02.10.2011

Le petit boucle

Von: Lars Reisberg
Florian mit 80 km/h am Tourmalet-Pass.

1.600 Kilometer mit dem Rennrad durch Frankreich

Echte Tour-de-France-Straßen befahren – für Florian und mich geht ein Lebenstraum in Erfüllung. Die legendären Pässe am eigenen Leib spüren, sich in der Vertikalen abmühen, schließlich den Gipfel erreichen. Ganz zu schweigen vom berauschenden Erlebnis einer rasanten Abfahrt.

Vier Wochen vor den Profis starten wir unsere eigene Tour: La petite boucle – die »kleine Schleife«. Angelehnt an die »große Schleife«, wie die Franzosen die Tour de France auch nennen. Los geht es im heißen Nizza: Kurs Nord in die Alpen.

Helden mit Schnupfen

Am ersten Tag steht mit dem Col de la Bonette zwar nur ein einzelner Berg auf dem Plan. Mit ihm aber die höchste Straße Europas. Was es heißt, einen Tour-Gipfel zu erklimmen, merken wir Flachland-Nordlichter schnell: Die bis zu 18 Prozent steilen Flanken fordern auf dem 20 Kilometer langen Anstieg alles von uns. Dagegen ist unser Waseberg mit seinen 800 Metern (Korrektur: 80 m) Höhe und 15 Prozent Steigung der reinste Kindergeburtstag. Vier Kilometer unter dem Gipfel kommen wir in einen Schneesturm. Zuvor hat uns bereits ein dreistündiger Dauerregen durchgepeitscht. Eins steht jetzt schon fest: Auf der Tour de France werden Helden geboren – wenn auch mit Schnupfen.

Brutale 35 Grad im Schatten. Am Mont Ventoux gibt es kein Entrinnen.
Atemberaubend: Serpentinen an den Steilhängen der Alpen.
Flusslauf ohne Begradigung: Die Loire ist naturbelassen.

Wir bleiben für weitere vier Etappen in den Alpen und erklimmen den Col de Vars, den La Berarde und die berühmten 14 Kurven nach L´Alpe d´Huez. Von Grenoble aus fahren wir mit dem Zug an die Rhône nach Orange: Hier wartet mit dem Mont Ventoux mein Lieblingsberg auf uns. 2.100 Meter hoch ragt der weiße Riese aus den Weinbergen von Châteauneuf-du-Pape. Bei 35 Grad Hitze kämpfen wir uns in unter zwei Stunden den Berg hinauf. Den Gipfel zu erreichen ist wie eine Droge – das Adrenalin scheint uns förmlich aus den Ohren zu fließen.

Die Tourpässe der Pyrenäen sind brutal und wunderschön zugleich

Am nächsten Tag geht es per Bahn nach Lannemezan. Das kleine Städtchen liegt am Eingang zu den Pyrenäen. Durch dieses einzigartige Gebirge zwischen Frankreich und Spanien geht es auf den nächsten vier Teilstrecken. Wir nehmen die Pässe Col de Portillon, Col de Peyresourde, Col d´Aspin, den brutalen Tourmalet und den wunderschönen Col d´Aubisque in Angriff. Einmal überqueren wir sogar die spanische Grenze. Stück für Stück werden wir zu Bergprofis auf zwei Rädern.

Von Pau aus nehmen wir einen Mietwagen bis Bordeaux. Es geht nach Norden durch das Haut-Médoc: Weinberge und Châteaus, wohin das Auge blickt. Die traumhafte Landschaft zieht uns mehr und mehr in ihren Bann. Bis La Rochelle fahren wir am Atlantik entlang. Richtung Nantes steigen wir wieder in den Zug. Von dort aus geht es auf die letzten Etappen: entlang des wildromantischen Flusslaufes der Loire. Später folgen wir der Seine bis Paris.

So sehen Sieger aus.

Nach vierzehn Tagen »kleine Schleife« stehen 1.600 Kilometer, 17.000 Höhenmeter und jede Menge Sportlegenden in unserem Tour-Tagebuch. Es wird wohl Wochen dauern, bis wir alle Eindrücke verarbeitet haben. Was unser Nachbarland vor allem auszeichnet, sind die wunderschönen Landstriche mit ihren freundlichen Einwohnern. Leider können unsere 4.000 Reisefotos nur einen Teil dieser Gefühle wiedergeben. Wer sie live erleben will, fährt hin.

Lars Reisberg in RadCity 5/2011

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