27.09.2012

Mit der Landpartie von Danzig nach Riga

Von: Amrey Depenau

Die ADFC Radreise Hamburg - St. Petersburg geht in diesem Jahr in die zweite Runde. Immer an der Ostseeküste entlang radeln die Reisenden durch vier Länder in 13 Tagen. RadCity Redakteurin Amrey Depenau ist auch diesmal mit dabei gewesen – und hatte ein gänzlich anderes Gruppenerlebnis als im Jahr zuvor.

ZOB Hamburg, 19.7.2012, 10 Uhr morgens: Erst jetzt wird mir klar, dass ich gleich Inger, Maren, Wolfgang und Co. wiedertreffen werde. Sie sind alle schon da, obwohl noch reichlich Zeit ist, bis der Zug nach Rostock abfährt. Ein großes Hallo gibt es, denn obwohl die meisten sich ein Jahr nicht gesehen haben, liegt gleich eine lockere Vertrautheit in der Luft.

Die Gruppe

Auch mir scheint es, als habe ich mich erst vor ein paar Tagen von den meisten verabschiedet. Im vergangenen Jahr habe ich sehr lange gebraucht, um innerlich einen Platz in der Gruppe zu finden. Groß waren die Widerstände, mich auf das Team einzulassen. Das ist jetzt anders: Ich freue mich auf die Gruppe; vielleicht, weil ich recht genau weiß, was mich erwartet. Schon bald plaudern wir im Zug, knüpfen an Vergangenes an und freuen uns gemeinsam auf die Fährüberfahrt. Die Handvoll neuer Mitfahrender ist schon mittendrin.

Die Crew

Eher verhalten begegnet die Gruppe diesmal den Guides. Zu verwöhnt waren wir durch Kornell und Fabian, später Gosia, auf der Fahrt von Hamburg nach Danzig. Fast jeder Wunsch wurde uns von den Lippen abgelesen, die Touren stets perfekt geplant, das Gepäck auf den Zimmern, wenn wir erschöpft nach langer Fahrt dort ankamen. Da hängt die Latte hoch, wie man so schön sagt. Unser Tourguide Norbert wirkt auf den ersten Blick wie eine Kreuzung aus Rüdiger Nehberg und dem Weihnachtsmann. Sein Ton ist manchmal etwas rau und sein Humor gewöhnungsbedürftig. Er teilt ihn mit Armin, dem Fahrer des Begleitfahrzeuges, der für Picknick und Gepäck zuständig ist. Bei beidem müssen wir öfters selbst mit Hand anlegen, so dass manches Mal Unmut laut wird.

Die Strecke

Was von Hamburg bis Danzig fast reibungslos lief, ist auf dieser Tour eine Herausforderung: Lückenhaftes Kartenmaterial und widersprüchliche Aufzeichnungen lassen Norbert manches Mal in die Irre fahren. Nachdem die Alpha-Männchen (und -Weibchen) im Rudel fast einen Aufstand geprobt haben, hält der Tourleiter später immer Rücksprache mit den vorne Fahrenden. Nun klappt die Streckenfindung besser, bleibt aber von Zweifel geprägt. Diese Unsicherheit scheint sich manches Mal auf Norbert zu übertragen. Letztendlich finden wir aber dann doch immer den Weg, auch wenn wir öfters erst spät am Ziel ankommen.

Selbst die Telefon-techniker unterbrechen ihre Arbeit und winken uns zu.
Armin präsentiert dem ungeduldigen Wolfsrudel die Speisenauswahl des Tages.
Wieder an der Ostsee.

Die Busse

Die späten Ankünfte liegen auch an den zahlreichen Bustransfers, die Zeit kosten und der Gruppe gar nicht schmecken. Man ist ja schließlich zum Radeln gekommen und will nicht ständig in muffigen Reisebussen sitzen. Eines Tages kommt es zum Eklat: Statt der im Prospekt versprochenen 62 Kilometer sollen es plötzlich deutlich weniger sein, dafür viele Buskilometer. Die Revolte am Abendbrottisch hat Erfolg: Wir können im Zematija-Nationalpark doch etwas mehr Rad fahren und freuen uns über eine der schönsten Abfahrten der Reise. Da ist es zu verschmerzen, dass auch der nächste Tag von Busfahrten geprägt ist, zumal die Temperaturen mittlerweile Höchststände erreichen.

