25.01.2015

Auf der dänischen Radroute Nr. 3 Von Skagen nach Flensburg

Von: Klaus Holst

Eine Woche unbekanntes Dänemark: Abseits von Küsten und Ferienhaus­idylle ist das Land dünn besiedelt und naturnah. Wir fuhren auf abwechslungsreichen Wegen durch Heide-, Hügel- und Moorlandschaften, lernten einige Städte kennen und eindrucksvolle Hünengräber.

Tourverlauf (Karte: Michael Prahl)
historische Brücke

Drei fachkundige DB-Mitarbeiterinnen versammeln sich ratlos um den Computer. Das Problem: Der Kauf zweier Fahrkarten für die Bahnfahrt von Hamburg nach Skagen – mit Fahrrädern! Man berät sich. Welche Züge? Reservierungspflicht ja oder nein? BahnCard, Sparpreis, Zusatzfahrschein für den Zug Frederikshavn – Skagen und so weiter. Nach gefühlt einer halben Stunde rattert der Drucker und ich bekomme neun (!) Fahrscheine in die Hand gedrückt.

Es kann losgehen. Nach zehn Stunden Bahnfahrt und achtmal Umsteigen ist es so weit: Ankunft in Skagen, dem nördlichsten Punkt Dänemarks. Kurz zur gebuchten Unterkunft, dann rauf aufs Rad und Start zur Kurztour nach Greenen, wo Ostsee (Kattegat) und Nordsee (Skagerrak) aufeinandertreffen. Kurz vorher endet die Straße an einem Parkplatz. Dort schließen wir die Räder an, nehmen den letzten Dünen-Bus des Tages. Das ist ein Trecker mit Anhänger. An der Nahtstelle von Nord- und Ostsee lassen wir uns ordentlich durchpusten. Nach dem obligaten Foto geht es wieder aufs Rad und im niedrigen Gang zurück nach Skagen. Da bekommen wir schon einen Eindruck von dem Gegenwind, den wir auf unserer Tour zu erwarten haben.

Am nächsten Morgen startet die Tour auf dem dänischen Radfernweg Nr. 3, der von Skagen bis nach Flensburg durch die Mitte Jütlands verläuft. Ab Viborg heißt dieser Weg Haervej (Heerweg). So weit sind wir aber noch nicht. Die Route schlängelt sich durch die Dünen südlich von Skagen auf einem wunderbar asphaltierten Radweg, fernab von jedem Autoverkehr und anderen Zivilisations-Nervigkeiten. Weiter geht es über Schotterwege sowie verkehrsarme Landstraßen. Immer wenn wir auf den blauen Radfahrschildern die 3 auf roten Grund sehen, wissen wir, dass wir richtig fahren. Die nächste Stadt, Aalborg, ist mehr als 100 km entfernt. Das können wir bei dem extremen Gegenwind unmöglich schaffen! Quartiere unterwegs sehen wir nicht, bis wir am Abend im Schlosshotel von Dronninglund landen. Doch nur die Zimmerpreise erinnern an schlossähnliche Verhältnisse. Das Zimmer selbst hat nur das Niveau einer Radlerpension.

Unerwartet hügelig

Die nächste Etappe führt dann also nach Aalborg. Die Stadt liegt an der schmalsten Stelle des Lim­fjords. Zwei Brücken und ein Autobahntunnel queren hier den Limfjord und machen uns klar, dass das Land nördlich des Lim­fjords eine Insel ist. Alborg bietet alles für eine komfortable Radlerrast, doch ein kurzer Rundgang muss genügen. Zum Wind kommen nun erhebliche Steigungen. Steile Wege durch den Wald oder an Waldrändern entlang lassen uns glauben, wir seien im Harzvorland. Neben den Waldwegen verlaufen Landstraßen. Stärker befahrene Straßen haben zwar einen einladend breiten Zweirichtungsradweg mit Mittelmarkierung, sie sind jedoch nur kurz und richten sich offenbar nach dem Bedarf des Schülerverkehrs. Schnelles Kilometerabreißen klappt darauf nicht – man findet sich regelmäßig auf einem schmalen Randstreifen wieder. Es nervt, neben dem LKW- und sonstigen Autoverkehr durchzuhalten.

