06.06.2010

Das Fahrrad: Big in Japan?

Von: Susanne Elfferding

Zehn Jahre lang habe ich in Japan gelebt, gelernt und gearbeitet. Das Fahrrad, mit dem ich schon immer gern unterwegs war, war auch dort ein alltägliches Verkehrsmittel für mich. Im vergangenen Jahr war ich wieder einmal in Tokyo und konnte sehen, wie sehr der Radverkehr zugenommen hat. Gelegenheit für eine Zwischenbilanz.

In Tokyo fahren die meisten Menschen mit der Bahn. Das ist vernünftig, denn sie ist am schnellsten. Aber auf der Straße ist das Auto dominant. Die wenigen Alltagsradler, die sich auf die Fahrbahn trauen, werden vielerorts bedrängt oder weggehupt. Um den Autoverkehr nicht zu behindern, waren sie nämlich vor Jahrzehnten auf die engen Gehwege verbannt worden, die sie sich mit Fußgängern, Warenauslagen und den allgegenwärtigen Strommasten teilen mussten. Dass sie seit einigen Jahren wieder auf die Fahrbahn und die wenigen ausgeschilderten Radwege sollen, ist bei vielen nicht angekommen. Anlass war, dass mit steigenden Radverkehrsanteilen die Konflikte und Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern exorbitant zunahmen.

Die verstopfte Metropole

Das Prestige des Autos sinkt. Gerade junge Leute kaufen kaum noch Autos. Die Gründe sind unterschiedlich: Mann braucht kein Auto mehr, um eine Freundin zu finden, der Job ist eh unsicher oder man ist einfach überhaupt nicht mehr mobil.

Fahrräder sind in Japan Einwegware – genau wie Regenschirme. Das übliche Modell für jedermann ist ein in China produziertes 26-Zoll-Damenrad mit Körbchen am Lenker und kostet unter 80 Euro. Das bedeutet nicht nur Abstriche bei der Qualität, Haltbarkeit und Komfort, sondern für die Städte und Gemeinden auch das Problem der überhand nehmenden Fahrradleichen. Oft ist es einfacher und schneller, sich ein neues Rad zu kaufen als ein altes zu reparieren oder ein gestohlenes wiederzubeschaffen.

Und auch das Wetter scheint gegen Radler zu sein. So wurde ich einmal im Oktober gefragt, ob es nicht langsam zu kalt sei zum Radfahren – bei durchschnittlichen Temperaturen um 15 °C!

Und nun?

Die Bedingungen für den Radverkehr sind also nicht unbedingt die besten. Und doch gibt es immer mehr Radfahrer. Und zwar nicht nur die ganz harten, die mehrmals in der Woche einen Arbeitsweg von 30 oder 40 km per Rad im Verkehrsgewühl von Tokyo meistern – und von denen kenne ich immerhin mehrere.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Es gibt mehr Fahrräder als Autos in Japan, der landesweite Radverkehrsanteil liegt bei 10%. Spitzenreiter soll Osaka mit imposanten 25% sein. Wie auch in Deutschland besteht der Radverkehr hauptsächlich aus Schüler- und Einkaufsverkehr unter 5 km Entfernung.
Da auch Japan den CO2-Ausstoß verringern muss, gibt es in letzter Zeit immer mehr Initiativen, den Radverkehr zu fördern. Interessanterweise gehen sie eher vom Verkehrsministerium aus als von der Bevölkerung. Gerade ländliche Städte und Gemeinden setzen immer noch verstärkt aufs Auto. Und auch in den Köpfen der Bürger ist das Auto fest verankert. Ich habe Bürgerbeteiligungsverfahren erlebt, bei denen selbst eingefleischte Fußgänger vor Entwürfen zurückschreckten, die den Autoverkehr auch nur minimal einschränken könnten – vermutlich aus Angst vor erheblichem Gegenwind.

Zarte Pflänzchen der Radverkehrsförderung

Und trotzdem tut sich was. Das Verkehrsministerium setzt derzeit verstärkt auf die Einführung von Radstreifen, Maßnahmen zum Fahrradparken und moderne Leihsysteme, wie es zum Beispiel auch das Hamburger StadtRad eines ist. Zu allen drei Themenfeldern habe ich im vergangenen Herbst Maßnahmen und Versuche in Tokyo sehen können.
Radstreifen sind noch exotisch und stehen angesichts der vielen kleinen Lieferfahrzeuge, die in der Stadt unterwegs sind, vor besonderen Herausforderungen. Gegen die vielen Falschparker versucht man mit verstärkter Kontrolle vorzugehen, in Kameido lief es auf einen in beide Richtungen befahrenen Radstreifen hinaus, der durch Gitter sowohl vor den Fußgängern als auch vor den Falschparkern geschützt ist.

Versuche mit Leihsystemen finden derzeit landesweit statt. Im Verwaltungsviertel Marunouchi wurde während meines Besuchs ein System getestet, das an das Pariser System angelehnt ist. Und in Yokohama sollen noch in diesem Jahr Versuche stattfinden.

Das vollautomatische Fahrradparkhaus in Kasai war jedoch das spektakulärste Projekt, das mir vorgestellt wurde. Es wurde gebaut, um der endlosen Zahl wild geparkter Räder Herr zu werden, denn hier gibt es trotz aller Widrigkeiten extrem viele Radfahrer. Jetzt können unter dem Bahnhof fast 6500 Räder automatisch in tiefen Schächten gestapelt werden. Knapp 3000 weitere Räder kommen in konventionellen Recks unter. Für eine Tagesgebühr, die umgerechnet unter 0,80 € liegt, steht das Rad dann sicher und trocken direkt unter dem Bahnhof. Das ist übrigens ein Angebot, mit dem der Autoverkehr niemals mithalten kann: Im Großraum Tokyo gibt es an Bahnhöfen normalerweise keine Parkplätze.

Fazit

Das Fahrrad boomt nicht nur in Europa. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die einen fördern den Radverkehr wegen der Ökologie, die anderen fahren Rad, weil andere Verkehrsmittel unpraktischer oder teurer sind. Billige Fahrräder ermöglichen es zwar jedem, eines zu kaufen, sind aber sowohl der Verkehrssicherheit als auch dem Stadtbild abträglich. Und es ist wirklich schwer, das Auto aus dem Stammhirn des Menschen zu vertreiben.

Und soooo schlecht ist der Radverkehr in Hamburg eigentlich gar nicht …

Susanne Elfferding in RadCity 3/2010

Rad- und Fußweg in Kameido. Fußgänger haben Vorrang.
Lieferverkehr und Taxen parken auf Radfahrstreifen.
In Marunouchi testet die Stadt ein Fahrradleihsystem.
Übersichtsplan des vollautomatischen Fahrradparkhauses in Kasai. ((c) Ingenieurbüro)
Weil achtlos abgestellte Räder immer wieder Fußgänger behindern und gefährden, gelten um die Bahnhöfe und in den Einkaufsstraßen überall großflächige Fahrradparkverbote, die Räder werden regelmäßig abtransportiert, Fahrradschlösser werden dafür falls nötig aufgebrochen. Gegen eine Gebühr bekommt man sein Rad wieder, aber oft ist es einfacher oder billiger, ein neues zu kaufen.