02.10.2009

Mit dem Liegerad durch Kanada

Von: Lars Reisberg

Kanada: unendliche Wälder, reißende Flüsse, die Rocky Mountains – ein Traumland für viele Europäer. Lars Reisberg erfüllte sich diesen Traum und durchquerte Kanada von Ost nach West auf seinem Liegerad.

Es ist noch früh in Calgary, als ich mein Rad vor das Motel schiebe, die schweren Taschen befestige und mich daranmache, auf den Highway 1 einzubiegen. Hier beginnt der Trans Canada Highway, dem ich folgen werde.

Trotz der frühen Stunde ist schon Rushhour auf der Autobahn. Ich schwitze schon nach fünfzig Metern, bin unsicher, eingeschüchtert und quetsche mich an den äußersten Rand der drei Spuren. Aber schnell lerne ich, was mich in den nächsten 3 Wochen begleiten wird: Kanadier sind höflich, gelassen und vorsichtig.

Eine Stunde später habe ich das Gewusel Calgarys verlassen und trete sicher meinen runden Rhythmus. Nach Westen geht es. So wie die Cowboys damals will ich mir das Land erobern.

Eine Wand aus schroffen, schneebedeckten Felsgipfeln nähert sich. Dieser Anblick der Rocky Mountains ist beeindruckend. Riesige, drohende Berge, brutal abfallende, steile Hänge, Lawinengebiet, Bären-Revier. Staunend trete ich gegen die ersten Steigungen an. Und auf einmal bin ich mitten drin, in den Rockies.

Fahren auf dem Highway? Kein Problem! Der luxuriös breite Seitenstreifen, durch »Speed-Bumps« vom Auto- und Truckverkehr getrennt, bietet eine sichere und komfortable Fahrbahn.

Weiter geht es nach Golden. Der Highway 1 windet sich hier durch eine atemberaubende Wildnis: tiefe, dichte und dunkle Wälder, ungezähmt durch ihr Bett schießende, wild schäumende Flüsse. Schilder warnen vor gefährlichen Tieren Einsamkeit und Weite überwältigen mich. Oben thronen die mächtigen Gipfel der riesigen Berge, in den tiefen Tälern zähle ich schwitzend die Kilometer.

Es geht rauf und runter, aber nie wirklich anspruchsvoll, sodass ich überraschend hohe Schnitte fahren kann. Ich übernachte in wundervollen Bed and
Breakfasts, erlebe heimelige Gastlichkeit und authentisches Kanada bei echten Familien und netten Gesprächen. Es scheint, als biete Kanada all das, was wir an den USA mögen - ohne das, was wir an den USA nicht mögen. Ich fühle mich wohl.

Ich lerne, früh loszufahren - es geht über die ersten Pässe. Rogers Pass zum Beispiel: 1.400 Meter hoch, Schneetunnel, harte Arbeit in brutzelnder Sonne. Ruhig bleiben, am Berg nicht überdrehen, viel trinken und sich unter Kontrolle halten, das sind die Geheimnisse.

Mit brennenden Waden und voller Endorphine schieße ich auf der anderen Seite bergab, hinab, hinab, schneller und immer schneller. Bis 76 km/h zeigt mein Bike-Computer, dann bremse ich - das Liegerad ist schwer beladen und nervös, Rekorde aufzustellen ist nicht mein Ziel, auch nicht, das kanadische Gesundheitssystem zu testen.

Die Reiseführer raten zu einer Kanadadurchquerung von West nach Ost. Ab Mittag erfahre ich warum: Starke Winde, von den engen Tälern getunnelt und verstärkt, pfeifen über die Berghänge. Gegenwind für den, der diesen Rat nicht beherzigt. Man steckt in einer Wand aus Wind. Kann noch so hart treten und kommt doch nicht voran.

Die Etappen nach Salmon Arm und Kamloops sind wenig ereignisreich. In positivem Sinne, denn ich kann ausgiebig die Schönheit der Natur, diese wild-romantischen Wasserläufe, grün bewaldeten Berghänge und die kleinen, aber faszinierenden Attraktionen am Highway genießen.

So wie die »Spiral Tunnels« - zwei Spiralen, die man Ende des 19. Jahrhunderts in zwei gegenüber liegende Berge gesprengt hat. Dort sieht man, wenn die überlangen Güterzüge einfahren, einen einzigen Zug an zwei Stellen gleichzeitig in den Berg verschwinden und ihn darunter wieder an zwei Stellen aus dem Berg herauskommen – eine Meisterleistung der SIngenieurstechnik!

