25.11.2012

Divritenis!* - Radkultur in Riga

Von: Amrey Depenau

Radreisen liegen im Trend – erst recht, wenn eine außergewöhnliche Route ansteht. Die ADFC Radreise von Hamburg nach St. Petersburg ist so eine. Immer entlang der Ostseeküste erleben die Teilnehmer die schönsten Landschaften und Städte des Baltikums. RadCity-Redakteurin Amrey Depenau hat sich ein Etappenziel – die lettische Hauptstadt Riga – näher angesehen.

Radler beim Tweed Run auf dem Rathausplatz in Riga © Foto: V. Masteiko

Seit gestern morgen habe ich mich auf den kleinen Kellerladen mit den Hollandrädern davor gefreut. Bevor es endlich soweit war, stand erst einmal Rigas Diplomatenviertel auf dem Besuchsplan. Im Schnelldurchlauf durchkämmten wir die Straßen, vorbei an beeindruckenden Art-Nouveau-Gebäuden des russischen Architekten Mikhail Eisenstein. Nur aus dem Augenwinkel hatte ich dabei Gelegenheit, die Radkultur Rigas zu würdigen. Wie etwa die kleine Werkstatt im Souterrain der Alberta Iela oder den Studenten, der mir voller Stolz sein achtzig Jahre altes Lastenrad präsentierte.

Stolzer Student mit coolem T-Shirt und sehr altem Rad
Selbsthilfewerkstatt? Auch zünftige Partys sind hier an der Tagesordnung!

Im Radkeller der hübschen Kerle

Endlich habe ich Zeit, mir in Ruhe den Radladen im Keller anzusehen. Die plüschigen Sofas und kitschigen Marilyn Monroe-Goldrahmen erinnern mich an Suicycle, den coolen Bikestore auf St. Pauli. Dieser Laden hier könnte seine kleine freche Schwester sein. Rings um mich herum stehen hübsch drapierte alte Rennmaschinen und andere Stahlrösser. Dazu noch zwei hübsche Kerle, die an alten Rädern rumbasteln und sichtlich Spaß daran haben. Während der eine eher schüchtern weiterarbeitet, kommt der andere hinterm Tresen hervor und nimmt sich Zeit, mir in fließendem Englisch das Konzept zu erläutern: Der Laden ist eine Art Selbsthilfewerkstatt, in der sie auch Räder aufbauen und verkaufen. Über Geld reden die Jungs allerdings nicht so gerne. Auch fotografieren lassen möchten sich beide nicht. Ich respektiere das.

Inspiriert von so viel Subkultur streife ich weiter durch das Diplomatenviertel und den Park, der es von der historischen Altstadt trennt. Überall versucht die Stadt, den Radverkehr durch weiße Linien und die üblichen Symbole in gewisse Bahnen zu lenken. Doch viele von Rigas Radfahrenden ignorieren das geflissentlich und fahren dort, wo es ihnen gerade passt. Durchaus nachvollziehbar, da die weißen Schablonen-Räder nicht selten enge, holprige Wege zieren, auf denen viele Touristen unterwegs sind.

Kuriere mit Puschelschwanz, aber ohne Englischkenntnisse
Rikscha statt Leihrad
Gut gefüllte Fahrradleihstation

Gerne würde ich dazu zwei Fahrradkuriere befragen, die in der Nähe der Freiheitsstatue gerade Pause machen und einen Snack nehmen. Leider beschränkt sich ihr Englisch auf „Okay“, als ich sie darum bitte, ein Foto machen zu dürfen. Also inspiziere ich lieber noch das örtliche Leihradsystem BalticBike – eine Kooperation von AirBaltic und Nextbike, die wir auch aus Hamburg kennen. An den Stationen, die ich sichte, sind fast keine Räder ausgeliehen – ein Zeichen, dass die Touristen Riga wohl noch nicht so gerne per Rad entdecken. Sie nehmen lieber die Dienste der zahlreich vorhandenen Rikschas in Anspruch. Diese sind teils sehr luxuriös ausgestattet und werden über Agenturen gebucht (z.B. Limoserviss). Fahrer oder – seltener – Fahrerin sind inklusive. Ihre Anekdoten und Tipps zum Nightlife natürlich auch.

Auf bald, du Perle am baltischen Meer!

Meine Zeit in Riga neigt sich dem Ende zu und ich muss die Heimreise antreten. Da ich zurück fliege, bläht dies meinen bisher recht kleinen ökologischen Fußabdruck auf dieser Reise leider zur gefühlten Schuhgröße 48 auf. Trotzdem nehme ich mir fest vor, diese interessante Stadt am baltischen Meer demnächst einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht hat der lettische Radfahrerverband ja dann auch schon eine englische Fassung seines Webauftritts zu bieten - bis dahin tut es auch die Seite des lettischen Tourismusverbandes.

2013 heißt es: Willkommen in Russland

Im kommenden Jahr steht das Finale der ADFC Radreise Hamburg – St. Petersburg an. In der dritten und letzten Etappe geht es vom lettischen Riga quer durch Estland über Tallin in Russlands zweitgrößte Stadt St. Petersburg. Lesen Sie auf unserer Webseite aktuelle Infos zu dieser Radreise des Hamburger ADFC. Übrigens: In der Hansestadt startet 2013 bereits die nächste Runde des Radreise-Events ins Baltikum. Kommen Sie doch mit!

Amrey Depenau in RadCity 6/2012

* Fahrrad