Daher bleiben wir lieber auf dem Weg Nr. 3. Nach knappen 100 km erreichen wir Hobro, dort wartet auf einem Hang ein Vandrerhejm (= Jugendherberge). Wir bekommen einen Raum zugewiesen und dazu in Plastik eingeschweißte Bettwäsche. Auch beim Frühstück ist alles eingeschweißt: Marmelade, Wurst, Käse, Kaffeesahne, Joghurt sowie einzeln verpackte Brotscheiben. Mit schlechtem Gewissen hinterlassen wir in diesem Haus einen Berg Müll.

Nach 20 km erreichen wir Viborg, die zentrale Stadt des nördlichen Jütland. Der große Dom ist von weitem zu sehen. Durch alte Straßen und an hübschen Häusern vorbei gelangen wir auf den Marktplatz. Dort gibt es außer einem Becher Kaffee gerade Volkstänze. Anschließend spielt eine Jazzkapelle. In Viborg beginnt offiziell der Haervej­
(= Heerweg), vor der Zeit der Autos und Eisenbahnen Jütlands Hauptverkehrsader entlang der Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee. Hier fuhren Pferdegespanne, hier trieben die Ochsenknechte ihre Tiere, hier wanderten fromme Pilger nach Rom oder Santiago. In unsicheren Zeiten war dies die Marschroute von Soldaten, daher der Name.

Ab Viborg ist der Weg touristisch besser erschlossen, hier beginnt auch der bike­line-Radreiseführer »Heerweg–Ochsenweg«. So lassen sich Einkäufe und die Quartiersuche besser planen. Das Land wirkt menschenleer. Zwar sieht man immer Stichwege an der Straße, die zu einzelnen Häusern führen, aber Dörfer gibt es kaum. Auch Schutzhütten, Buswartehäuschen oder die in Dänemark an größeren Straßen üblichen Rastplätze mit Tisch und Bank bleiben die Ausnahme.

Aus Viborg heraus verläuft der Weg auf einem alten Eisenbahndamm. Praktisch, denn damit kommen wir geradeaus und steigungsarm voran. Abseits des Weges geht es mit Steigungen wieder ordentlich zur Sache. Nach etlichen Aufs und Abs biegen wir in Richtung Silkeborg ab, ein Zentrum des Wassersports. Hier fließt die Gudenaa durch eine Seenkette, ähnlich wie die Schwentine in der Holsteinischen Schweiz. Unser Ziel ist das Wandererheim. Wir bekommen das letzte freie Zimmer, eingeschweißte Bettwäsche und ein tolles, absolut müllfreies Frühstück.

Regen, Regen, abends Sonne!

Wir bekommen Regen und das wiederholte An- und Ausziehen der Regenklamotten kann mindestens so nerven wie der Regen selbst. Da wir keine Schutzhütten oder Wartehäuschen finden, flüchten wir uns in Carports und verschnaufen zwischen Schubkarre, Rasenmäher und Kinderfahrrädern. Als wir abends bei Billund auf einem Zeltplatz ankommen, grüßt plötzlich blauer Himmel mit weißen Wölkchen und eine leichte Abendbrise.

Bis in die Höhe von Billund und Vejle gibt es immer wieder Hünengräber am Wegesrand zu sehen, mehr oder weniger bewachsen. Ganz etwas Besonderes sind die Runensteine von Jelling aus dem zehnten Jahrhundert. Sie zeigen zum ersten Mal das Wort »tanmarka« (Dänemark). Eine weitere Besonderheit: die Brücken südlich von Vojens. Die »Freiheits«-Brücke über die Königsau ist bautechnisch zwar uninteressant, doch hier war zwischen 1864 und 1920 die Grenze zwischen Dänemark und dem Deutschen Reich. Drei folgende Brücken stammen aus der Zeit der Ochsentreiber. Gemauert und gefügt aus Granitsteinen sind sie für den Autoverkehr weitgehend gesperrt und stehen unter Denkmalschutz. Die Brücke von Immervad hat es sogar auf eine Briefmarke geschafft.

Allmählich nähert sich die deutsche Grenze. Im Grenzort Padborg geht es durch ein Gewerbegebiet voller LKWs. Hier verlassen wir den Heerweg und fahren hinunter an die Flensburger Förde und in die Flensburger Altstadt. Dort gönnen wir uns eine Kaffeepause und blicken zurück auf eine abwechslungsreiche Woche.

Klaus Holst (Redaktion Michael Link) in RadCity 1/2015