winsen (Luhe) auf angenehmst-autoarme Weise zu umfahren. Der Ilmenau nach Osten folgend erreichten wir kurz vor Oldershausen unseren zweiten Platz für eine Pause, romantisch an einer Schutzhütte an der Neetze. Bei fast sommerlichen Temperaturen ging es den ersten Bro­ten und Salaten an den Kragen. Die ersten Trinkflaschen meldeten starken Flüssigkeitsverlust. Wieder Zeit für Gespräche, auch die zurückhaltendsten Menschen tauen bei einer gemeinsamen Tour irgendwie schnell auf, dachte ich.

Tourenleiter Eddy begrüßt die Mitfahrenden
Tourenleiter Eddy begrüßt die Mitfahrenden

Erhebendes Gefühl am Etappenziel

Um zwölf ging es weiter, schließlich waren erst 31 Kilometer absolviert und das Hebewerk kam uns keinen Meter freiwillig entgegen. Also folgten wir mit zunehmendem Lächeln auf den Gesichtern weiter der Ilmenau und dem Neetzekanal, bis wir über St. Dionys, Bardowick und Adendorf nach etwas mehr als einer Stunde schließlich auf den Elbe-Seitenkanal stießen, nach etwa 50 Kilometern insgesamt. Klasse Gefühl, dem schnurgeraden Asphaltweg nach Norden zum Hebewerk zu folgen. Immer wieder passierten wir dabei Binnenschiffe. Nach einem kurzen Fotostopp auf einer Panorama-Plattform erreichten wir das Hebewerk. Es wurde in den Siebzigern für rund 152 Mio. Mark als weltgrößtes Doppelsäulen Schiffshebewerk erbaut und ist eine Art Lift für Binnenschiffe. Die überwinden hier in gerade mal 15 Minuten 38 Meter Höhenunterschied.

Am Ziel angekommen rief Eddy eine längere Pause zur freien Verfügung aus. Die einen besichtig­ten das Museum des Hebewerks, die anderen nutzten ihre eigenen Hebewerke, um damit im nahen Ausflugslokal Speis und Trank zur Körpermitte zu befördern.

(Karte: Open Street Map)

Oh, Schreck, ein Kettenriss

Wieder am Treffpunkt dann der Schreck: Bei einer Teilnehmerin war die Kette gerissen. Nicht die eines Halsbandes, sondern die am Rad. Eine Notreparatur machte das Rad wieder flott. Ein Glück, dass immer Leute mitfahren, die sich a) auskennen und b) auch auf die unmöglichsten Pannen vorbereitet sind. Meine Bewunderung für die Gruppe stieg weiter.

Gegen 14:50 Uhr rotierten dann wieder die Pedalen, um uns zu unserem Endpunkt Bergedorf zu bringen. Die breiten windgeschützten Wege entlang des Seitenkanals und der Elbe ließen viele Möglichkeiten, mit Mitradlern zu quatschen. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass Eddy die Tour vom kürzlich verstorbenen langjährigen Tourenleiter Hans-Jürgen Heinatz sozusagen geerbt hatte. Eddy hat sie etwas angepasst und dann kurz vor der heutigen Tour »zur Sicherheit« noch »mal eben« abgeradelt. Res­pekt, Eddy!

Kurz vor der Brücke nach Geesthacht bogen einige aus der Gruppe ab, um auf der Südseite der Elbe nach Hause zu fahren. Der Rest erreichte über Altengamme und Curslack schließlich um 17:25 Uhr Bergedorf. Eddy hatte es geschafft: Alle Schäfchen ungeschoren geblieben, keines hat ein böser Golf gefressen. Und die vielen Dankeswünsche hatten er und sein Helfer Sven wahrlich verdient. Ebenso das dicke Eis, das wir uns nach der Tour noch gönnten.

Michael Link in RadCity 6/2014

Info

Die Tour wird voraussichtlich im Spätsommer 2015 wieder angeboten. Siehe unser Radtourenangebot.