03.10.2011

Ein Lehrstück in Gruppendynamik

Von: Amrey Depenau

Entlang der Ostsee das Baltikum erkunden – für viele Radler eine faszinierende Vorstellung. Mit dem ADFC Hamburg und dem Radreise-Veranstalter „Die Landpartie“ geht diese Traumreise in Erfüllung. Eine über drei Jahre angelegte Tour führt kulturhungrige Radfahrer von Hamburg bis ins russische St. Petersburg. In diesem Sommer startete die erste Etappe von der Elbmetropole ins polnische Danzig. Amrey Depenau hat 14 Tage lang mit in die Pedale getreten – und erlebte die Vitalität einer Gruppenreise hautnah.

Der erste Kontakt mit meiner Reisegruppe findet in nüchternem Ambiente statt: Startpunkt unserer Radreise nach Danzig ist der schlichte Park & Ride-Parkplatz am Bahnhof Hamburg-Bergedorf. Kreuz und quer stehen dort die Räder der Teilnehmer. Den normalen Parkplatzbenutzer amüsiert dies natürlich weniger. Im Weg stehen – dieses Thema wird sich noch durch den gesamten Reiseverlauf ziehen. Kein Wunder bei einer Gruppe von 25 Leuten plus Tourenbegleitung.

Fabian erläutert den hungrigen Wölfen das Buffet – dabei wollen die doch nur essen!
Land unter: Bei Rostock ist der Boden so von Regen gesättigt, dass unsere Tour fast zur Bootspartie wird.

Fabian, unser Begleiter und Caterer, begrüßt uns herzlich. Er hat Snacks und Getränke bereitgestellt und verteilt bunte Plastikbecher. Diese können wir auf der ganzen Fahrt wieder verwenden. Nachdem die Koffer in ein Begleitfahrzeug verladen und die Daypacks gefüllt sind, wird es langsam ernst. Tourenleiter Kornel informiert uns, dass es gleich losgehen wird. Damit folgt das nächste Lied, das uns ständig auf der Tour begleitet: Die Suche nach geeigneten Orten für die Flüssigkeitsentsorgung. Als brave Sportler nehmen wir schließlich über den Tag verteilt einiges an Getränken zu uns. So huscht eine größere Zahl von Radlern noch einmal schnell zum Arbeitsamt hinüber. Ein freundlicher Herr weist den Weg zum stillen Örtchen.

Fein entspannt machen wir uns auf den Weg. Für mich beginnt die unbekannte Welt der Gruppenreise. Viele meiner Mitreisenden sind bereits Profis im Gemeinschaftsreisen. Sie haben schon andere Trips mit der Landpartie gemacht oder haben in kleineren Gruppen die Welt bereist. Eine so große Mannschaft wie bei unserer Reise ist den meisten jedoch neu. So grooven wir uns am ersten Tag aufeinander ein: Vorsichtig fahren wir hinter- und nebeneinander, beobachten gegenseitig unseren Fahrstil, plaudern ein wenig und tauschen uns beim ersten Picknick aus.

Überhaupt, das Picknick. Eine Spezialität der Landpartie. Irgendwo in einem Wäldchen bei Geesthacht steht wie aus dem Nichts plötzlich der Landpartie-Wagen. Tourbegleiter Fabian tischt regionale Köstlichkeiten auf. Jetzt heißt es brav anstellen. In den folgenden Tagen entwickelt jeder seine eigene Strategie, um möglichst schnell an den Futtertrog zu kommen. Nicht selten geht jemand dabei fast leer aus. Wie gut, dass Fabian immer noch einen kleinen Nachschlag aus den Tiefen des Begleitfahrzeugs zaubert.

Die gerissene Kette erstaunt Tourenleiterin Gosia gleich am ersten Tag. So etwas hat sie seit Jahren nicht mehr gehabt.
Ein Hauseingang in Stralsund spricht eine andere Sprache als die hübsch restaurierten Kirchen.

