06.10.2012

Aufbruch ins Autoreich

Von: Lars Kraft
Eine Gruppe Bicycle Aficionados aus Hamburg durchquert L.A.

Acht Hamburger Radfreaks dringen auf zwei Rädern in die »Capital of Cars« ein – Los Angeles. Die Erkenntnis: Auf zwei Rädern lassen sich nicht nur die enormen Entfernungen in der Megacity bezwingen, sondern auch zwischenmenschliche Distanzen abbauen. Über ihre Tour hat die Hamburger Reisegruppe den Dokumentarfilm »Breakin L.A.« gedreht. RadCity traf die Filmproduzenten Boris Castro und Karla Lemus zum Interview.


RadCity: Wie kamt ihr auf die Idee, Los Angeles per Rad zu bereisen?

Boris: Wir kannten Los Angeles bisher nur vom Auto aus und wollten auf dieser Reise eine andere Art der Fortbewegung ausprobieren. Das Ding ist ja, dass du ein Reiseziel ganz anders wahrnimmst, wenn du dort mit dem Rad unterwegs bist. Man spürt die Stimmung in den Vierteln, kommt mit Leuten ins Gespräch. Das ist ein viel intensiveres Erlebnis, als wenn du in einer Metallblase auf vier Rändern durch die Gegend fährst.

Über eure Reise habt ihr den Dokumentarfilm „Breakin L.A.“ gedreht. Was ist das Konzept?

Karla: In unserem Film erkunden acht Radfahrer aus Hamburg zwölf Tage lang die Facetten einer amerikanischen Großstadt von der Fahrradperspektive aus. Klassische Touristenziele mit viel Bling-Bling, wie etwa den Hollywood Boulevard, haben wir bewusst ausgelassen. Stattdessen zieht es uns an unbekanntere Orte wie den Bronson Canyon, Lafayette Park oder zu einem fast vergessenen Velodrom in Encino.

Klingt nach einem romantischen Ausflug.

Boris: Breakin L.A zeigt auch die dunklen Seiten der Stadt. In Vierteln wie Skid Row in Downtown L.A. leben bis zu fünfzehntausend Obdachlose. Das ist nicht zuletzt eine Auswirkung des amerikanischen Gesundheitssystems, das zum Beispiel die Hilfen für psychisch Kranke heruntergefahren hat. Die psychiatrischen Kliniken haben diese Menschen dann einfach auf die Straße gesetzt. Um die schwierigen Verhältnisse in manchen Stadtteilen zu zeigen, besuchen wir auf unseren Tagestrips auch soziale Einrichtungen wie das Resozialisierungszentrum Homeboy Industries oder das Obdachlosenasyl Midnight Mission, in dem wir auch Freiwilligenarbeit geleistet haben.

Radgruppen aus Übersee sind neu für L.A.`s Autofahrer

Autofahren in L.A. gilt nicht gerade als angenehm – die Distanzen sind weit, der Verkehr bricht regelmäßig zusammen. Wie ist die Situation für Radfahrer?

Ehrlich gesagt viel entspannter als bei uns in Hamburg. Mangels klassischer Radwege fährst du zwangsläufig immer auf der Straße. Manchmal gibt es die so genannten Bike Lanes, also per Linie abgetrennte Abschnitte für Radfahrer auf der Fahrbahn. Hier können auch zwei, drei Leute ganz locker nebeneinander fahren. Überrascht hat uns die allgemein defensive Fahrweise und Rücksicht der Autofahrer. Man wird als Fahrradfahrer absolut wahrgenommen. Das zeigt sich nicht nur beim Abstandhalten, manchmal verzichten die Autofahrer auch zu Gunsten der Radler auf ihr Vorfahrtsrecht. Hupen oder Abdrängen, wie man es zur Genüge aus Hamburg kennt, haben wir äußerst selten erlebt.

Ist Los Angeles also ein verkanntes Eldorado für Fahrradfreunde?

Los Angeles ist weit entfernt von entwickelten Fahrradmetropolen wie wir sie aus Europa kennen. Aber immerhin tut sich was. Da wird schon mal eine fünfzehn Kilometer lange Bike Lane über Nacht gezogen. Dazu entstehen immer mehr Fahrradständer und Bike Depots. Etwas, das man lange Zeit wie die Nadel im Heuhaufen suchen musste. Und natürlich passieren Fahrradunfälle, wie überall auf der Welt, auch in L.A.

Wie haben die Leute auf der Straße auf euch reagiert?

Boris: Fast immer positiv. Auch in Bezirken wie South Central, die als gefährlich gelten, war den Leuten schnell klar, dass wie keine weißen Ghetto-Touristen sind.
Karla: In Los Angeles ist eine Gruppe aus acht Radfahrern schon etwas Ungewöhnliches. Viele haben uns zugewunken, an der Ampel sind wir regelmäßig mit Einwohnern ins Gespräch gekommen. Einige rufen dir aber auch negative Sprüche zu. Auf welche Art auch immer: die Menschen können einfach direkter mit dir interagieren, wenn du auf dem Rad unterwegs bist. Es gibt ja im Gegensatz zum Auto keinen Schutzwall, der dich von anderen Leuten isoliert. Insofern ist das Fahrrad für uns auch ein Kommunikationstool gewesen, das zwischenmenschliche Grenzen überwinden kann.

Interview: Lars Kraft in RadCity 5/2012

Erfahren Sie mehr zum Film »Breakin L.A.«: Vorführtermine, Akteure und Co.