28.01.2015

Mit dem Brompton durch London: Very british!

Von: Jörg Maltzan
Das Brompton (vorne) macht auch im Alltagsverkehr eine gute Figur

London, das sind rote Doppeldeckerbusse, Black Cabs und die Tube. Und natürlich das Fahrrad. Seit ein paar Jahren boomt Cycling in der britischen Hauptstadt und entwickelt eine lebendige Szene. Die coolste Art durch London zu radeln, ist mit einem Brompton. Die kann man an der Themse sogar mieten. Auf sehr originelle und günstige Weise.

Entleihstation für die Brompton-Falträder
Unser Autor unterwegs
Darf sogar mit ins Café

Das britische Kult-Klapprad wird tatsächlich noch im westlichen Stadtteil Brentford komplett produziert und ist bei Pendlern total beliebt. Kein anderes Faltrad ist praktischer, robuster, durchdachter. Mit Preisen ab knapp 2000 Euro ist leider auch nicht ganz billig. Doch man muss in London kein eigenes Brompton besitzen, um mit einem dieser Falträder durch London zu radeln. Seit einiger Zeit betreibt der Hersteller mit verschiedenen Partnern ein Konzept namens Brompton Bike Hire mit so genannten Brompton Docks.

Das sind Schließfächer, die sich per Zahlencode öffnen lassen und ein top gepflegtes Faltrad preisgeben. Für Gelegenheitsnutzer kostet die Mitgliedschaft nur ein Pfund, die Tagesmiete fünf Pfund, also rund sieben Euro. Billiger geht es kaum. Wer eines der normalen, blau lackierten Stadträder mietet, zahlt jedenfalls deutlich mehr und sitzt auf einem grobschlächtigen Allerweltsrahmen statt auf dem lässigen Brompton.

Das Auto ist in London auf dem Rückzug. Erstens verlangt die Stadt auch von Ausländern für das Befahren der City die Congestion Charge (Citymaut) von elf Pfund und zweitens kann man eigentlich nirgends parken. Darum fahren viele Pendler zum Beispiel bis zur Bahnstation Peckham Rye. Dort gibt es einen Bicycle Hub, in dem Räder geparkt und repariert werden.

Direkt unter den Gleisen

befindet sich auch das Brompton Dock. Wer an dem Mietprogramm teilnehmen will, registriert sich via Smartphone oder SMS. Danach ist alles ganz einfach. Durch das Senden einer SMS ans Dock erhält der Kunde einen Öffnungscode und schon – Sesam öffne Dich – blitzt ein gefaltetes Brompton aus der Schließfachtür. Auf nur etwa fünf Metern beherbergt das Dock rund 20 dieser Räder – eine extrem platzsparende Lösung.

Mit drei Handgriffen ist das Kult-Rad betriebsbereit und das kleine Rad mit den 16 Zoll-Rädern rollt.

Jede Großstadt hat ihre Radfahr-Eigenarten. In London ist das Bike seit ein paar Jahren besonders hip. Durch die Tour de France-Erfolge von Wiggins, Froome und Cavendish, durch den ge­adelten Bahn-Crack Chris Hoy und durch die Olympischen Spiele herrscht in London eine regelrechte Radsport-Euphorie. Darum: Radfahren bedeutet in London Rennradfahren und zunehmend die kleinen, praktischen Bromptons.

London ist eben eine Stadt der Kontraste. Auch bei der Architektur – von supermodern zu viktorianisch altmodisch sind es oft nur wenige Meter. Für Radfahrer hat sich in den letzten Jahren viel getan. Aber immer noch nicht genug.

Es fehlen Radwege und -Infrastruktur. Die von Bürgermeister Boris Johnson angeschobenen Bautätigkeiten können mit der Fahrrad-Massenbewegung nicht Schritt halten.

Noch kein Paradies

Mit Radfahrern ist in London zu rechnen
Das Barcleys-Leihradsystem bietet »Normalfahrräder« ...
... und ist bei einer Nutzungsdauer von mehr als 1,5 Stunden teurer als ein gemietetes Brompton.

Zwar wurden vielerorts weiße Radstreifen auf die Straße gemalt, trotzdem kommen Radfahrer nicht immer gut voran. Verantwortlich dafür sind die roten Doppeldecker-Busse. Sie halten etwa alle 200 Meter und blockieren die Straße. Außerdem stören zahlreiche Baustellen den Verkehrsfluss genauso wie lange Rotphasen an den Ampeln. Nein, ein echtes Fahrradfahrer-Paradies wird London so schnell nicht.

Auch wenn zahlreiche Fahrradgeschäfte und Bike-Cafés den Kult voran treiben. So wie etwa BLB. Das steht für Brick Lane Bikes – ein sehr bekannter Laden, der sich durch stylische Sättel, Naben und Zubehör aller Art weltweit einen Namen gemacht hat. BLB ist so bekannt, dass die globale Modekette H&M vergangenes Jahr mit BLB eine Kooperation eingegangen ist und spezielle Radklamotten auf den Markt gebracht hat.

Ganz in der Nähe, in der Old Street, befindet sich »Look mum no hands« (LMNH). Übersetzt heißt das »Guck Mama, ich fahre freihändig«. LMNH ist ein Fahrradcafé, besser ausgedrückt die Urzelle aller Fahrradcafés, eine Institution. Während der Tour de France wird jede Etappe live übertragen. Rund drei Viertel des Cafés steht voll wackeliger Stühle und ausgemusterter Schultische. Tafeln mit Kreideschrift verkünden das Angebot: »Pasta with rich meat sauce« oder »Avocado salad«.

Im LMNH parken öfters Bromptons unter den Tischen. Ein Schloss ist überflüssig. Einfach das Brommi mit drei Handgriffen klein machen und mitnehmen. Sogar bis auf die Toilette.

Für längere und schnellere Touren durch die Stadt empfehlen sich die sogenannten Cycle Superhighways. Das sind durchgehend blau markierte Radschnellwege, auf denen es besonders zügig vorwärts geht. Funktioniert auch. Jedenfalls viel, viel besser als als auf den mit Bussen und Taxen verstopften Hauptstraßen. Sogar kostenlose Luftpumpen hat Bürgermeister Johnson fest im Boden installieren lassen. Aber das gibt es ja in Hamburg inzwischen auch.

Am Ende des Tages verschwindet das Brompton wieder dort, wo es heute Morgen parkte: im Brompton Dock in der Bahnstation Peckham Rye. Ein geniales Konzept.

Jörg Maltzan in RadCity 1/2015