Ich treffe jeden Tag Deutsche. Manchmal rede ich gern mit ihnen. Manchmal schäme ich mich und schweige, bin froh, dass ich locker auch als Schwede durchgehe. So wie bei dieser Dame, die mir erklärt, dass Vancouver wunderschön sei - bis auf die vielen Ausländer, die extrem stören würden. Tolle Reiseweltmeister sind wir!

Die Rampe von Kamloops, ein 20 Kilometer langes, steiles Bergaufstück, versetzt mich in Rage. In einer Sturmetappe werde ich auf unter 15 km/h abgebremst. Einen taifunartigen Regenguss überlebe ich nur, weil ich beherzt eine einsame Blockhütte stürme. Schließlich kämpfe ich mich über den Coquihalla-Pass, auf dessen Rückseite ich 35 km lang mit einem Schnitt von 65 km/h bergab schieße.

Irgendwann, nach 8 Etappen, bin ich in Vancouver. Der lebenswertesten Stadt der Welt, wie man sagt. Und es stimmt: Eine sportliche, asiatisch angehauchte, entspannte Atmosphäre empfängt mich - es gibt Radwege, Bike-Lanes und jede Menge Radfahrer. Ich treffe sogar einen Liegeradler.

Mit der Fähre geht es hinüber nach Vancouver Island, wo ich die großartige Hauptstadt Victoria besuche. Von dort - wiederum mit einer Fähre - in die USA. Noch eine Etappe brauche ich, um mein Ziel Seattle zu erreichen.

Seattle: Die größte Stadt im Nordwesten der USA, wirtschaftliches, wissenschaftliches und kulturelles Zentrum. Hier endet meine Tour nach 1.288 Kilometern, 16.000 Höhenmetern, 44 Bananen und 0 Platten. Ich habe alpine Brocken bezwungen, bin an wilden Flüssen gefahren, habe die Jagdgründe von Indianerstämmen durchquert, war im „Bear Country“ und habe doch wieder eines eindrucksvoll gelernt: Unseren Planeten kann man umso schöner erfahren, wenn man es auf dem Fahrrad tut: Ehrlich verdiente Kilometer, stetig surrend, statt nach Abgas stinkend.

Lars Reisberg in RadCity 5/2009

»Menschen sollen reisen«

RadCity: Du hast der RadCity schon Reiseberichte über Portugal und Schweden geschickt. Jetzt mailst du aus den USA. Du reist mit dem Flugzeug und deine Ziele liegen nicht um die Ecke. Hast du keine ökologischen Bedenken?

Lars Reisberg: Die CO2-Bilanz der Flüge macht mich nicht glücklich. Aber ich halte dagegen: Ich besitze kein Auto und nutze neben dem Fahrrad nur öffentliche Verkehrsmittel. Ich weiß nicht, ob das die CO2-Tonnen meiner Flüge neutralisiert. Jedenfalls reinigt es mein Gewissen.

Du musst es ja nicht mit dem Autofahren vergleichen. Alternativ wäre doch auch denkbar: weniger reisen, Ziele aussuchen, die ohne Flugzeug erreichbar sind.

Menschen sollen ruhig reisen und sich die Welt anschauen, all die fantastischen Plätze ansehen und mit anderen Menschen kommunizieren. Unsinn ist allerdings, mal eben für zwei Tage nach New York zum Shoppen zu fliegen.

Menschen werden immer reisen. Die Frage ist doch: Verbringe ich den Urlaub dann ab Calgary auf dem Rad oder nehme ich mir einen Leihwagen. Die meisten mieten sich hier einen fetten Pickup mit Wohnanhänger. Dann doch lieber Fahrrad und null Emissionen!

Fragen: Ulf Dietze

Bed & Breakfast-Häuser bieten authentische ...
... Atmosphäre als echte (fahrradfreundliche) ...
... Alternative zu Motels und Hotels.
Der erste Bergpass ist geschafft – Rasante Abfahrt vom Rogers Pass aus 1.300 Metern Höhe Seattles
Straßen bieten dem Radler besondere Herausforderungen ...
Der Autor arbeitet als Unit-Manager in einer Hamburger Online-Agentur.