12.12.2014

Elberadweg und Nordsee kombinieren

Von: Wolfgang Henn

Der Elberadweg ist ja schön, doch als Nordsee-Fan kommt für mich besonders das letzte Stück in Frage. Dort schließt der Nordseeküstenweg an.

Die Tour (Karte: Michael Prahl)
Blockhüttendorf in Brunsbüttel am Schwimmbad
Pause auf der Seehundsbank bei Büsum
Gut geschützt vor Seitenwind: Innendeichstraße Richtung Friedrichstadt
Historische Fassenden in Glückstadt am Hafen

Mein vierwöchiger Radurlaub startet in Wedel. Von dort geht’s über Glückstadt, Brunsbüttel weiter auf dem Nordseeküstenweg über Büsum nach Osterhever zum Ziel auf der Halbinsel Eiderstedt. Als ungeübter Langstreckenradfahrer lässt man es langsam angehen, auch weil volle Satteltaschen deutlich mehr anstrengen. Am ersten Tag sind schon die auf der Karte kurzen 40 Kilometer von Wedel bis Glückstadt ziemlich fordernd. Dort finden das Rad und ich in einer Jugendherberge Unterschlupf. Sie ist sehr modern und liegt direkt am Hafen. So empfehlenswert sie auch ist, man darf nicht glauben, dass das für Einzelreisende billiger ist als eine der vielen Pensionen.

In diesem Jahr mache ich nur eine kurze Pause in der Matjes-Stadt Glückstadt. In der Neuzeit ist der Ort vom Dänenkönig Christian IV. als Gegengewicht zu Hamburg gegründet worden. So hat die Stadt mit ihren zahlreichen historischen Gebäuden und dem Hafenflair an der Elbe für mich als leidenschaftlichen Fotografen viel zu bieten.

Umso seltsamer das Gefühl, wenn es am nächsten Morgen hinter Glückstadt an einem Atomkraftwerk (Brokdorf) vorbeigeht. Das Atomkraftwerk, ausgebaut wie eine Festung mit Stacheldraht und Wassergraben, ist ein harter Kontrast zum Touristen-Idyll Glückstadt. In der Nachbarschaft des AKW stehen alte Reetdachhäuser am Deich. Noch eigenartiger ist wiederum, wenn man in der Nähe des AKW so viele Dächer von Häusern und Scheunen mit Solarzellen passiert.

Melancholie mit Schafen

Unterwegs treffe ich vor allem auf Schafe und vereinzelt auf Radfahrer – auf gut ausgebauten Radwegen kann ich auch mal Tempo machen, fernab von Autoverkehr und Stadt. Die schönsten Wege liegen ohnehin abseits der Autostraßen: Links die Elbe, rechts der grasbewachsene Deich – ein schönes Panorama.

Das Wetter ist wie so oft auf dem Rad Einstellungssache: Die richtige Kleidung macht auch Regen erträglich. Bei einsetzendem Regen werfe ich halt den Regenponcho über und weiter geht’s. Wenn die Sonne länger scheint, gönne ich mir kleine Pausen, am Deich liegend. Die Strecke von Glückstadt nach Brunsbüttel beträgt rund 30 km. Stramm nach Nordwesten: Mit Glück hat man hier keinen Gegenwind. Aber selbst wenn: Auch langsames Fahren bringt einen ans Ziel.

In Brunsbüttel überquere ich den Nord-Ostseekanal mit der Autofähre. Wie alle Kanalüberquerungen kostet das nichts. Auf der anderen Seite sind es nur wenige Kilometer zum Schwimmbad. Und dort liegt meine nächste Unterkunft, ein Blockhüttendorf. Die Hütten sind spärlich eingerichtet: Betten, Stuhl, Tische und Regale mit Garderobe. Die Türen haben alle elektronische Schlösser, die sich mit einem speziellen Armband öffnen lassen, ebenso das Haupttor sowie die Waschräume. Die Einrichtung ist neu und modern. Gefrühstückt wird im Schwimmbad. Alles zusammen mit Frühstück und Bettzeug für 32,50 Euro.

Küste oder Binnenland?

Am nächsten Morgen muss ich mich entscheiden: die längere Küstenstrecke oder die kürzere durchs Landesinnere? Die Wahl fällt nicht schwer: natürlich Küstenweg. Der Wind macht mir keine Sorgen, denn oft lässt sich der Deich von beiden Seiten befahren. Bei starkem Wind kann ich auf die windabgewandte Seite des Deiches wechseln.

Mein Ziel heißt Osterhever, das auf der Eider-Halbinsel liegt, und gar nicht weit weg vom bekannten Leuchtturm Westerhever. So fahre ich über das imposante Eidersperrwerk. Es ist eine ewige Baustelle, denn durch die starke Strömung werden ständig dessen Fundamente unterspült. Was so im ersten Moment für ein Naturfrevel gehalten werden kann, ist eine große Errungenschaft für Mensch und Natur. Nach der Eindeichung wurden riesige Gebiete für den Naturschutz gewonnen, unter der Federführung des NABU. Es dauerte allerdings Jahre, bevor der ursprüngliche Meeresboden entsalzen war. Für meine Kamera gibt es sofort Arbeit: Im Sommer brütet am Eidersperrwerk eine Seeschwalben-Kolonie. Teilweise sind die Jungen schon geschlüpft. So konnte ich kaum genug Bilder schießen.

Quartier für Rundtouren

In Osterhever angelangt, finde ich für die nächsten Tage eine günstige Ferienwohnung mit voll eingerichteter Küche (22 Euro pro Nacht). Von hier aus kann man gut Tagesradtouren machen, was ich ausgiebig nutze: Nach Friedrichstadt sind es nur 28 km, auf die kleine Insel Nordstrand 40 km, nach Husum 30 km. Und dann gibt es noch den Westküstenpark – er ist 20 Kilometer entfernt und ähnlich wie ein Zoo angelegt, aber mit heimischen Tierarten: Esel, Ziegen, Störche, Robben und mehr. Meine Kamera kommt in diesen Tagen nicht mehr zur Ruhe.

Auf der Rücktour gönne ich mir zwei Tage in Büsum – einem alten Strandbad. Der Strand selbst war lange Zeit eine Großbaustelle, ist nun aber endlich fertig. Die Kurpromenade wurde großzügig erneuert. Bänke am Strand laden zum Ausruhen ein. Der so genannte Krabben-Express mit umgebautem Trecker als Lok zieht Touristen in Anhängern durch Büsum und Umgebung. In Büsum gibt’s Ausflüge nach Helgoland, Fischereifahrten, Küstenfahrten und zu den Seehundsbänken. Das Schiff fährt dabei mit gebührendem Abstand an der Sandbank vorbei. Und die Seehunde stören sich offensichtlich kaum an dem Schiff.

Fazit: Meine Erwartung an diese Tour wurde fast vollständig erfüllt. Meine Empfehlung für Radler, die so eine Tour planen: Frühzeitig um das Quartier kümmern. Man findet zwar immer etwas, aber die günstigen Unterkünfte sind zuerst weg. Und wenn die Tour vorher gut geplant ist, fährt es sich einfach besser.

Wolfgang Henn in RadCity 6/2014