In der Fremde relativiert sich der Blick

Entlang der Strecke legen wir immer wieder kleine Stopps ein. Mal um zu speisen, mal erfahren wir etwas über die Geschichte der Region oder besichtigen eine Kirche. Unser erstes Nachtquartier ist ein Landgasthof an den Lauenburgischen Seen. Das deftige Abendessen bringt uns allen die Kräfte zurück. Mit dem zweiten Bier trinke ich mir meine winzige Schlafzelle mit Klo auf dem Gang schön.

Am nächsten Morgen zeigt sich, dass ich zu den Spätaufstehern unserer Gruppe gehöre. Als ich den Frühstücksraum betrete, holen die ersten schon wieder ihre Räder aus dem Schuppen. Morgenstund hat offensichtlich für viele Gold im Mund – gähn! Während der Gepäckverladung ist noch Zeit zum Eincremen und um Vorräte zu verstauen. Ein Herrengrüppchen plaudert über das schwere Motorrad vor der Tür. Immer wieder greifen die Jungs unterwegs das Thema auf, wenn ihnen eine Harley, eine BMW oder eine andere Maschine über den Weg fährt. Radfahren ist eben nicht alles!

Und doch ein brisantes Thema. Während meiner Gespräche über das Radfahren finde ich schnell heraus, dass ich vorsichtig sein muss. Schließlich will ich nicht den Ruf der Radikalinska weghaben. Die Mehrheit in der Gruppe reist zwar gerne mit dem Rad. Im Alltag dominiert jedoch vor allem das Auto. Da ist die Einstellung gegenüber fahrbahnbenutzenden Radlern natürlich eine andere. Auch die Novelle der Straßenverkehrsordnung ist für die meisten eher Nebensache. Spätestens in Polen sind wir dann aber alle gleich. Denn hier sind wir Fremde und müssen uns an die polnischen Verkehrsverhältnisse erst herantasten. Einer von vielen Gründen, warum mir der polnische Teil der Reise besser gefällt als der deutsche.

Wieso das? Die Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns (Mecklenburg vorne bitte mit langem e!) ist doch so schön, die Seebäder einladend, die Geschichte greifbar. Das ist auf jeden Fall richtig. Täglich hören wir etwas über die Kirchengeschichte, die Fürstengeschichte, die Geschichte der Hanse. Auch die deutsch-deutsche Teilung fehlt nicht. Für meinen Geschmack bleibt das aktuelle Geschehen etwas auf der Strecke. Was machen die Menschen in den Orten heute Interessantes? Was haben Kultur und soziales Leben derzeit zu bieten? Davon hören wir leider zu wenig.

The polish way(s)

An der polnischen Grenze verabschieden wir uns von Fabian. Kornel begleitet die Tour fortan weiter. Eigentlich schade, denn wir haben uns gerade an Fabians liebenswerte Art der Organisation gewöhnt. Zudem sind die Mittagsleckereien kaum zu toppen. Doch schnell ist klar, dass Kornel uns ebenfalls satt und glücklich macht.

Unendliche Weiten: Blick über einen Binnensee im Słowinski Nationalpark
Gruppenbild mit Blümchen: Auf einem eher unscheinbaren Parkplatz nehmen wir Abschied von Vorzeige-Caterer Fabian.

Auftritt Gosia. Die charmante polnische Tourenleiterin kennt auf der nun folgenden Strecke beinah jeden Stein. In nahezu jedem Ort präsentiert sie etwas »wirklich sehr Interessantes«, wie sie sich gerne ausdrückt. Die Leidenschaft, mit der Gosia von Land und Leuten erzählt, fasziniert mich. Auch wenn es dabei oft um die von mir ungeliebten Kirchen geht – ich genieße es, wie lebendig unsere Begleiterin die Geschichte der Region vermittelt. Immer wieder nimmt sie auch Bezug auf die Gegenwart. Etwa, wenn es um die polnische Mentalität geht oder wir einen kaschubischen Kunstmarkt besuchen.

