27.01.2011

Bangalore oder Buxtehude?

Von: Redaktion RadCity, Lars Reisberg, Michael Franck

Bislang hat die RadCity gerne Berichte von Radurlauben in fernen Ländern angenommen. Doch solche Reisen schaden dem Klima. Sollen wir trotzdem so etwas veröffentlichen?

pro: Mit dem Flugzeug Träume erfüllt

Flugreisen sind Klimasünde. Daran besteht kein Zweifel. Aber sollte man sich ihnen deshalb ganz und gar verweigern? Flugzeug und Fahrrad – schließt sich das nicht gegenseitig aus? Nein, ganz und gar nicht, denke ich.

Weil ich kein Auto besitze, Ökostrom habe und alles mit dem Fahrrad erledige, darf ich dann jetzt also meine Urlaube nur noch klimaneutral in der Lüneburger Heide oder in Dithmarschen verbringen? (Nichts gegen Dithmarschen natürlich …)

Nicht falsch verstehen: Ich bin für Umweltschutz. Mein alltägliches Leben ist auf eine möglichst ressourcenschonende Lebensweise ausgerichtet. Aber deswegen werde ich auch nicht gleich zum Vegetarier.

Flugreisen und Fahrrad – für mich ist das die perfekte Ergänzung: Das Flugzeug bringt mich schnell, bequem und manchmal sogar preiswert zu den entlegensten Ländern der Welt, die ich dann mit dem Rad bereise.

Und die ich ohne Flugzeug niemals in meinem Leben würde erreichen können. Und da ich mit dem eigenen Rad unterwegs bin, kann ich diese Länder entdecken. Und dies dann so, dass keine weltweit agierenden Tourismuskonzerne verdienen, sondern die »echten« Menschen am Rande meiner Strecken: keine abgeschlossenen Hotelanlagen mit »all inclusive«, keine Betonklötze und Bettenburgen – sondern authentische B&Bs abseits der Touristenströme, nette Zeltplätze oder auch gern das kuschelige Fleckchen zum Wild-Campen. Und vor allem: kein beschämend-theatralisches Folkloregetue, das für Reisegruppen inszeniert wird, sondern echtes Leben.

Und das bringt dann auch vor Ort etwas. Mehr jedenfalls, als wenn ich das Geld Thomas Cook gäbe.

Dank der Flieger habe ich mir den Traum einer Überquerung der Rocky Mountains erfüllen können. Oder wie sonst hätte ich Südjapan bereisen oder mich durch Italiens Berge kämpfen können?

Okay, okay, ich gebe es zu: Viel lieber hätte ich das alles auch komplett ohne Flugzeug und nur per velopedes gemacht. Aber das sagen Sie mal meinem Chef, der mich für die Weltreise hätte freistellen müssen …

Lars Reisberg in RadCity 1/2011

kontra: Flugreisen zu klimaschädigend

»Nach der Lektüre der lesenswerten letzten (Frühjahr 2010) RadCity scheint mir eine Stellungnahme zu Flugreisen notwendig. Es finden sich Flüge nach London, Sri Lanka und Bangalore kommentarlos abgedruckt. Besonders unangenehm finde ich den „Weihnachtstrip“ eines Eurer Redaktionsmitglieder in Bezug auf die Klimaschädigung mit mehr als 5000 kg CO2 für unsere Atmosphäre. Mit diesem Ausstoß könnte Frau D. ihr Fahrrad auch getrost mehrere Jahre gegen ein Auto tauschen. Das kann nicht der ADFC sein, den wir als Fördermitglied und bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.«

Diesen Leserbrief schrieb ich vor einigen Monaten und ergänze hier aus unserer ADFC-Satzung: »Der ADFC hat den Zweck ... durch Werbung und sonstige geeignete Maßnahmen für die weitere Verbreitung des Fahrrades zu sorgen und damit der Gesundheit der Bevölkerung, der Reinhaltung von Luft und Wasser, der Lärmbekämpfung, der Energieersparnis, dem Naturschutz, der Landschaftspflege sowie der Unfallverhütung zu dienen ...«

Die Werbung für das Fahrrad in Zusammenhang mit Flugfernreisen ist kontraproduktiv! Sie ist wie ein süßes Gift, welches den Fluchtreflex in ferne warme Länder und das Klischee paradiesischer Landschaften bedient. Die Rechnung zahlen zuerst die Menschen dieser Reiseziele, ich empfehle den Kurzfilm »Die Rechnung« (siehe Seite 4, Link des Monats).

Dass es anders geht, zeigen unsere Freunde vom VCD z.B. mit der »fairkehr«. Sehr emotionale Reiseberichte ohne Flugreise machen Lust auf Rad fahren. Wenn ausnahmsweise geflogen werden muss, könnte konsequent auf die Möglichkeit der CO2-Reduzierung durch die Wahl des klimafreundlicheren Flugzeuges, z.B. niedriger fliegende leise, sparsame, moderne Turbo-Prop-Flugzeuge, Direkt-Flugrouten mit möglichst wenigen Zwischenlandungen usw. hingewiesen werden.

Mindestens kann man aber z.B. mittels atmosfair.de seinen angerichteten Schaden durch finanzielle Unterstützung von zertifizierten klimafreundlichen Projekten kompensieren.

Eine Möglichkeit, Fliegen öffentlich unattraktiv zu machen, zeigen uns u.a. die Maßnahmen gegen das Rauchen auf. Jedes Flugticket, jede Flugreisewerbung und jeder Reisebericht mit Flugreise sollte einen fetten Aufdruck erhalten: »Fliegen kann für die Erde tödlich sein, denn es schadet in erheblichem Maße unserem Klima«.

Wenn wir damit nicht anfangen, wer denn dann?

Michael Franck, VSF-Fahrradladen Radwerk Hamburg, in RadCity 1/2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie soll die RadCity mit Reiseberichten umgehen, in denen das Flugzeug für die Anreise eine Rolle spielt? Darf der Wochenendtrip nach London erwähnt werden? Ist ein Kriterienkatalog notwendig, wie z. B. »Mindestaufenthalt in der Zielregion drei Monate«? Was schlagen Sie vor? Bitte schreiben Sie Ihren Kommentar an redaktion@hamburg.adfc.de Wir berichten in einem der folgenden Hefte.