RadCity, Reisen
06.02.2016

Mit dem Singlespeed-Klapprad auf Amrum

Von: Amrey Depenau
Sonnenuntergang rund um Silvester
Auf den Leuchtturm durfte der Klappflitzer dann aber doch nicht mit

Neuer Eingang auf der Insel

Eigentlich habe ich diese Regel: Niemals mit dem Rad auf Amrum fah­ren! Dann ist die Insel plötzlich so klein. Zu Beginn der Nullerjahre habe ich mir mal ein Rad geliehen und bin in weniger als einer halben Stunde von Norddorf nach Wittdün quer über die ganze Insel gefahren. Traumatisch. Die Unendlichkeit reduziert auf einen Kurztrip. Denn das ist es, was mich an Amrum so fasziniert: Ich gehe jedes Mal dieselben Wege und diese immer wieder neu. Ich entdecke Kleinigkeiten, kann stundenlang wandern, laufe, bis ich durchgefroren und erschöpft bin und mir die Rumkugel der Konditorei Claussen in Nebel verdient habe.

Gepäckstück

Doch diesmal wage ich es. Die Bahnfahrt verläuft entspannt. Zusammengeklappt ist das Eingangrad ein leichtes Gepäckstück und schnell hinter bzw. neben meinem Sitz verstaut. Zug und Fähre sind randvoll. Am Tag nach Weihnachten strömt alles auf die Inseln. Die Kinder der Insulaner wollen Heimat atmen, die Rheinländer wollen mal ans Meer, die Berliner an die frische Luft. Und dazwischen haufenweise Hamburger LehrerInnen und Hipster. Ich bestelle mir ein Bier und genieße das Brummen der Fähre.

Freiheit

Am Anleger zum ersten Mal das wirklich Neue: Sonst versuche ich, so von der Fähre zu kommen, dass ich im überfüllten Bus einen Sitzplatz ergattere. Nun klappe ich entspannt mein Rad aus und rolle an allen vorbei zu meinem Quartier in Süddorf. Mit dem Ostwind im Rücken bin ich schneller als der Bus. Meine Rückenmuskulatur ist am nächsten Morgen dann aber doch etwas verkatert. Da der Kühlschrank leer ist, kommt das Rad trotzdem gleich wieder zum Einsatz. Ich fahre nach Wittdün und kaufe in der "Bio-Düne" und dem Zentralmarkt alles ein, was mein Leckermäulchen begehrt. Dann fahre ich heim und genieße das Frühstück. Ein ganz neues Gefühl, unabhängig von schlecht getakteten Bussen einfach mal schnell ... alles machen zu können.

Kein Taxi

Das merke ich besonders einige Tage später. In der Kirche in Nebel ist eine "Musikalische Abendfeier". 18 Uhr ist normalerweise eher die Zeit, zu der ich nach einem ausgiebigen Spaziergang auf dem Sofa eingerollt bin. Doch das Fahrrad ruft und der Weg nach Nebel ist kurz. So fahre ich rechtzeitig zur Kirche und sichere mir einen guten Platz auf der Empore. Der Pastor fragt noch, wer nach der Feier ein Taxi braucht. Viele Arme gehen hoch - ich lächle nur mild.

Gen Norden

In Norddorf bin ich in diesem Jahr so häufig wie lange nicht mehr. Sonst fehlt mir meist die Puste, um über den Kniep bis Norddorf zu gehen. Und mit dem Bus hinfahren - warum?Jetzt genieße ich die Fahrt durch den Wald und mache sogar einen Abstecher zur Vogelkoje und zum Quermarken-feuer. Bei starkem Gegenwind bringt mich der eine Gang mit großer Übersetzung auf dem Rückweg richtig ins Schwitzen. Einige Tage später fahre ich mit Rückenwind auf der Wattseite und radle bis zum Strand, der in Norddorf nur ein schmaler Streifen ist, mit Blick auf die Südspitze von Sylt.

Neujahr

Die Krönung ist die Silvesternacht. Um viertel vor zwölf steige ich auf den Flitzer und fliege zu meiner Lieblingsdüne, auf der ich um Mitternacht in den sternklaren Himmel blicke - vor mir das rauschende Meer, hinter mir die Strahlen des Leuchtturms. In der Ferne auf Föhr einige kleine Feuerwerke. Herzlich willkommen neues Jahr! Wenig später bin ich dank Fahrrad schon wieder daheim und schlummere selig in den Neujahrsmorgen hinein. Amrum ist anders und genauso wunderbar mit eigenem Rad!

Amrey Depenau in RadCity 1/2016