Der Tourverlauf in Polen verlangt ein gewisses Maß an Disziplin. An den stärker befahrenen Straßen müssen wir den Autos Platz zum Überholen lassen. Gosia teilt uns daher beinhart in Gruppen ein. Dann heißt es: »Erste Gruppe – los!«, »Zweite Gruppe – los!« und so weiter. Dieser neue Fahrstil nervt einige. Konnten sie bisher nach Herzenslust mal hier und mal da plaudern. Doch schnell wird klar, dass die Gruppeneinteilung allen Teilnehmern mehr Sicherheit bietet. Alternativ sind sandige Schlingerstrecken oder ruppige Passagen über Kopfsteinpflaster im Angebot – darauf verzichten wir gerne.

Munter geht es durch die Kaschubische Schweiz und die Kaschubische Seenplatte. Das Auf und Ab der Strecke zieht das Fahrerfeld oft über hunderte Meter auseinander. Während die Ersten bereits auf dem Gipfel ihre erhitzte Stirn kühlen, mühen sich andere noch am Berg ab. Doch die Gruppe wächst zusammen und lässt niemanden hängen. Stets warten wir, bis auch das rote Schlussfähnchen wieder bei uns ist. Reichlich gesäte Erholungspausen geben allen ihre Kraft zurück. Bei einer Altersstruktur von 40 bis über 70 Jahren ist es eine tolle Leistung, dass niemand auf der Strecke bleibt. Im Gegenteil: Nach und nach laufen einige Teilnehmer zu ungeahnter Form auf.

Bernstein und Solidarność

Fast schade, dass wir schon bald vor den Toren Danzigs stehen. Aufgrund der Vorarbeiten zur Fußball-Europameisterschaft 2012 können wir nicht mit dem Rad in die Hafenmetropole einfahren. Stattdessen erleben wir vom Bus aus eine kraterähnliche Baustellenlandschaft. In der Danziger Altstadt erwartet uns der angenehme Komfort einer internationalen Hotelkette. Nach einem stilvollen Essen in einem Restaurant an der Mottlau-Promenade bummeln wir durch die Rechtstadt. Kaum zu glauben, dass die beeindruckenden Häuser des herrschaftlichen Viertels nach dem Zweiten Weltkrieg originalgetreu wieder aufgebaut wurden. Abends findet sich in den historischen Gassen eine bunte Mischung aus Straßenkultur und Restaurants. Am nächsten Tag ist noch Zeit für eine kleine Shopping-Tour in der Frauengasse. Hier gibt es interessanten Bernsteinschmuck.

Straße in Danzig

Kurz vor der Rückreise gibt es noch einmal Geschichte hautnah: Ein Zeitzeuge nimmt uns mit auf eine Reise in die 70er und 80er Jahre. Wir besichtigen die ehemalige Danziger Werft. Die Industrieanlage war Ausgangspunkt von Solidarność und gilt heute als Keimzelle der polnischen Demokratiebewegung.

Auf der Fähre und im Zug zurück nehmen wir Abschied. In Rostock teilt sich die Gruppe und wir nehmen uns gegenseitig in die Arme. Zwei Wochen vorher sind wir Fremde gewesen. Nun kennen wir alle unsere Marotten, haben uns heimlich Spitznamen gegeben. Irgendwann auf den rund 700 zurückgelegten Streckenkilometern habe ich gedacht: »Nie wieder Gruppenreise, ich halte das nicht aus!« Jetzt überlege ich, ob ich im nächsten Jahr die zweite Etappe von Danzig ins lettische Riga mitfahre. Sicher bin ich nicht die Einzige, die so denkt. Es war schön mit euch!

Amrey Depenau in RadCity 5/2011
mit Fotos von Amrey Depenau, Mechthild Axmann, Angelika Hanisch

Mehr spannende Details zur Tour lesen Sie im ADFC-Blog.