26.05.2013

Von Wandsbek übern Höltigbaum

Von: Anne-Karin Tampke
Tourenleiters Gespür für Schnee: Michael Gallasch (links) und Bernd Everding im Forst Hagen
Tourenleiters Gespür für Schnee: Michael Gallasch (links) und Bernd Everding im Forst Hagen

Eiszeitliche Tunneltäler um Hamburg? Dazu passten die Temperaturen bei der ADFC-Tour von Wandsbek übern Höltigbaum. Ein Tourenbericht.

Hamburg, mit etwas Phantasie und Wissen kann man sich die eiszeitlichen Gletscher noch vorstellen. Gerade heute. Denn jetzt, am 6. April, ist es überall noch weiß oder wenigstens winterlich matschig. Und für heute hatte ADFC-Tourenleiter Michael Gallasch zu dieser Fahrradrundtour eingeladen. Die Startbedingungen sind nicht besonders: Eher kühl, die Höchstwerte liegen zwischen 7 und 8 Grad, aber es ist sonnig. Nach dem Willkommen und einigen einführenden Worten von Michael starten wir zu dritt an der Christuskirche, U-Bahn Wandsbek-Markt.

Wir folgen zunächst dem Lauf der Wandse in Richtung Rahlstedt. Übrigens war der Bezirk Wandsbek Namensgeber für den Bach – und nicht andersherum der Bach für den Bezirk. Für alteingesessene Hamburger heißt das Gewässer noch immer »Rahlau« oder »Stellau«.

Im Botanischen Sondergarten verstecken sich die Blumen und Sträucher noch unter der Eisdecke. Und die Kleingärtner am Ufer der Wandse warten sicherlich auch sehnsüchtig auf frühlingshafte Temperaturen. Wir passieren die Alt-Rahlstedter Kirche, sie ist eine der beliebtesten Hochzeitskirchen Hamburgs. Außerdem ist sie eines der ältesten Kirchengebäude im norddeutschen Raum – Teile stammen wohl schon aus dem zwölften Jahrhundert. Das Innere lockt mit sehenswerten Kunstwerken.

Ziemlich kalt hier.
Ziemlich kalt hier.

Überall Eiszeit

Einige Kilometer weiter, am Informationszentrum des Naturschutzgebietes Höltigbaum, dem »Haus der wilden Weiden«, machen wir Rast.

Als Tourenleiter bereitet Michael die Radtour vor: Dazu fährt er die Strecke vorher ab, baut in den Routenverlauf ein paar optische Highlights und gut geeignete Pausenplätze ein. Außerdem sammelt er Hintergrundinformationen, die er dann während der Tour weitergeben kann. So erzählt Michael: »Vor etwa zwanzig Jahren wurde die militärische Nutzung hier aufgegeben. Innerhalb dieser Zeit hat sich der Bewuchs in dem Gelände komplett verändert.« Nach und nach wurde aus dem Übungsgelände ein 558 Hektar großes Naturschutzgebiet.

Mitfahrer Bernd Everding, selbst auch ADFC-Tourenleiter, fährt das ganze Jahr über mit dem Fahrrad. Er hat sich heute früh von Finkenwerder aus auf den Weg gemacht. Bernd möchte Strecken und Gegenden außerhalb seines täglichen Umkreises kennen lernen.

Gestärkt radeln wir durch weite Landschaften und folgen eine Weile dem Rundwanderweg »Die Gletscher-Spur«. Hier sind auf engstem Raum Landschaftselemente erhalten, die während der letzten Eiszeit entstanden sind. In Richtung Norden radeln wir durch das Stellmoorer Tunneltal. In den dreißiger Jahren fand man hier Werkzeuge von Rentierjägern, die zum Ende der letzten Eiszeit an dieser Stelle ihr Sommerlager hatten.

Wir fühlen uns tatsächlich ein bisschen wie in der Eiszeit. Als Michael vor einem halben Jahr den Termin für die Tour festlegte, habe er in seinen schlimmsten Träumen nicht damit gerechnet, dass Anfang April die Wege noch mit Schnee und Eis bedeckt sind.

Das Mittelalter

Auf der Anhöhe der früheren Burg Arnesvelde angekommen, hören wir die Rufe der Kraniche. Wildgänse stimmen mit ein. Kinder tauchen auf dem ehemaligen Platz des Burgfrieds mit Rollenspielen in die Zeit des Mittelalters ein. Michael erzählt: »Von der Burg selbst ist außer den Wallanlagen nichts mehr zu sehen. Die Steine wurden wahrscheinlich als Fundament für das Schloss Ahrensburg verwendet.«

Auch ihnen kann der Schnee nichts anhaben: Kinder beim Mittelalter-Rollenspiel.
Auch ihnen kann der Schnee nichts anhaben: Kinder beim Mittelalter-Rollenspiel.

In Richtung Westen geht es vorbei an den Volksdorfer Teichwiesen – ein weiteres Tunneltal, das durch Abfließen des Schmelzwassers entstand. Durch die Teichwiesen fließt der Bach Saselbek, dem wir bis zur Alster folgen. Nun ist der Fluss Alster unser Wegweiser. Unter uralten Bäumen schlängelt er sich durch das enge Tal.

Streckenverlauf der beschriebenen Tour (Open Streetmap/Michael Gallasch)
Streckenverlauf der beschriebenen Tour (Open Streetmap/Michael Gallasch)

Und die Gegenwart

In Ohlsdorf – also nicht wie geplant in Wandsbek – endet unsere Tour nach fünf Stunden mit flotterem Tempo für heute. Wir sind müde vom Fahren auf den vereisten Pisten und den zum Teil sehr matschigen Wegen. Dennoch genossen wir die Tour. Es hat viel Spaß gemacht, die grüne, wenn auch größtenteils noch weiße Landschaft zu erkunden. Auch Mitfahrer Bernd sagt, es habe sich gelohnt, heute früh in Finkenwerder aufgebrochen zu sein, um die Tour zu radeln.

Michael bietet diese Tour etwa zwei bis drei Mal im Jahr in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und in leichten Varianten an. Wir hoffen also auf den nächsten Termin mit wärmeren Temperaturen. Vielleicht können wir dann sogar im Naturbad Ostende baden, im Stellmoorer Tunneltal eine Königslibelle oder einen Moorfrosch entdecken, im Forst Hagen in Ahrensburg im Schatten der Bäume picknicken oder die Orchideen in den Volksdorfer Teichwiesen bewundern. Oder einfach nur die abwechslungsreiche Landschaft der Tunneltäler genießen.

Anne-Karin Tampke in RadCity 3/2013