Die Grenzen

In solcher Hitze überfahren wir die Grenze zwischen Litauen und Lettland. Außer einem Grenzpfahl und dem blauen EU-Schild, auf dem "Latvia" prangt, ist hier nicht viel zu sehen. Der Grenzübertritt von Polen nach Kaliningrad ist einige Tage zuvor von anderem Kaliber. Da eine Fahrt über die grüne Grenze eher nicht empfehlenswert scheint, müssen wir auf dem Seitenstreifen einer Autostraße an den Grenzposten heranfahren. Die polnische Polizei ist not amused: Norbert kann nur mit knapper Not verhindern, dass an einigen Radfahrenden irgendein Exempel statuiert wird. Doch damit nicht genug, hat das Grenzpersonal der russischen Seite den Charme von Eiszapfen. Im Gänsemarsch müssen wir an getönten Scheiben vorbei und unsere Pässe durch die Schlitze schieben. Lächeln ist nicht erwünscht. Ein Seufzer der Erleichterung erklingt, als alle unversehrt die Station passiert haben.

Länder und Leute

Die Menschen in Kaliningrad sind dafür umso freundlicher. Für die gesamte Zeit in der Enklave haben wir eine russische Reisebegleiterin. Sie heißt Larissa und gibt uns gerne Auskunft über das Leben in diesem Zipfel Russlands, so weit entfernt von Moskau. Wir erfahren von Einwanderern aus armen Provinzen, die hier ein Schattendasein fristen, von Eigentumswohnungen, die mehr kosten als Vergleichbare in Berlin. Wir hören, dass die Landwirtschaft, die früher hier blühte, komplett zum Erliegen gekommen ist. Armut und Reichtum liegen hier sehr dicht nebeneinander. Das ist in Litauen und Lettland zwar auch so, jedoch merkt man dort, dass die Wirtschaftskraft mehr als nur die Oberfläche verändert hat.

Gerade in den kleinen Orten, in denen manchmal noch die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, erleben wir die Freundlichkeit der Menschen, die uns den Weg zeigen oder bei großer Hitze plötzlich für uns eine riesige Melone aufschneiden.

Le Kültür

Wie schon in 2011 sind die Kirchen unsere ständigen Begleiter. Von der Kathedrale in Frombork über die protestantische Kirche in Nida bis zur hölzernen Hochzeitskirche in der Bischofsburg Turaida – die Gotteshäuser sind Dreh- und Angelpunkt der Tour. In Braniewo zwingt uns ein Wespenstich, der einem Mitreisenden arg zusetzt, auf dem Parkplatz vor der Kirche zu picknicken. Es ist Sonntag, so dass sich im Zweistundentakt Menschen aus der Kirche ergießen und sich uns neugierig nähern. Die örtlichen Nonnen lassen uns sogar in ihre Kita, um einem dringenden Bedürfnis nachzukommen. Wir stellen fest: Winnie-the-Pooh ist überall.

Abseits der Kirchen begeistern uns die Kurischen Wimpel in Nida, Holzskulpturen auf dem Hexenberg von Juodkranté, die unzähligen Kreuze auf dem Berg der Kreuze und natürlich die überall präsente Bernsteinkunst. Mein persönliches Highlight erlebe ich allerdings in Riga, wo wir am ersten Abend ein Konzert der St. Petersburger (!) Kapelle Otaba Yo sehen. Zu deren Folkpunk tanzt der ganze Platz und nicht wenige CDs gehen danach in den Besitz der Reisegruppe über.

Der Abschied

Zu diesem Zeitpunkt sind wir alle schon ein bisschen melancholisch, denn die Reise neigt sich ihrem Ende zu. Nach einem weiteren Tag in Riga, an dem uns Starkregen beim Besuch der großartigen Markthallen überrascht, geht es am Morgen darauf zur Fähre in Klaipeda. Da ich am Mittwoch in Hamburg einen wichtigen Termin habe, muss ich leider meine Ökobilanz zerstören und zurück fliegen.
Nach herzlichem Abschied von der Gruppe habe ich noch einen schönen Tag vor mir – allein in der Stadt! Doch davon mehr an anderer Stelle.

Amrey Depenau in RadCity 5/2012